Die Rolle von Hansi Flick im Disput um Marc-André ter Stegen
VonAdrian Kühnel
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Der FC Barcelona entzieht Marc-André ter Stegen die Kapitänsbinde – mit Unterstützung von Hansi Flick. Welche Rolle nimmt der Coach konkret ein?
Barcelona – Als Hansi Flick im Juni 2024 als neuer Cheftrainer des FC Barcelona vorgestellt wurde, meldete sich Marc-André ter Stegen bei seinem künftigen Barça-Coach. „Wir haben kurz gesprochen, wir haben telefoniert“, erzählte der Torhüter damals. Ter Stegen ging noch weiter: „Ich helfe, wo ich kann, von der Integration, für ihn privat dann auch, dass er sich wohlfühlt.“
Heute, 14 Monate später, ist ter Stegen nur noch die Nummer drei im Tor des FC Barcelona. Seiner Kapitänsbinde beraubt, in einem Streit mit seinem eigenen Verein verstrickt, aufs Abstellgleis geraten. Dabei strahlte ter Stegen, der wegen eines Patellasehnenrisses zuvor acht Monate ausgefallen war, noch im Juni 2025 Zuversicht aus: „Ich weiß, dass ich nächstes Jahr in Barcelona bin. Ich freue mich extrem auf die kommende Saison.“
Welche Rolle nimmt Hansi Flick im Konflikt um Marc-André ter Stegen ein?
Zwei Monate später lässt sich festhalten: Ter Stegen steht am Scheideweg, eine sportliche Perspektive in Barcelona besitzt er kaum noch. Doch welche Rolle nimmt dabei konkret Flick ein? Obwohl ter Stegen bei der Nationalmannschaft trotz guter Leistungen bei Barça stets hinter Manuel Neuer zurückstehen musste, galt das Verhältnis zu Flick während dessen Zeit beim DFB als professionell.
Keine Vorbelastung, keine alten Rechnungen. Im Gegenteil: Ter Stegen freute sich auf die Zusammenarbeit mit Flick in Barcelona. „Spanien ist nochmal etwas anderes als Deutschland. Ich freue mich für ihn. Ich hoffe, dass es für ihn gut läuft, das heißt nämlich, dass es auch für uns gut läuft.“
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Flick brachte eine neue taktische Philosophie mit nach Barcelona. Hohe Abwehrlinie, extremes Pressing, vertikales Spiel. Der Torhüter sollte als „Sweeper-Keeper“ fungieren, den Raum hinter der Abwehr sichern, wie ein Libero agieren - so wie eben Neuer beim FC Bayern oder jahrelang im Tor der Nationalmannschaft. Genau hier kommt Joan García ins Spiel.
Der 24-jährige Torhüter, der in diesem Sommer für 25 Millionen Euro vom Stadtrivalen Espanyol verpflichtet wurde, verkörpert exakt den Prototyp, den Flicks System verlangt. Mit einer Körpergröße von 1,94 Metern, seiner Athletik und seinem starken rechten Fuß bringt er die physischen Voraussetzungen mit. In der Vorsaison galt er als einer der besten Torhüter der Liga.
Die Verpflichtung Garcías ist ein Zeichen des FC Barcelona gen Zukunft - und gegen ter Stegen. Sein Alter von 33 Jahren und seine Verletzungshistorie werfen ernsthafte Fragen auf, ob er die für Flicks System erforderliche extreme Athletik und Geschwindigkeit konstant auf höchstem Niveau liefern kann.
Eine sportliche, aber vor allem politische Entscheidung, die Hansi Flick mitträgt
Rund um den 12. Juli kam es zum entscheidenden Vieraugengespräch. Flick eröffnete seinem Kapitän laut den katalanischen Zeitungen Mundo Deportivo und Sport die neue Realität: Nummer drei. Hinter García, hinter Wojciech Szczęsny. Dahinter verbergen sich mehr als nur sportliche Gründe. Flick wirkt in dieser Gemengelage nicht wie der Urheber der Entscheidung, ter Stegen loszuwerden, aber wie ihr unverzichtbarer Vollstrecker.
Hinter der taktischen Fassade lauert die Wahrheit: Barcelonas Finanznot. Der Verein kämpft seit Jahren mit einem Schuldenberg und den LaLiga-Regularien zum Financial Fairplay. Ter Stegens bis 2028 datierter Vertrag wird zur Belastung, stehen ihm laut Sport doch noch bis dahin 42 Millionen Euro zu. Barças Problem: Aktuell kann eine Registrierung von Neuzugang García für den Spielbetrieb nicht gewährleistet werden.
Mit der Einsparung von ter Stegen Gehalt wäre dies hingegen möglich – doch ter Stegen stellt sich quer. Ter Stegens erster und entscheidender Gegenzug auf die Degradierung war die öffentliche Bekanntgabe seiner Rückenoperation. Via Social Media informierte er die Öffentlichkeit über den Eingriff und nannte dabei eine voraussichtliche Ausfallzeit von „etwa drei Monaten“.
Dies wirkte nicht wie ein zufälliges Detail, sondern vielmehr wie ein hochkalkulierter Schachzug. Nach den Regeln der spanischen Liga kann ein Verein 80 Prozent des Gehalts eines Spielers nur dann für die Registrierung neuer Akteure verwenden, wenn dieser für mindestens vier Monate als langzeitverletzt eingestuft wird.
Weil ter Stegen auch noch die Weitergabe seiner medizinischen Daten verweigert hat, ist der Konflikt nun endgültig eskaliert. Ohne diese Zustimmung kann die Liga die Schwere der Verletzung nicht offiziell bewerten und eine potenziell längere Ausfallzeit feststellen. Barça leitete darob ein Disziplinarverfahren ein. Am 7. August folgte der symbolische Tiefschlag: Entzug der Kapitänsbinde – „in Absprache mit der sportlichen Leitung und dem Trainerstab um Coach Hansi Flick“.
Flick hat eine sportlich nachvollziehbare, aber für ter Stegen rücksichtslos wirkende Entscheidung getroffen. Seine taktische Philosophie mit extremer Intensität, hoher Abwehrlinie und athletischem „Sweeper-Keeper“ machte die Bevorzugung des jüngeren García gegenüber dem alternden, verletzungsanfälligen ter Stegen logisch. Er priorisiert sein System über Status und Verdienste der Vereinslegende.
Flick agiert darüber hinaus als ausführendes Organ der Vereinsführung, stellt sich hinter die politische Entscheidung des Klubs, dem ter Stegens Vertrag den Hals zuschnürt. Während die private Kommunikation allem Anschein nach direkt und hart ausfiel, verfolgt Flick in der Öffentlichkeit eine subtilere Vorgehensweise.
Er vermeidet es bislang, ter Stegen öffentlich anzugreifen oder die Degradierung explizit zu kommentieren. Stattdessen setzt er auf eine Taktik des strategischen Schweigens, um eine weitere Eskalation zu verhindern und dadurch auch seinen eigenen Status bei der Klubführung nicht zu gefährden.
Der Umgang mit einer verdienten Vereinslegende hat dem berühmten Motto „Més que un club“ (Mehr als ein Klub) weiteren, schweren Schaden zugefügt. Der Fall offenbart die Verzweiflung, die aus der finanziellen Notlage resultiert, und die Bereitschaft der Führung, etablierte Werte und den respektvollen Umgang mit verdienten Spielern dem wirtschaftlichen Überleben unterzuordnen.