Fluch der Neuer-Nachfolger: Ter Stegen trifft die Ironie des Schicksals
VonAdrian Kühnel
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Jahrelang wartete Marc-André ter Stegen auf seine Chance beim DFB – nun ist er die Nummer eins, doch ausgerechnet jetzt droht alles zu kippen.
Barcelona/Frankfurt – Über zwölf Jahre lang wartete Marc-André ter Stegen auf seine große Chance als Stammtorhüter beim DFB-Team. Zwölf Jahre, in denen er trotz Weltklasse-Leistungen beim FC Barcelona stets im Schatten des übermächtigen Manuel Neuer stand.
„Die Entscheidung 2018 hat mich am härtesten getroffen“, gestand Ter Stegen erst vor wenigen Monaten im Bild-Podcast Phrasenmäher. „Ich habe fast alle Spiele gemacht, das war bis dahin mein bestes Jahr. Für mich war das in dem Moment nicht gerecht.“
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Ter Stegen stand bei noch keiner EM oder WM für Deutschland im Tor
Damals, vor der Weltmeisterschaft 2018 in Russland, zeigte Ter Stegen beim FC Barcelona überragende Leistungen und gewann mit Barça das Double aus Meisterschaft und Copa del Rey. Neuer hingegen verpasste mit seinem zweiten Mittelfußbruch nahezu die gesamte Saison 2017/18.
Dennoch entschied sich der damalige Bundestrainer Joachim Löw für den Keeper des FC Bayern – ein Schlag, der Ter Stegen bis heute schmerzt. Der jetzige Bundestrainer Julian Nagelsmann vertrauerte bei der Heim-Europameisterschaft 2024 ebenfalls auf Neuer und nicht auf Ter Stegen.
„So, wie er es mir erklärt hat, war es für ihn keine leichte Entscheidung. War ich glücklich darüber? Sicher nicht! Ich habe gesagt, dass ich das respektiere, aber eine andere Meinung habe“, so Ter Stegen über die Entscheidung Nagelsmanns.
Ter Stegen stand insgesamt bei zwei Europameisterschaften und zwei Weltmeisterschaften im DFB-Kader, fand aber nie einen Weg vorbei an Neuer.
Neuer machte nach der EM 2024 den Weg im DFB-Tor frei
Als Neuer nach der Heim-EM 2024 zurücktrat, schien der Weg frei. „Marc ist die klare Nummer eins“, betonte Bundestrainer Julian Nagelsmann nach dem Neuer-Rücktritt. Doch jetzt holt Ter Stegen die Ironie des Schicksals ein: Ausgerechnet nach dem Rücktritt von Neuer gerät Ter Stegen in die wohl größte Krise seiner Karriere.
Die katalanischen Sportzeitungen Sport und Mundo Deportivo berichteten zuletzt übereinstimmend: Trainer Hansi Flick habe Ter Stegen im Rahmen eines persönlichen Gesprächs zu verstehen gegeben, dass er beim FC Barcelona künftig nur noch Nummer drei im Tor ist. Der für 25 Millionen Euro von Stadtrivale Espanyol verpflichtete Joan García ist die neue Nummer eins, Wojciech Szczęsny, der seinen Vertrag bis 2027 verlängert hat, die Nummer zwei.
Ter Stegen wird beim FC Barcelona ins Aus gedrängt
Der Wendepunkt in Ter Stegens Barcelona-Karriere war zweifellos der Patellasehnenriss im September 2024, der ihn 214 Tage außer Gefecht setzte. Seitdem kämpft der gebürtige Mönchengladbacher, der 2014 von der Borussia zu Barça wechselte, nicht nur um seine Fitness, sondern auch um seine Zukunft.
Mit Beginn der neuen Saison würde Ter Stegen Stand jetzt nicht einmal mehr im Spieltagskader des FC Barcelona stehen, sondern müsste mit der Tribüne vorliebnehmen.
Barça plant im Tor offensichtlich einen Generationenwechsel. Hinzu kommt die prekäre Finanzlage: Ter Stegen sollen laut Sport bis zu seinem Vertragsende 2028 noch 42 Millionen Euro an Gehalt zustehen – Geld, das der finanziell angeschlagene FC Barcelona gerne einsparen würde. Die Bosse um Präsident Joan Laporta und Sportdirektor Deco drängen den langjährigen Kapitän faktisch zum Abgang.
