Nationalmannschaft

Julian Nagelsmann macht Kimmich zum Kapitän

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Der Trainer und sein Anführer auf dem Platz: Julian Nagelsmann (links) gibt Joshua Kimmich Anweisungen. afp
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Der Fußball-Bundestrainer kürt erwartungsgemäß Joshua Kimmich zum Kapitän, bestimmt einen neuen Mannschaftsrat und befördert André ter Stegen zur Nummer eins.

Der Deutsche Fußball-Bund ist bekannt für seine dezidierten Planungen, die in der Regel wie in Stein gemeißelt befolgt werden. Umso überraschender, dass am Sonntagabend kurzerhand die Terminierung für die mit einiger Spannung für Montag, 13 Uhr, erwartete Pressekonferenz von Julian Nagelsmann um anderthalb Stunden nach hinten verlegt wurde. Tatsächlich schaffte es der Bundestrainer sogar erst um zehn vor drei, denn zwei Spieler waren verspätet mit der Bahn angereist. Die Mannschaftssitzung sollte aus nachvollziehbaren Gründen vor der Unterrichtung der Öffentlichkeit stattfinden.

Knapp zwei Monate, nachdem Nagelsmann im großen Pressesaal in Herzogenaurach seine epochalen Abschlussbemerkungen zum Zustand des Landes mit Vorschlägen zu einem besseren Miteinander verbunden hatte („Wenn ich dem Nachbarn helfe, die Hecke zu schneiden, ist er schneller fertig“) kehrte er ein paar Meter entfernt in den kleinen Pressesaal zurück. Europameisterschaft mit entsprechendem Medienaufgebot war gestern, Nations League ist heute. Draußen vor der Tür standen ein paar Übertragungswagen weniger.

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Ein Umbruch im Nationalteam, in aller Ruhe

Der Bundestrainer lernt die Mühen der Ebene jetzt erst kennen. Er versprüht dabei gleichwohl ungetrübten Optimismus nach Art des Hauses Nagelsmann.

Zu den vordringlichsten Aufgaben des 37-Jährigen gehört es am kurzen Ende, seine Mannschaft auf die beiden Spiele am Samstag in Düsseldorf gegen Ungarn und am Dienstag in Amsterdam gegen die Niederlande vorzubereiten, am langen Ende plant der junge Mann nicht weniger als den WM-Titelgewinn 2026. Dazu muss er sich einen neuen Trainingsanzug anziehen: weg vom kurzfristigen Projektarbeiter, hin zum mittelfristigen Entwickler. Nagelsmann kennt das aus seiner erfolgreichen Vereinsarbeit in Hoffenheim und Leipzig.

Sein Team muss sich jetzt erst einmal hierarchisch neu sortieren. Nagelsmann braucht sich dabei nicht mit beleidigten älteren Herren, die liebend gern noch im DFB-Team mitmachen würden, herumzuschlagen. Stattdessen haben die Mitt- und Enddreißiger Toni Kroos, Thomas Müller, Ilkay Gündogan und Manuel Neuer von sich aus zum richtigen Zeitpunkt das Weite gesucht und werden ein paar anderen Leuten mehr Luft zum Atmen geben.

Das hört sich einfach an, ist aber womöglich schwierig. Dass Kroos, Gündogan, Müller, Neuer sehr gute Fußballer sind, steht außer Frage, dass sie allesamt einen großen Einfluss auf die Gruppe haben, ebenfalls. Sportdirektor Andreas Rettig tat entsprechend präzise im Bayerischen Rundfunk kund, die Abgänge „reißen auf und neben dem Platz eine große Lücke“.

Viele Lücken in der Nationalmannschaft

Tja, und wie das mit Lücken so ist - sie müssen gefüllt werden. Die Torwart-Lücke von Neuer soll Marc-André ter Stegen schließen, die Kapitäns-Lücke, die Gündogan hinterlässt, Joshua Kimmich, die Toni-Kroos-Lücke könnte perspektivisch eine Aufgabe für den einzigen Kader-Debütanten Angelo Stiller werden, die Thomas-Müller-Lücke dagegen wäre allenfalls durch eine Rückkehr des Original-Müller dicht zu kriegen, das weiß man. Aber Müller ist schon einmal (unter Joachim Löw) zurückgekommen, noch mal dürfte das nicht passieren auf dessen alten Tage. Wenngleich der Bundestrainer ein wenig überraschend kundtat: „Die Tür ist für keinen ganz zu!“

Hinter dem neuen Käpt’n Kimmich, der im Nationalteam weiter als Rechtsverteidiger dienen muss, kürte Nagelsmann die beiden Auslandsprofis Antonio Rüdiger und Kai Havertz zu dessen Stellvertretern. Er glaubt, so Ansprechpartner für sämtliche Spieler im Kader gefunden zu haben, Niclas Füllkrug, Jonathan Tah, Pascal Groß und ter Stegen bilden den Mannschaftsrat, laut Nagelsmann „ein sehr guter, verantwortungsvoller Kreis“, den er auch als „Regulativ“ ansieht, sich als Nationalspieler entsprechend angemessen zu verhalten.

Ähnlich wenig überraschend wie die Kapitänsnominierung von Kimmich wird ter Stegen zwölf Jahre und drei Monate nach seinem Debüt im A-Team endlich, endlich die Nummer eins im Tor werden. Dahinter, so Nagelsmann, herrsche ein Konkurrenzkampf, den derzeit der Hoffenheimer Oliver Baumann und der Stuttgarter Alexander Nübel anführen. Nagelsmann erwähnte zudem Eintracht Frankfurts Keeper Kevin Trapp und Bernd Leno (FC Fulham).

Die Rollenverteilung, die er bei der Heim-EM vorgab, in Stammkräfte, Herausforderer und Leute, denen nur sehr geringe Einsatzchancen gewährt werden, will Nagelsmann bis zum Beginn der WM-Endrunde im Sommer 2026 auflösen. „Diese klaren Rollen in dem extremen Muster gibt es jetzt nicht mehr.“ Ohne verrückte Experimente zu wagen, will er hin und wieder auch Leuten aus der zweiten Reihe - etwa dem bei der EM als einzigem Feldspieler ohne Einsatz gebliebenen Frankfurter Robin Koch - Länderspielpraxis eröffnen. Er wolle dann „keine langen Gesichter sehen“ bei denjenigen, die deshalb auch mal auf die Bank rotieren müssen.

Was die Mannschaft angeht, hat der Bundestrainer seine Erwartungen also deutlich formuliert. Was das Land betrifft, will er sich mit weiteren Ratschlägen auch nach den Wahlergebnissen vom Wochenende zurückhalten. Nur so viel: Julian Nagelsmann hat in den Ferien nicht nur Urlaub mit der Freundin am schönen Naturstrand Es Trenc auf Mallorca verbracht. Er hat sich laut Selbstauskunft auch eine neue Heckenschere gekauft. Die Arbeit verrichtet hat dann allerdings weder er selbst noch einer seiner Nachbarn, sondern: der liebe Schwiegervater,

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