Optionen haben sich für den Mittelfeldspieler zerschlagen, Eintracht hält ihm die Tür offen / Schafft Trainer Toppmöller es, die Talente einzubauen?
In der Vorbereitung auf seinen neuen Job, der ganz sicher sein bisher anspruchsvollster und wichtigster sein wird, überließ Eintracht-Trainer Dino Toppmöller nichts dem Zufall. Den Esstisch funktionierte er, da deutlich größer, zum Schreibtisch um, darauf verteilt lagen unzählige mit Pfeilen, Kreuzen und Kreisen bemalte Blätter, zwischendrin sein Laptop. „Fragen Sie mal meine Frau, wie es aussah“, flachst der Frankfurter Fußballlehrer. Klarer Fall von: Akribie im Chaos.
Wie wird die Abwehr von Eintracht Frankfurt in der neuen Saison aufgebaut?
Hinzu kommen etliche Analysen und Auswertungen der vergangenen Saison, als ja noch Oliver Glasner die Verantwortung trug. Da will einer ganz genau wissen, was lief gut und was lief schlecht und vor allem: warum? Der 42-Jährige tüftelt an Spielzügen und Taktiken, dem Verhalten in der Offensive und Defensive, bei Ballgewinn und Ballverlust.
Lauscht man seinen Ausführungen, so fallen häufig Schlagworte wie „Ideen“, „Prinzipien“, vor allen Dingen aber: „Struktur“. Ein klarer Plan ist ihm wichtig, Organisation, die nicht zulasten von Kreativität gehen soll. Die Spieler sollen wissen, wie sie sich in bestimmten Situationen zu verhalten haben, wann sie, als Beispiel, eher an den zweiten Pfosten flanken oder an den ersten. Dino Toppmöller will sich, fußballspezifisch, auch nicht festlegen lassen, ob er nun an der in Frankfurt seit Jahren praktizierten Dreierkette festhält oder doch auf den Viererriegel setzen wird. Er wolle zunächst einmal die Spieler persönlich und auf dem Platz kennenlernen, eruieren, wo sie sich wohlfühlen, welche Positionen die besten für sie sind. Ihm sei, noch so ein Schlagwort, eine gewisse „Flexibilität“ im Spiel wichtig.
Die erfolgreichsten Trainer von Eintracht Frankfurt
Eintracht Frankfurt hat mit den Neuzugängen Koch und Skhiri neue Optionen
Doch klar ist auch: Die Mannschaft hat in den vergangenen Jahren stetig mit einer Dreier-Abwehr performt, sie kenne die Abläufe und Anforderungen, da wäre es ja förmlich widersinnig, sie zwanghaft in ein neues Korsett zu pressen, das ihr vielleicht gar nicht passt. „Wir werden jetzt nicht alles über den Haufen werfen“, sagt Toppmöller, schränkt aber ein, dass er sicher die Viererkette prüfen, testen und einstudieren lassen werde, denn: „Ich habe den Anspruch und den Wunsch, dass wir in beiden Systemen erfolgreich sein können.“
Ein Schlüssel könnte, in beiden Varianten, Robin Koch sein, der Neue aus Leeds. Der fast 27-Jährige sei universell einsetzbar, rechter Innenverteidiger, Libero, Sechser. „Er war bei einer Europameisterschaft dabei und hat den Anspruch, wieder Nationalspieler zu werden“, urteilt Toppmöller. Ähnliches gilt für Ellyes Skhiri, der im Mittelfeld eine zentrale Figur einnehmen soll. „Er hat schon zwei Weltmeisterschaften gespielt, es ist wichtig, auf zentralen Positionen Spieler mit Erfahrung zu haben. Sie sollen Führungsaufgaben übernehmen und unsere jungen Spieler unterstützen.“
Rolle rückwärts bei Daichi Kamada und Eintracht Frankfurt?
