VonThomas Kilchensteinschließen
Der Ägypter Omar Marmoush kompensiert bei Eintracht Frankfurt im Alleingang die Mängel im Angriff - einen möglichen Wechsel sollte er sich aber gut überlegen.
Die beste Kunde der Woche erreichte Eintracht Frankfurt am Mittwoch, da war er wieder zurück, wohl behalten und gesund, vielleicht nicht in allerbester Laune. Aber er war da, Omar Marmoush, im Augenblick vielleicht der wichtigste Spieler beim hessischen Bundesligisten. Er war auf Dienstreise mit dem ägyptischen Nationalteam, am Freitag schlugen sie in Kairo Neuseeland 1:0, am Dienstagabend unterlagen sie 2:4 Kroatien, Marmoush stand in beiden Spielen in der Startelf, wurde jeweils kurz vor Ende ausgewechselt. Einem Einsatz des Stürmers am Samstag (15,30 Uhr) im Stadtwald gegen Union Berlin steht also nicht viel im Weg. Und die Laune wegen der Niederlage wird beim unkomplizierten Ägypter bald wieder besser sein.
Mehr zu Eintracht Frankfurt
Solche Dinge kann der 25 Jahre alte Angreifer offenbar fix wegstecken. Das war nach der Rückkehr vom Afrikacup so, da war Ägypten bereits im Achtelfinale ausgeschieden, aber Marmoush ließ sich nichts anmerken. Anders als bei anderen, etwa Ellyes Skhiri, der mit Tunesien in der Vorrunde gescheitert war, machte Marmoush genau da weiter, wo er vorher aufgehört hatte: Er erzielte prompt im ersten Spiel nach dem Afrika-Trip einen Treffer, zum 1:0 gegen den VfL Bochum.
Es ist, auch an dieser Stelle, schon beschrieben worden, zu welch einem Glücksfall sich der Wechsel des Omar Khaled Marmoush aus Wolfsburg zur Eintracht gemausert hat. Der Mann, der zuvor in der Liga nicht besonders auffiel, war allenfalls als Backup vorgesehen gewesen, als möglicher Ersatz für den zum SSC Neapel transferierten Jesper Lindström. Dann war Randal Kolo Muani plötzlich weg (und Rafael Borré) - und Eintracht Frankfurt hatte nur noch einen Stürmer, eben Marmoush.
Dass der Mann derart durch die Decke gehen würde, konnte natürlich keiner ahnen. 15 Tore in 33 Pflichtspielen (dazu sechs Vorlagen) hat er erzielt, zehn davon in der Bundesliga, so viel wie noch nie zuvor in seiner Karriere. Im Grunde hatte er nur ein Spiel benötigt, um richtig anzukommen in der Mannschaft und in Frankfurt: das Hinspiel gegen Mainz, als er in der Nachspielzeit den 1:1-Ausgleichstreffer markierte, er sei gleich „mit Leib und Seele Eintrachtler“, hob Eintracht-Idol Karl-Heinz Körbel den Daumen.
Eintracht-Trainer Toppmöller rät zu Geduld
Und weil sich Omar Marmoush so über die Maßen gut entwickelt hat und verletzungsfrei geblieben ist, fällt bei der Eintracht überhaupt nicht ins Gewicht, dass sie personell einen gewaltigen Mangel an Stürmern hat. Das war in der Vorrunde - den Zwängen geschuldet - so und das ist jetzt so trotz Winterverpflichtungen, da Donny van de Beek keine echte Hilfe ist, Sasa Kalajdzic mit Kreuzbandriss außer Gefecht ist und der talentierte Hugo Ekitiké seltsamerweise so schwer fit zu bekommen ist. Ohne den überragenden Marmoush, der dank seines Tempos, seines Zugs zum Tor und seiner Dribblings kaum zu halten ist, hätte Eintracht Frankfurt ein respektables Problem - vor allem brauchten sie keinen Gedanken daran zu verschwenden, einen europäischen Wettbewerb zu erreichen, Marmoush fängt dieses Defizit fast alleine auf.
Womöglich kann Ekitiké gerade für den Frankfurter Endspurt noch rechtzeitig aktiviert werden, ein paar Zeichen deuten darauf hin. Dann könnte Marmoush aus einer eher hängenden Position, hinter der Spitze agieren, wäre vielleicht noch eine Spur effektiver. Logischerweise wecken solch guten Leistungen Begehrlichkeiten. Aufkäufer in England zählen die Scheine, sein Marktwert beträgt aktuell 22 Millionen Euro, deutlich mehr als das Doppelte dürfte fällig werden.
Wird er der nächste sein, der nach einer einzigen guten Saison den Klub der besseren Verdienstmöglichkeiten wegen verlässt? Viele empfehlen dem klauselfrei noch bis 2027 gebundenen Angreifer zu warten. Trainer Dino Toppmöller, der seinen Aufschwung maßgeblich gefördert hat, rät ihm zu Geduld. „Jedem, der jetzt schon im internationalen Fokus steht, würde es guttun, mindestens ein weiteres Jahr bei uns zu spielen“, sagte Toppmöller in „Bild“. Wenn es jetzt schon, da die Hessen in einem Umbruchjahr sind, so gut laufe, würde es in der neuen Saison mit punktuellen Verstärkungen womöglich noch besser funktionieren. Wenn Marmoush dann 20 Tore erziele statt wie jetzt zehn, „bekommt er einen ganz andern Stellenwert“, betont der Coach. Auch Eintracht-Legende Jay-Jay Okocha riet ihm bei der 125-Jahr-Feier zu einer weiteren Saison in Frankfurt. Das gleiche gelte etwa für Willian Pacho oder Hugo Larsson, ebenfalls Profis, die vermehrt ins Blickfeld der ganz großen Klubs geraten sind.
Hilfreich wäre aber ein Blick auf jene, die zuletzt mit großen Hoffnungen den Klub verlassen haben, für die allermeisten ging es sportlich nicht gut aus: Etwa Jesper Lindström, der in Neapel versauert wie Daichi Kamada bei Lazio Rom, Andre Silva, Ersatz bei Real Sociedad, Ante Rebic, abgeschoben nach Besiktas, Luka Jovic, lange untergetaucht, selbst Kolo Muani ist bei PSG häufiger draußen als im Rampenlicht. Der nächste Schritt nach der Eintracht will sorgsam überlegt sein.
