EM-Aus für Kapitänin

Expertin macht nach Gwinn-Schock überraschende EM-Ansage für Deutschland

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Die EM ist für DFB-Kapitänin Giulia Gwinn beendet. Expertin Carmen Höfflin erklärt, warum der Ausfall schwer wiegt, sie aber optimistisch bleibt.

München/Bern – Carmen Höfflin ist eine der bekanntesten Stimmen im deutschen Frauenfußball. Die ehemalige Spielerin des SC Freiburg arbeitet heute als Expertin und Co-Kommentatorin für DAZN und begleitet die laufende Frauen-Europameisterschaft in der Schweiz.

Fußball-Europameisterschaft der Frauen - alle Titelträger im Überblick

1984 Schweden: Bei der Turnier-Premiere 1984 setzten sich die Schwedinnen im Elfmeterschießen mit 4:3 gegen England durch
1984 Schweden: Bei der Turnier-Premiere 1984 setzten sich die Schwedinnen im Elfmeterschießen mit 4:3 gegen England durch. © IMAGO/Lars Jansson/EXP/TT
1987 Norwegen: Drei Jahre später unterliegt der amtierende Europameister Schweden dem Gastgeber Norwegen. Das Finale im skandinavischen Duell endet mit 2:1.
1987 Norwegen: Drei Jahre später unterliegt der amtierende Europameister Schweden dem Gastgeber Norwegen. Das Finale im skandinavischen Duell endet mit 2:1. © IMAGO/Hanssen, Eystein
1989 BR Deutschland: Beim Heimturnier 1989 legen die DFB-Damen den Grundstein für eine große Ära. Im Finale gelingt ein 4:1 gegen Titelverteidiger Norwegen.
1989 BR Deutschland: Beim Heimturnier 1989 legen die DFB-Damen den Grundstein für eine große Ära. Im Finale gelingt ein 4:1 gegen Titelverteidiger Norwegen. © IMAGO/HORSTMUELLER GmbH
Beim Turnier in Dänemark trifft die deutsche Mannschaft abermals im Finale auf Norwegen. Dank eines 3:1 nach Verlängerung kann der Titel verteidigt werden.
1991 Deutschland: Beim Turnier in Dänemark trifft die deutsche Mannschaft abermals im Finale auf Norwegen. Dank eines 3:1 nach Verlängerung kann der Titel verteidigt werden. © IMAGO/Brun, Agnete
1993 Norwegen: Bei der vierten Finalteilnahme in Folge kehrt Norwegen zurück auf Europas Fußballthron. Im Finale schlägt die Mannschaft Gastgeber Italien mit 1:0.
1993 Norwegen: Bei der vierten Finalteilnahme in Folge kehrt Norwegen zurück auf Europas Fußballthron. Im Finale schlägt die Mannschaft Gastgeber Italien mit 1:0. © IMAGO/Lise Åserud
1995 Deutschland: Deutschland zum Dritten! Auf dem Betzenberg schlägt die DFB-Elf Schweden mit 3:2.
1995 Deutschland: Deutschland zum Dritten! Auf dem Betzenberg schlägt die DFB-Elf Schweden mit 3:2. © imago sportfotodienst
1997 Deutschland: Für den 2:0-Sieg gegen Italien erhält die deutsche Mannschaft politische Ehren. Es ist der vierte Frauen-EM-Titel in der Verbandsgeschichte.
1997 Deutschland: Für den 2:0-Sieg gegen Italien erhält die deutsche Mannschaft politische Ehren. Es ist der vierte Frauen-EM-Titel in der Verbandsgeschichte. © imago sportfotodienst
Mit dem 1:0-Erfolg über Schweden gelingt beim Heimturnier 2001 der Titel-Hattrick
2001 Deutschland: Mit dem 1:0-Erfolg über Schweden gelingt beim Heimturnier 2001 der Titel-Hattrick. © imago sportfotodienst
2005 Deutschland: Immer wieder Deutschland! Auch beim Turnier in England ist die Mannschaft nicht zu stoppen und besiegt Norwegen im Endspiel mit 3:1.
2005 Deutschland: Immer wieder Deutschland! Auch beim Turnier in England ist die Mannschaft nicht zu stoppen und besiegt Norwegen im Endspiel mit 3:1. ©  via www.imago-images.de
Feier mit Symbolkraft: Nach dem abermaligen Triumph bei der EM in Finnland wird die Mannschaft nach dem 6:2-Erfolg gegen England am Frankfurter Römer empfangen.
2009 Deutschland: Feier mit Symbolkraft. Nach dem abermaligen Triumph bei der EM in Finnland wird die Mannschaft nach dem 6:2-Erfolg gegen England am Frankfurter Römer empfangen. © imago sportfotodienst
2013 Deutschland: 2013 gelingt beim Turnier in Schweden der sechste Titel in Serie. Ein 1:0 gegen Norwegen bedeutet den bislang letzten deutschen EM-Sieg.
2013 Deutschland: 2013 gelingt beim Turnier in Schweden der sechste Titel in Serie. Ein 1:0 gegen Norwegen bedeutet den bislang letzten deutschen EM-Titel. © IMAGO/Pontus Orre/Aftonbladet/TT
2017 Niederlande: Das vorläufige Ende der DFB-Dominanz. Beim Turnier in den Niederlanden können sich die Gastgeberinnen zum ersten Mal zur Europameisterin krönen. Im Finale schlagen sie Dänemark mit 4:2.
2017 Niederlande: Das vorläufige Ende der DFB-Dominanz. Beim Turnier in den Niederlanden können sich die Gastgeberinnen zum ersten Mal zur Europameisterin krönen. Im Finale schlagen sie Dänemark mit 4:2. © Matt West/BPI/Shutterstock
2022 England: Und wieder siegen die Gastgeberinnen. Gegen England muss die DFB-Elf ein bitteres 1:2 nach Verlängerung hinnehmen. Für England ist es der erste EM-Titel.
2022 England: Und wieder siegen die Gastgeberinnen. Gegen England muss die DFB-Elf ein bitteres 2:1 nach Verlängerung hinnehmen. Für England ist es der erste EM-Titel. © IMAGO/Jonathan Brady

