VonAdrian Kühnelschließen
Im Halbfinale der Nations League trifft Deutschland auf Portugal und Cristiano Ronaldo – der wird trotz des Weiterkommens kritisiert.
Frankfurt – Der Halbfinal-Gegner des DFB-Teams in der Nations League steht fest: Es geht gegen Portugal mit Superstar Cristiano Ronaldo!
Während sich die deutsche Nationalmannschaft im Viertelfinale gegen Italien durchsetzte, schalteten Ronaldo und seine Kollegen Dänemark aus.
Ronaldo vergibt Elfmeter und erzielt 2:1
Dabei mussten die Portugiesen im Hinspiel noch eine 0:1-Niederlage hinnehmen. Rasmus Højlund erzielte den Siegtreffer der Dänen – und jubelte im CR7-Style. Und Ronaldo? Der nahm die vermeintlich provokante Aktion gelassen: „Ich bin clever genug, um das zu verstehen. Für mich ist es eine Ehre. Ich hoffe, dass ich es morgen (Sonntag) vor ihm machen kann. Es wird gut. Ich bin froh, dass er meinen Jubel mag.“
Gesagt, getan. Ronaldo steuerte am Sonntag im Rückspiel das Tor zum zwischenzeitlichen 2:1 (5:2-Endstand) bei – und packte seinen „Siu“-Jubel vor Højlund aus. Dabei schien es zunächst nicht der Tag des Cristiano Ronaldo zu sein.
Portugals Presse kritisiert Cristiano Ronaldo
In der sechsten Minute scheiterte der 40 Jahre alte Kapitän der Portugiesen mit einem schwach geschossenen Elfmeter an Torhüter Kasper Schmeichel. Ronaldo hatte zu lange gezögert und den Ball letztlich mit wenig Effet und zu unplatziert in die rechte untere Ecke getreten.
„Der nicht wiederzuerkennende Ronaldo verschießt einen skandalösen Elfmeter“, kritisierte die portugiesische Sportzeitung A Bola. Eigentlich sei Ronaldo ein „tödlicher“ und „zuverlässiger“ Elfmeterschütze. „Der schwache und flache Schuss des Portugiesen war eine leichte Beute für Kasper Schmeichel, der den Ball sogar fing. Der Portugiese war nicht wiederzuerkennen und machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl“, hieß es weiter.
Es wurde sogar die Frage gestellt: „Warum spielt Ronaldo mit 40 Jahren noch in der Nationalmannschaft?“ Antworten lieferte A Bola direkt selbst: „Weil er es will, weil er es kann – und weil er es schon oft bewiesen hat. Aber diese Antworten führen auch zu weiteren Fragen: Wie sagt man dem GOAT, dass man ihn nicht mehr braucht?“
Trotz Elfmeter-Fehlschuss: Ronaldo mit Portugal weiter
Immerhin reichte es für Portugal am Ende fürs Weiterkommen in der Nations League – und Ronaldo konnte mit seinem Tor doch noch etwas dazu beitragen. Es war für ihn der 133. Sieg in einem Länderspiel, den Weltrekord hält er damit ohnehin schon.
Deutlich schlechter lief es im Hinspiel gegen Dänemark. Dabei brachte der fünffache Weltfußballer keinen einzigen Torschuss zustande, er verzeichnete lediglich 30 Ballkontakte – Negativrekord unter allen Feldspielern.
Die portugiesischen Reporter stellten infrage, ob Ronaldo überhaupt noch ein komplettes Spiel auf Top-Niveau abliefern könne. Ronaldo beklagte daraufhin Respektlosigkeit.
Bei der EM enttäuschte Ronaldo
Bereits nach dem Viertelfinal-Ausscheiden bei der Europameisterschaft im vergangenen Sommer gegen Frankreich wurde Ronaldo kritisiert. Die britische Zeitung Guardian schrieb: „Portugal gegen Frankreich: Ein galaktischer Kampf, der im schwarzen Loch des Egos eines Mannes verloren geht.“
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A Bola verteilte Ronaldo gegen Frankreich die schlechteste Note aller Akteure und urteilte: „Die Mannschaft verbesserte ihre Leistung im Vergleich zu den vorherigen Spielen. Für den Kapitän galt das jedoch nicht.“ Ronaldo sei „weder an seine Teamkollegen angebunden“ gewesen, „noch konnte er sich durchsetzen“.
