VonThomas Kilchensteinschließen
Der Marathonmann Ellyes Skhiri ist bei Eintracht Frankfurt aus dem Tritt geraten, auch weil er sich zu viele Gedanken macht. Das „Klassenbuch“.
Vor einiger Zeit, noch bevor es in die Sommerpause ging, hat Ellyes Skhiri die abgelaufene Saison Revue passieren lassen und sich selbst ein bemerkenswert ehrliches Zeugnis ausgestellt. Für seine Leistungen hätte er sich fünf von zehn möglichen Punkten gegeben. Durchwachsen also, das entspricht in etwa dem „so lala“ im FR-Klassenbuch und weist dem defensiven Mittelfeldspieler im Abschlusszeugnis einen Platz auf der Hinterbank zu. Nicht Fisch, nicht Fleisch.
Aber diese selbstkritische Einschätzung seiner Leistung in diesem Jahr bei seinem neuen Klub Eintracht Frankfurt sagt eine ganze Menge aus über den sehr feinen Charakter des mittlerweile 29 Jahre alten Tunesiers. Er weiß, er spürt, dass er deutlich besser spielen kann, auch schon viel besser gespielt hat, und er den allerdings hohen Erwartungen in Frankfurt nicht in toto entsprochen hat.
Ellyes Skhiri: Schwankungen in der Leistung
Seine Leistung, die ihn im Jahr zuvor beim 1. FC Köln zum besten defensiven Mittelfeldspieler der Bundesliga hat reifen lassen, hat er bei den Hessen nicht bestätigen können. Dazu war sein Spiel von zu vielen Schwankungen und auch, ja, man muss es so sagen, krassen Fehlern durchzogen, etwa im Conference-League-Hinspiel bei Union Saint Gilloise, als er bei 2:0-Führung den Belgiern den Anschlusstreffer schenkte und sie zurück ins Spiel einlud.
Dieser Fauxpas stellte aber nur den Tiefpunkt einer Rückrunde dar, die dem in der Nähe von Montpellier geborenen Skhiri nicht wirklich gelungen war. Davor gab es das frühe Aus der tunesischen Nationalelf beim Afrika-Cup, obwohl das Team als einer der Favoriten ins Turnier gegangen war. Am sieglosen Ausscheiden hatte Skhjiri zu knabbern gehabt, danach fand er nicht mehr zu gewohnter Stärke zurück.
Auch das liegt zum Teil an seinem Wesen: Er ist ja nicht nur ein leiser Vertreter seiner Zunft, sondern auch ein sensibler Mensch, der sich vieles zu Herzen nimmt. Mitunter hatte er mehr mit sich selbst zu kämpfen, man spürte bis unters Tribünendach wie sich da einer verzweifelt mühte, seine Form zu finden, um der entscheidende Anker in der Zentrale sein zu können, den diese insgesamt heterogene Mannschaft benötigen würde. Willen und Einsatz kann man ihm wirklich nicht absprechen, nach wie vor spult der Marathonmann höchste Kilometerleistungen ab.
Eintracht-Zeugnis
Eintracht Frankfurt läuft am Ende der zurückliegenden Saison auf Rang sechs ein, kann aber die Menschen nicht begeistern. Im FR-Abschlusszeugnis reicht es daher nur zu Note 3- für den Bundesligisten.
Das große Klassenbuch gibt’s dieses Mal in Serienform und loser Folge. Spieler für Spieler im Porträt – vom Primus über den Musterschüler bis hin zu den Sitzenbleibern.
Heute im Check: Ellyes Skhiri.
Viele Spiele, viel unterwegs
Dabei hätte gerade dem suchenden Skhiri ein stabiles Umfeld im Mittelfeld gutgetan, doch immer wieder musste das Zentrum umbesetzt werden, fiel Sebastian Rode praktisch komplett aus, geriet Hugo Larsson im zweiten Teil der Serie, auch verletzungshalber, in eine kleine Schaffenskrise. Erstaunlich war allemal, dass der erfahrene Skhiri ganz offensichtlich die schmächtigen Schultern des 19 Jahre alten Schweden mehr benötigte als umgekehrt. Eben auch, weil das zentrale Mittelfeld nicht richtig funktionierte und oft umgekrempelt werden musste, fehlte der Elf und speziell Skhiri die erforderliche Stabilität.
Trotz aller Unbill freilich kam Skhiri, dessen Vater einst ebenfalls Profi war, allerdings nur in der zweiten Liga, auf 38 Pflichtspiele für die Hessen, ihm gelang zudem in jedem der vier Wettbewerbe mindestens ein Tor. Und er war in diesem Jahr zwölfmal für Tunesien am Ball. „Ich habe viel gespielt, trotzdem weiß ich, dass ich viele Dinge besser machen kann“, sagte Skhiri, der sich nach eigener Aussage viel vom Spanier Rodri oder dem Franzosen N’Golo Kanté abgucken möchte.
Und doch wird sich der sympathische Abräumer in der neuen Saison strecken müssen. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die sportliche Führung händeringend nach einem erfahrenen Sechser Ausschau hält, einem Typus wie Nationalspieler Pascal Groß. Skhiri darf dieses Interesse durchaus als Misstrauensvotum empfinden, denn ursprünglich erfüllte er mit seinen 145 Bundesligapartien dieses Anforderungsprofil.
