Nach einer überaus dominanten Vorstellung erzielte Jeremie Frimpong die überfällige 1:0-Führung für den entthronten Deutschen Meister. In der Live-Tabelle standen so vier Zähler Rückstand auf den SC Freiburg für den BVB. Vor dem Saisonfinale kommende Woche wäre es damit noch um einen Dreikampf mit dem FSV Mainz 05 und RB Leipzig um Europa League und Conference League gegangen. Die Königsklasse war für den Moment verloren.
Doch der BVB hat in den vergangenen Wochen gelernt, mit Widerständen umzugehen. Wie zuletzt etwa gegen Borussia Mönchengladbach oder auch die TSG Hoffenheim kassierte Dortmund den harten Schlag, ohne zu Boden zu gehen. Stattdessen setzte Schwarzgelb selbst sofort einen Volltreffer.
Julian Brandt erzielt das vielleicht wichtigste Tor der BVB-Saison
Dass ausgerechnet Julian Brandt das vielleicht wichtigste Bundesliga-Tor der laufenden Saison für den BVB erzielte, hat eine gewisse fußballpoetische Bedeutung. Nicht, weil der Mittelfeldmann als Kapitän von Dortmund an seine frühere Wirkungsstätte zurückkehrte. Sondern weil Brandt im Laufe der Saison oftmals als Sündenbock herhalten musste, an dem sich die Öffentlichkeit regelrecht abgearbeitet hat.
Sofern sich das auf die Leistungen des Nationalspielers bezog und, um in der Boxersprache zu bleiben, nicht unter die Gürtellinie ging, waren die kritischen Bemerkungen gegenüber Brandt durchaus gerechtfertigt. Der dienstälteste BVB-Profi konnte selbst über weite Strecken überhaupt nicht zufrieden sein mit seiner Saison.
Brandt erlebt mit Dortmund eine Achterbahnfahrt
War Brandt das Symbol der Krise in Dortmund, so kann man ihn in der aktuellen Phase in der gleichen Rolle sehen: als Symbol des Aufschwungs. Seit Wochen geht es beim 29-Jährigen deutlich bergauf, im Schlussspurt wird Brandt immer wichtiger und einflussreicher. In den letzten sechs Spielen sammelte er sechs Scorerpunkte. Darunter eben die sofortige Antwort auf den Rückstand in Leverkusen, der den Sturmlauf des BVB ansonsten womöglich zum krachenden Halt gebracht hätte.
Anschließend brachte Julian Ryerson den BVB in Führung, in der zweiten Hälfte war es ein Steilpass von Brandt auf Karim Adeyemi, der die Vorentscheidung einbrachte.
Brandt müsste man für den Umschwung der letzten Woche wahrscheinlich eine gewisse Genugtuung zugestehen. Doch dafür ist der reflektierte gebürtige Bremer nicht der Typ. Genauso wenig mag er es, sich in guten Phasen persönlich in den Vordergrund zu drängen.
„Manchmal ist es im Fußball einfach so, dass es viele Themen drumherum gibt. Die Saison war ja allgemein für den Verein eher Rollercoaster und für mich genau so. Aber es ist für mich gerade überhaupt nicht wichtig, groß in die Vergangenheit zu gucken“, sagte Brandt am Sonntag beim Streamingdienst DAZN.
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BVB-Saison soll „so glimpflich wie möglich ausgehen“
Dessen ungeachtet treibt viele Beobachter die Frage um, ob der BVB in die Gefahr gerät, sich von den guten letzten Wochen blenden zu lassen, wenn er eigentlich die gesamte Saison in Betracht ziehen müsste.
„Was die letzten Monate alles schiefgelaufen ist, was die Gründe sind, das wird man sich sicherlich nochmal vor Augen führen, wenn die Saison vorbei ist“, erklärte Brandt nach dem Sieg an alter Wirkungsstätte.
„Jetzt ist es nur wichtig, so viele Punkte wie möglich zu sammeln. Wir versuchen die Chance zu wahren, nächste Woche vielleicht sogar noch die Saison so glimpflich wie möglich ausgehen zu lassen“, so Brandt weiter.
Dass die Achterbahnfahrt des BVB plötzlich doch noch zu einem sicheren Halt kommen könnte, wenn sich bis zum Abpfiff des 34. Spieltags gegen Holstein Kiel einige Dinge zugunsten von Dortmund fügen, hängt ganz entscheidend mit dem Aufschwung von Brandt zusammen.
Gibt es das Happyend, dann auch, weil aus dem Sündenbock gerade rechtzeitig noch ein Held geworden ist.