Bei seiner elften Welt- oder Europameisterschaft blieb Ronaldo zum ersten Mal ohne eigenen Torerfolg aus dem Spiel heraus – dabei gab er insgesamt 23 Abschlüsse ab.
Ronaldo als Reservist? Martínez vertraut seinem Kapitän
Nicht auf Ronaldo zu setzen, würde in Portugal jedoch einer Majestätsbeleidigung gleichen. Fernando Santos traute sich diese Entscheidung während der Weltmeisterschaft 2022 zu und setzte Ronaldo im Achtel- und Viertelfinale auf die Ersatzbank. Nach dem Ausscheiden gegen Marokko verlor Santos seinen Job als Nationaltrainer, der Spanier Roberto Martínez übernahm. Ronaldo als Reservist gab es seither nicht mehr.
Martínez gilt als großer Fan von CR7. In einem kürzlich erschienen Interview bei Coaches Voice erklärte Martínez, warum er immer noch auf Ronaldo setzt: „Seine Leidenschaft, Portugal zu repräsentieren, ist ansteckend und motiviert das gesamte Team. Er ist nicht in der Mannschaft für das, was er einmal war, sondern für das, was er weiterhin ist: Der Top-Scorer mit 17 Toren in den 21 Spielen, die wir in den vergangenen zwei Jahren bestritten haben.“
Tatsächlich kaschiert Ronaldos Statistik in der Nations League seine schwache Darbietung bei der EM. In sieben Einsätzen markierte er sechs Tore; gegen Kroatien und Schottland trugen seine Treffer entscheidend zu den Siegen bei, ohne sein Tor gegen Dänemark hätte es nicht für die Verlängerung und letztlich zum Weiterkommen gereicht.
Der Auftrag lautet, Ronaldo zu suchen und zu füttern
Cristiano Ronaldo in der portugiesischen Nationalmannschaft ist dennoch ein zweischneidiges Schwert. Martínez scheint allein schon deshalb nicht auf CR7 verzichten zu können, da die Unruhe durch Fans und Medien ansonsten zu groß wäre.
Portugals Problem: Es wirkt, als könnten sich die Mitspieler in Ronaldos Schatten nur selten frei entfalten, obwohl sie ebenfalls geniale Kicker sind. Ronaldo ist immer noch der Fixpunkt in der Nationalmannschaft, er bietet sich ständig an, fordert die Bälle – und bekommt sie auch. Der Auftrag lautet, Ronaldo zu suchen und zu füttern.
In der Nations League ging dieser Plan zuletzt das ein ums andere Mal wieder auf. Bei der EM hingegen nicht, dort wählte die spanische Sportzeitung Marca Ronaldo sogar in die Flop-11. Wie es wohl laufen wird, wenn am 4. Juni in München der Gegner Deutschland lautet?
Portugal steckt in einem Ronaldo-Dilemma
Jünger wird Ronaldo nicht. Damit steckt Portugal zugleich in einem Dilemma: Die größte Legende der Verbandsgeschichte tritt wohl erst dann ab, wenn er es entscheidet – und läuft damit Gefahr, den richtigen Zeitpunkt für diesen Schritt zu verpassen. Bis dahin wird Ronaldo vermutlich weiterhin Länderspiel für Länderspiel in der Startelf stehen.
Im vergangenen Herbst sagte Ronaldo selbst: „Was ich im Moment spüre – und das zeigen auch die Worte des Trainers: Dass ich weiterhin eine Bereicherung für die Mannschaft bin und der Erste sein werde, der das Kommando übernimmt. Bis zum Ende meiner Karriere werde ich immer denken, dass ich ein Starter sein werde.“
Vertraglich ist Ronaldo noch bis Ende Juni 2025 an Al-Nassr in Saudi-Arabien gebunden. Es gilt als realistisch, dass der Routinier noch ein Jahr dranhängt. Womöglich hat er sogar die WM 2026 im Visier. Fragt sich nur, ob das für Portugal dann nicht allmählich mehr Nach- als Vorteile bietet.
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