Vor dem zweiten Gruppenspiel der DFB-Frauen gegen Dänemark (Dienstag, 18 Uhr, alle TV-Infos) spricht Höfflin im Interview mit Absolut Fussball, dem Fußball-Portal von Home of Sports, über ihre ersten Eindrücke vom Turnier, die Entwicklung des Frauenfußballs, ihre eigene Laufbahn und den Ausfall von Giulia Gwinn.

DAZN-Expertin Carmen Höfflin im Interview über die Frauen-EM 2025

Frau Höfflin, die Frauen-Europameisterschaft in der Schweiz ist in vollem Gange. Wie fällt Ihr erstes Zwischenfazit aus?
Es herrscht eine unfassbar geniale Stimmung. Was die Schweiz dort aufzieht, ist wirklich überragend. Der Fanmarsch der Schweizer Fans mit 14.000 Menschen war wirklich der Wahnsinn! Auch vom spielerischen Niveau her verhält es sich sehr stark. Das spiegelt sich auch in den Eindrücken der Leute auf der Straße, die mich darauf ansprechen, wider. Mich freuen solche Rückmeldungen, die Entwicklung des Frauenfußballs macht mich stolz.
Sie sprechen einen wichtigen Punkt bereits an. Wie würden Sie die Entwicklung des Frauenfußballs von Ihrer aktiven Zeit bis heute beschreiben?
Der Frauenfußball hat einen wahnsinnigen Sprung vollzogen. Bis vor zehn Jahren war das wirklich noch eine ganz andere Welt. Der Frauenfußball war medial überhaupt nicht sichtbar. Kurz bevor ich meine Karriere in der Saison 2014/15 beendet habe, fing es erst richtig mit den Übertragungen an. Es hat sich die letzten Jahre ganz viel getan, das ist sehr gut! Auch die Männervereine investieren mehr, würdigen ihre Frauen, weil sie das Potenzial erkennen. Die Mädels zahlen das mit sportlicher Leistung zurück, da sie jetzt die Voraussetzungen dafür haben.
Wie sah es bei Ihnen aus?
Das gab es bei mir noch nicht. Ich habe immer 100 Prozent nebenbei gearbeitet. Manchmal kommt ein bisschen positive Wehmut bei mir auf, wo ich denke: Wie cool wäre es gewesen, sich nur auf den Sport zu konzentrieren? Aber ich gönne es den Mädels voll und pushe das so gut es geht. Das ist eine wahnsinnige Entwicklung.
Sie haben bereits zwei EM-Titel gewonnen – zwar nicht als Profifußballerin, aber mit dem Nationalkader der Polizei. Können Sie uns bitte diese Geschichte erzählen?
Es gibt bei der Polizei in ganz Deutschland Länderwettbewerbe, sei es im Fußball oder Schwimmen, denn der Sport wird stark unterstützt. Das macht jedes Bundesland für sich. Es gibt erst die Länderwettbewerbe, bei denen man in Auswahlmannschaften regional in einem Bezirk spielt. Bei den deutschen Meisterschaften war dann der Polizei-Nationaltrainer vor Ort und hat aus allen Bundesländern gesichtet und sich seine Nationalmannschaft zusammengestellt. So kam es, dass ich in den Nationalkader aufgenommen wurde, 2012 und 2016 die Europameisterschaft feiern durfte. Übrigens konnte die Nationalmannschaft der Polizei vor einem Monat einen weiteren EM-Titel gewinnen.