Das gilt auch weiterhin für Makoto Hasebe, den der neue Coach hochschätzt und gerade seine Disziplin, seine Professionalität und seinen Charakter lobt. Andernfalls hätte er nicht so lange auf diesem Niveau spielen können. Hasebes Landsmann Daichi Kamada könnte übrigens womöglich noch mal eine Rolle in Frankfurt spielen. Seine bisherigen Wechseloptionen haben sich alle zerschlagen, auch der AC Mailand nahm nun Abstand, kein Bedarf mehr auf der Position. Und: Zu viele Nicht-EU-Spieler im Kader verbarrikadieren den Weg. Sportvorstand Markus Krösche hält Kontakt mit der Berateragentur, hat Kamada die Tür geöffnet. Gänzlich ausgeschlossen ist eine Rückkehr nicht, aber doch eher unwahrscheinlich. Kamada spekuliert als ablösefreier Spieler auf ein üppiges Handgeld. In Frankfurt würde er nicht automatisch mehr Geld verdienen, müsste die Bedingungen des Klubs akzeptieren und würde letztlich als der dastehen, der sich verzockt hat. Das freilich ist nichts, was sich nicht überwinden ließe, wenn die volle Überzeugung vorhanden wäre. Sportlich wäre Kamada für die Eintracht ein Gewinn.
Ein heißer Kamada-Nachfolge-Kandidat bleibt Fares Chaibi, 20, vom FC Toulouse. Da sind die Ablöseforderungen aber noch zu hoch. Bei Stürmer Jessic Ngankam von Hertha BSC ist die Eintracht einen Schritt weiter, fünf Millionen Euro soll der U21-Nationalspieler kosten. Neu im Spiel ist für die Position des Linksverteidigers ist der 22-jährigen Niels Nkounkou von Saint-Etienne.
Eintracht-Coach Toppmöller ist ein Fan von Aaronson
Generell ist interessant, ob Dino Toppmöller es schafft, junge Spieler einzubauen. Er selbst sagt: „Das war ja ein Thema in der Öffentlichkeit.“ Das stimmt, es war aber auch intern eines. Die Sportliche Leitung war gar nicht zufrieden damit, dass Vorgänger Oliver Glasner den Nachwuchs zu wenig förderte. Toppmöller gilt als Trainer, der Talenten eine Chance einräumt. Doch für ihn gibt es da ein Kriterien, nach dem er bedingungslos handeln wird: „Leistungsbereitschaft.“ Sie ist, und das ist deutlich rauszuhören, dem Trainer sehr wichtig. Talent hätten die Jungs alle, Qualität sei vorhanden, sonst hätten sie es nicht so weit gebracht, aber, und es ist ein großes Aber: „Sie dürfen nicht akzeptieren, dass sie permanent draußen sitzen, dürfen nicht zufrieden sein, wenn sie Woche für Woche nicht spielen. Sie dürfen nicht einknicken, wenn es Schwierigkeiten gibt, sondern müssen Widerstände überwinden und mir auf dem Trainingsplatz zeigen, dass sie in die Mannschaft wollen.“
Den Trend, dass manche zu bequem sind und den letzten Biss vermissen lassen, dass ihnen Aktivitäten in den Sozialen Kanälen wichtiger sind als die Performance auf dem Platz, hat Toppmöller schon lange beobachtet. Damit kommt er nicht klar. Ist einer aber wissbegierig und will sich stetig verbessern, einer wie Jamal Musiala, zu dem er bei den Bayern ein tiefes Vertrauensverhältnis hatte, darf er sich der vollen Unterstützung des Trainers sicher sein. „Ich habe richtig Bock, mit jungen Spielern zu arbeiten.“ Paxten Aaronson zum Beispiel gefällt dem neuen Coach. Der Junge nämlich hat neben Spielfreude und Begabung vor allem eins: Mentalität, Einstellung und ein gewisses Draufgängertum. (Ingo Durstewitz)