DFB-Stammplatz bei WM 2026 ist für Ter Stegen in Gefahr
Die historische Chance, bei der WM 2026 das Tor der Nationalmannschaft zu hüten, wird zur Bedrohung.
Ex-Nationaltorwart René Adler sieht die Situation klar und rät Ter Stegen zu einem Vereinswechsel. „Er kann sich ein Bleiben schlicht und ergreifend nicht erlauben“, sagte Adler dem TV-Sender Sky. „Da ist jedes Spiel wichtig, jede Minute, jedes Training, damit du wieder Automatismen, eine Selbstverständlichkeit und Vertrauen in deinen Körper bekommst. Dafür brauchst du Spiele. Und so, wie es aussieht, wird er die beim FC Barcelona erst mal nicht bekommen.“
Auch Rekordnationalspieler Lothar Matthäus vertritt eine klare Ansicht, sagte bei Bild: „Ter Stegen wird bei Barcelona meiner Meinung nach nicht mehr spielen. Er muss spielen, um seinen Traum von der WM zu erfüllen. Will er bei der WM dabei sein, muss er wechseln.“
Fluch der Neuer-Nachfolger: Auch Nübel tat sich schwer
Ter Stegens Schicksal erinnert an ein bekanntes Muster. Schon beim FC Bayern hatten die Nachfolger großer Torhüter-Ikonen ihre Probleme. Nach Oliver Kahns Ära taten sich Michael Rensing, Thomas Kraft und Hans-Jörg Butt schwer, den Platz zwischen den Pfosten dauerhaft zu erobern. Erst Neuer gelang es, diese Tradition zu durchbrechen und den Platz über Jahre zu besetzen.
Auch Alexander Nübel, der als Neuers designierter Nachfolger beim FC Bayern gehandelt wurde, konnte sich beim Rekordmeister nicht durchsetzen und ist seit 2021 verliehen. Aktuell steht er beim VfB Stuttgart im Tor, eine Zukunft beim FC Bayern wirkt unwahrscheinlich.
Auf den Neuer-Nachfolgern – ob Ter Stegen oder Nübel – scheint jedenfalls ein Fluch zu liegen.
Zu welchem Verein könnte Ter Stegen wechseln?
Ter Stegen wird bereits mit mehreren Vereinen in Verbindung gebracht. Die spanische Sportzeitung AS bringt jetzt Manchester City ins Spiel, da der jetzige Stammkeeper Ederson nach Saudi-Arabien abwandern könnte.
Mit ManCity-Trainer Pep Guardiola gab es bereits 2016 einen Austausch, damals blieb Ter Stegen beim FC Barcelona. Klappt es jetzt mit einem Wechsel zu den Citizens?
Für Ter Stegen wäre ein Wechsel in die Premier League besonders reizvoll, da er dort regelmäßige Spielpraxis auf höchstem Niveau bekommen könnte – anders als bei Barça.
René Adler findet es „schade, dass ein Spieler, der weit über 400 Pflichtspiele gemacht hat, Kapitän ist, dem Verein immer die Treue gehalten hat, sogar in Krisenzeiten auf Gehalt verzichtet hat, nach einer Verletzung nicht mehr die Chance bekommt, um seine Nummer eins zu kämpfen“. Der FC Barcelona versuche, Ter Stegen „herauszudrängen“.
Ter Stegen steht vor der schwierigsten Entscheidung seiner Karriere
In dem Moment, in dem Ter Stegen den Schatten Neuers im Nationalteam endlich verlässt, wird er von den Schatten der Vereinsökonomie und internen Machtspielen eingeholt.
Ter Stegen steht vor der schwierigsten Entscheidung seiner Karriere. Wenn er sich jetzt operieren lassen muss, fällt er einige Monate aus – das würde die Lage zusätzlich erschweren.
Unabhängig davon ist an einen Verbleib beim FC Barcelona kaum zu denken. Ter Stegen würde dort Stand jetzt keine Argumente für Bundestrainer Nagelsmann und seinen Stammplatz im DFB-Tor sammeln können. Die WM 2026 – sein erstes Turnier als deutsche Nummer eins – steht auf dem Spiel. Ob Ter Stegen rechtzeitig die Reißleine zieht?