Spielplan zur Frauen-Fußball-EM 2025

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Nach Ihrer aktiven Karriere sind Sie in den Medienbereich gewechselt. Wie wurden Sie zur TV-Expertin?
Der Medienbereich hat mich schon immer interessiert. Ich habe mit 16 bei der Polizei begonnen und auch immer gleichzeitig meinen Dienst bei der Hundestaffel absolviert, das hat mir viel Spaß bereitet. Allerdings hatte ich vor ein paar Jahren einen Dienstunfall. Daraus ist ein Trauma entstanden, worauf ich aus dem Dienst genommen wurde. Es war eine ziemlich schwierige Zeit für mich. Mit der Hilfe meines Therapeuten habe ich erarbeitet: Was macht dir denn Spaß? Bei mir war es schon immer der Fußball.
Der Fußball war und ist für mich schon immer ein ganz wesentlicher Teil meines Lebens. Gemeinsam mit den vielen sozialen Projekten, die ich begleite, geben mir der Fußball, die Menschen darum herum und meine Aufgabe im Medienbereich Kraft, Sinn und Lebensfreude.
Letztlich bin ich dann zu den Bananenflanker Legenden gekommen, habe dort Fußball für gute Zwecke gespielt. Ich habe dort Leute wie Tobias Schweinsteiger, Benny Lauth oder die Brüder Uli und Joachim Hebel kennengelernt, die als Kommentatoren tätig sind. Als DAZN die Frauen-Bundesliga-Rechte vor zwei Jahren erworben hat, habe ich mich um Kontakte bemüht, bin hospitieren gegangen und habe daraufhin eine Chance gekriegt, die ich nutzen konnte.
Nun nochmal der Blick zur laufenden EM: Die deutsche Nationalmannschaft muss fortan ohne Kapitänin Giulia Gwinn auskommen. Wie schwer trifft der Ausfall das Team von Bundestrainer Christian Wück?
Natürlich brutal hart. Giuli hat auch in Freiburg gespielt, in meinem Heimatverein, jetzt spielt sie beim FC Bayern. Egal, wo sie ist, sie ist wirklich eine Leaderin. Sie mag nicht immer die auffälligste Spielerin für den neutralen Zuschauer auf dem Platz sein, aber es ist bemerkenswert, was sie im Team – mit ihrer Persönlichkeit, aber auch mit ihren Fähigkeiten auf dem Platz – bewegt.
DAZN-Expertin Carmen Höfflin (r.) spricht über den Ausfall von Giulia Gwinn (l.).
Sie macht vielleicht keine zehn Übersteiger, ist aber ungemein wichtig. Die Aktion, bei der sie sich verletzt hat, war sinnbildlich dafür, wie wichtig sie für das Team ist. Das ist natürlich ein herber Rückschlag, aber ich glaube trotzdem, das Teamgefüge ist so genial, dass sie das hinbekommen!
Carlotta Wamser ersetzte Giulia Gwinn gegen Polen auf der Außenverteidigerposition bravourös. Wie haben Sie ihren Auftritt gesehen?
Ich fand es faszinierend und beeindruckend, wie Carlotta Wamser ins kalte Wasser geschmissen wurde und richtig stark performt hat. Klar, wird es gegen einen Gegner wie Dänemark, der jetzt unter Zugzwang steht und offensiv spielen muss, etwas anderes als gegen Polen und Wamser ist eigentlich eine gelernte Mittelfeldspielerin – aber sie macht es als Außenverteidigerin wirklich super.
Trauen Sie dem deutschen Team trotz des Gwinn-Ausfalls zu, Europameisterinnen zu werden?
Vor ein paar Wochen war ich noch skeptisch. Da gab es zuweilen wirklich Spiele, bei denen sich die Leistungen in beiden Halbzeiten komplett unterschieden haben. Aber sie haben es immer wieder umgebogen bekommen – nur die Konstanz hat gefehlt. Wenn sie jetzt die Konstanz halten können und noch effizienter werden – sie haben im ersten Spiel zwei Riesen-Großchancen liegen lassen, die wirklich drin sein müssen –, traue ich ihnen alles zu.
