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Nationalmannschaft: Das Ende des Wartens für André ter Stegen

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Den hat er sicher: Marc-André ter Stegen beim Training in Herzogenaurach.
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Marc-André ter Stegen wirkt sichtlich befreit, endlich als Nummer eins der Nationalmannschaft anzutreten. Die schwierigen Phasen im Schatten von Manuel Neuer verschweigt der Stammkeeper vom FC Barcelona nicht.

Es sind auf dem Campus des DFB-Ausrüsters Adidas in Herzogenaurach schon Protagonisten mit schlechterer Laune aufgetreten. Breit grinsend rief Marc-André ter Stegen am Donerstag in die Runde: „Grüßt Euch!“ Die erste Pressekonferenz als offizielle Nummer eins absolvierte der Nationaltorhüter aufgeräumt, ja fast gelöst. „Ich bin froh, dass die Zeit des Wartens vorbei ist“, sagte der 32-Jährige irgendwann. Nach zehn Jahren beim FC Barcelona hat der deutsche Keeper inzwischen ein solches Standing, dass er dort die Kapitänsbinde trägt.

Deshalb hatte der neue Kapitän Joshua Kimmich ein flammendes Plädoyer für mehr Wertschätzung dieses Sportsmannes gehalten. Ein solches Lob sei „Balsam für die Seele“, gab ter Stegen preis, dessen Status sich durch den Rücktritt von Manuel Neuer grundsätzlich verändert hat: „Natürlich war es ein anderes Gefühl, aber es hat sich nicht alles geändert.“ Zwischen dem arg unglücklichen Länderspieldebüt am 26. Mai 2012 gegen die Schweiz in Basel und dem Nations League-Auftakt gegen Ungarn in Düsseldorf (Samstag 20.45 Uhr/ZDF) liegen fast 4500 Tage.

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In dieser Zeitspanne ist der gebürtige Mönchengladbacher trotz seiner unbestrittenen Fähigkeiten auf gerade mal 40 DFB-Einsätze gekommen. Ter Stegen erzählte noch mal anschaulich, wie sehr es ihn getroffen habe, insbesondere nach Neuers langen Auszeiten ins zweite Glied zu rücken. Vor der WM 2018 kehrte der Torwart des FC Bayern fast ohne jede Matchpraxis zurück, auch vor der WM 2022 und selbst vor der Heim-EM hätte es triftige Gründe gegeben, dem Kronprinzen zu vertrauen. „Ich bin professionell damit umgegangen, natürlich war es enttäuschend.“ Ohne anfangs Neuer namentlich zu erwähnen, berichtete sein Konkurrent, warum es „leider Gottes“ nicht gelungen sei: „Ich hatte jemanden vor mir, der es immer geschafft hat, sich davor zu drängen und dem Druck stand zu halten.“ Dafür erging nachträglich ein Glückwunsch an den Dauerrivalen.

Die engen Entscheidungen haben natürlich Spuren hinterlassen. Seine Zunft muss auf Einsatzchancen viel länger als ein Feldspieler warten – und die Rolle ist so verantwortungsvoll, dass der Vertrauensverlust am eigenen Selbstverständnis nagt. „Das ist auch frustrierend, wenn du immer wieder anläufst“, räumte ter Stegen ein, der nach außen stets die Contenance wahrte. Wie es innen aussah, kann man nur erahnen. Dass er seit zehn Jahren in Spanien spielt, wo Barça unter Ex-Bundestrainer Hansi Flick prima gestartet ist, habe vielleicht dazu beigetragen, nie an Neuer vorbeiziehen zu können. „Das ist ein grundsätzliches Thema, dass die Spieler im Ausland nicht so im Fokus sind“, so der bis 2028 an die Katalanen gebundene Rückhalt.

Unterstützung für Ter Stegen: „Bleib dran!“

Es gibt gerade ein gutes Beispiel bei den DFB-Frauen, was auch hätte passieren können: Dort hat die langjährige Stammtorhüterin Merle Frohms ihren Rücktritt erklärt, weil sie es nicht ertragen konnte, bei den Olympischen Spielen unter Horst Hrubesch überraschend wieder ins zweite Glied rücken zu müssen. Mit 29 Jahren erklärte sie am Dienstag das Karriereende im Nationaltrikot, obwohl der neue Bundestrainer Christian Wück einen offenen Zweikampf ausrufen wollte.

Völlers Aussichten

DFB-Sportdirektor Rudi Völler hat die Fans auf eine erfolgreiche gemeinsame Zukunft mit der deutschen Nationalmannschaft eingeschworen. „Wir wollen und werden diesen besonderen Teamspirit, den Julian Nagelsmann und sein Trainerteam während der Euro geschaffen haben, weiterleben und die Einheit mit euch Fans nutzen, um das nächste große Ziel in Angriff zu nehmen: die WM 2026“, schrieb Völler im Journal des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Nach dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-EM gegen den späteren Europameister Spanien (1:2 n.V.) sei es nun die Verpflichtung der DFB-Auswahl, „euch die Unterstützung zurückzuzahlen und unsere Leistung zu bestätigen“, so Völler, der sich mit „Vorfreude“ auf den Weg begibt, „der vor uns liegt“. sid

Ter Stegen verriet am Donnerstag, dass es ihm ähnlich erging. „Um ehrlich zu sein, gibt es immer die Momente, in denen du sagst: Boah, das ist wieder ein Schlag gewesen.“ Seine Frau, seine Freunde hätte ihm über diese Phasen des Zweifelns geholfen – und sein früherer Torwarttrainer Uwe Kamps habe häufig Nachrichten geschrieben: „Bleib dran!“ Heute könnte er sagen: „Ich glaube, es hat sich gelohnt. Das Wichtigste ist, dass man sich selber treu bleibt.“

Eine Wunschzeile für die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko wollte der Blondschopf mit der nicht ganz risikofreien Spieleröffnung bewusst nicht formulieren. Am besten „bis zum Ende dabei bleiben“, aber mit fast zwei Jahren Vorlauf ging ihm dieser Blick zu weit. Gezögert hat er auch bei der Frage nach einem Vorbild. Als er angefangen habe, habe er es einfach nur genossen, gegen die Garage zu bolzen. Aber dann formulierte er doch noch einmal vor laufender Kamera: „Ich hatte ein Vorbild: Das war Oliver Kahn.“ Der war zu dieser Zeit eben eine Ikone.

Irgendwann als Aktiver habe man dann nach rechts und links geguckt – die Namen von (Iker) Casillas, (Gianluigi) Buffon und auch von Neuer fielen – aber irgendwann sei die Einsicht gereift: „Du entwickelst deinen eigenen Stil und brauchst dich nicht zu verstecken.“ Er wolle einfach als derjenige gesehen werden, auf den man sich verlassen kann. Auch in der deutschen Nationalmannschaft. Dann verschwand er durch die Holztür. Weiterhin gut gelaunt.

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