Der Spirit in der Mannschaft dieses Jahr ist so gut, dass alles passieren kann. Aber klar, erst mal geht es darum, über die Gruppenphase hinauszukommen. Das Viertelfinale wird schon richtig hart. Einfach wird es sicherlich nicht, denn es gibt natürlich noch zwei, drei andere Mannschaften, die im Weg stehen.
Welche Teams sehen Sie als größte Konkurrenten?
Was Spanien auf den Platz bringt, ist wirklich faszinierend, sie sind ein Aushängeschild. Ich schmelze dahin, wenn ich mir deren Fußball anschaue. An das Spielerische kommen wir sicherlich nicht heran, aber das hat ganz viele andere Ursachen, wie der Fußball in Deutschland oder Spanien aufgebaut wird.
Ansonsten ist Frankreich natürlich auch brandgefährlich mit der eigenen Schnelligkeit. England ist auch nicht zu unterschätzen, auch wenn sie das erste Spiel verloren haben. Es sind wirklich extrem starke Mannschaften dabei. An diesen Teams lässt sich erkennen, wie beachtlich sich jede einzelne Spielerin und das Teamgefüge weiterentwickelt haben – das Niveau ist richtig klasse.
Sie schwärmen besonders von Spanien. Würden Sie so weit gehen und sagen, Spanien ist im Frauenfußball das Nonplusultra und das Paradebeispiel dafür, wie die Strukturen sein sollten?
Sicherlich nicht überall in Spanien. Der FC Barcelona ist ein Aushängeschild, weil die den Frauenfußball wie bei den Männern von der kleinsten Jugend an aufziehen. Jede Spielerin kann ohne großes Briefing reingeworfen werden und weiß, was sie zu tun hat. Aber das ist auch nicht in ganz Spanien so.
Ich kann nur für mich sagen, dass es der Fußball ist, den ich sehr gerne anschaue. Aber wir haben in Deutschland auch wahnsinniges Potenzial. Wir haben eine klasse Offensive – gerade unsere beiden Außenbahnen würde ich als beste Außenbahnen des Turniers beschreiben.
Was erhoffen Sie sich vom Turnier für die weitere Entwicklung des Frauenfußballs?
Wie die Leute mitgehen in diesem kleinen Land Schweiz, ist wirklich der Wahnsinn. Und auch, dass beim Deutschland-Spiel gegen Dänemark 15.000 deutsche Fans mitreisen werden. Ich muss die ganze Zeit grinsen, weil es einfach so schön ist. Jede Spielerin aus meiner Generation wird sich wünschen, dass es schon viel länger so gewesen wäre, da es einfach ein Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung ist.
Ich hoffe, dass sich dieser Hype über die EM weiterträgt, dass auch die Bundesliga-Stadien bei kleineren Vereinen mehr gefüllt sind. Das ganze mediale Interesse, das jetzt bei der EM da ist, würde ich mir auch im Liga-Betrieb wünschen, weil das zur Entwicklung beiträgt. Wenn die Leute nichts sehen, nichts mitbekommen über die Medien, dann kann es nicht vorangehen. Es geht nicht nur um Fußball, sondern auch um die Persönlichkeiten, um die Geschichten – jetzt gerade auch mit Giulia Gwinn. Das bewegt die Leute. Für die Zukunft erhoffe ich mir, dass noch mehr Gelder reinkommen, damit Vereine die Möglichkeit besitzen, noch mehr in die Entwicklung zu investieren.

Interview: Adrian Kühnel

Rubriklistenbild: © Collage: IMAGO, Absolut Fussball

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