VonIngo Durstewitzschließen
Eintracht Frankfurt spielt nach einer ruckeligen Saison und einem 1:1 bei Borussia Mönchengladbach erneut international, doch der Sportchef stellt klare Forderungen.
An ein endgültiges Fazit dieser rumpeligen und mühseligen Saison wagte sich Dino Toppmöller nach dem letzten Auswärtsspiel, einem bezeichnenden 1:1-Remis bei Borussia Mönchengladbach, nicht heran. Eine Partie steht noch aus, am Samstag zum Ausklang gegen RB Leipzig, zu Hause im Waldstadion, da soll der Einzug in den Europapokal mit fast 60 000 Fans gefeiert, zudem Kapitän Sebastian Rode und Altmeister Makoto Hasebe gebührend verabschiedet werden. Auf dem Rasen, im Trikot, als Spieler. Das sieht schwer nach Gänsehaut für alle Beteiligten aus. Große Gefühle im Stadtwald. Große Gefühle, die diese seltsame Spielzeit nur allzu selten auslöste.
„Wir mussten in dieser Umbruch-Saison viele Widrigkeiten überwinden“, sagt Chefcoach Toppmöller. „Aber wir haben unser großes übergeordnetes Ziel erreicht: Wir spielen nächstes Jahr international.“ Da beißt die Maus keinen Faden ab, und rein tabellarisch ist diese Runde ganz klar als Erfolg zu werten. Es ist sogar mehr herausgesprungen, als viele vermutet hatten. Aber: Es war trotzdem ein Jahr voller Geruckel und Gerumpel, ein Jahr, in dem die Mannschaft die Geduld der Fans auf eine harte Probe stellte.
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Denn die Eintracht gab sich weitgehend spaßbefreit in ihren Auftritten, dieses Team zeigte viel zu selten den breitbeinigen Django-Fußball aus der Vergangenheit, und es ist ganz sicher so, dass sich die Bewertung des Geleisteten dieses Mal klar an der Art und Weise des Auftretens orientiert und weniger am Endresultat. Eine zu begrüßende Entwicklung, konterkariert diese Draufsicht doch die Annahme, Fußball sei ein Ergebnissport, und diesem Diktat habe sich jeder zu beugen. Mitnichten. „Es war eine komplizierte Saison mit einem glücklichen Ende“, fasste Schlussmann Kevin Trapp zusammen. „Dieses Jahr war ein Wellenbad der Emotionen.“
Sportvorstand Markus Krösche möchte die Ausschläge minimieren und einen Entwicklungsschritt sehen. Nach dem Remis in Mönchengladbach wirkte er gar nicht zufrieden. „Besser zu sein in den Statistiken ist das eine – aber wir müssen uns künftig noch mehr mit Toren und Punkten belohnen.“ Der Manager wählte am Sonntag die Plattform mit der für die Eintracht größten Reichweite, ihre eigene Homepage, um den Druck so ein bisschen zu erhöhen und seine Sicht der Dinge darzulegen.
Die ist nicht uninteressant, denn wer ein bisschen zwischen den Zeilen liest, der kann durchaus interpretieren, dass auch der Sportchef mit vielen Begebenheiten und Auftritten des Teams nicht glücklich war und schon jetzt die Zügel mit Blick auf die neue Saison anzieht.
Eintracht Frankfurt: Neue Saison als Lackmustest für Dino Toppmöller
„Ich erwarte am letzten Spieltag eine überzeugende Leistung von uns und den klaren Willen, dieses Spiel für uns zu entscheiden“, sagt er. „Wir wollen diese Saison des Umbruchs mit einer positiven Botschaft versehen und mit einem Sieg die Saison beenden. Unser Ziel ist, dass wir den sechsten Platz aus eigener Kraft schaffen.“ Und weiter: „Dass wir viele Dinge verbessern müssen, ist völlig klar. Aber jetzt geht es darum, am Samstag das richtige Zeichen für die Saison 2024/2025 zu geben.“ Also schon jetzt die Sinne schärfen für das, was kommen wird, und nicht einfach alle in dem Glauben belassen, dass ab Sommer schon alles irgendwie besser wird. Quasi von selbst. Das wird nicht passieren.
Auch intern weiß jeder, dass diese Runde keine gute war, der internationale Startplatz eher mit der Schwäche der anderen als der eigenen Stärke zu tun hat und eine erneute Qualifikation mit solchen Leistungen und einer solchen Punktausbeute eher nicht mehr drin sein wird. Schon gar keine Champions League, die aufgrund des Mainzer Sieges gegen Dortmund noch immer drin ist. Der BVB bleibt damit sicher Fünfter, weshalb die Eintracht auch nicht in Verlegenheit kommt, womöglich gegen Leipzig verlieren zu müssen. Ein Dortmunder Sieg gegen Real und die Königsklasse macht Station in Frankfurt. Absurd nach dieser Spielzeit. Nach dem Hoffenheimer Kantersieg in Darmstadt steht dahinter aber ein großes Fragezeichen.
Die neue Saison wird der Lackmustest für Dino Toppmöller, der beweisen muss, dass er die Mannschaft weiterentwickeln und auf die nächste Stufe hieven kann. Der Druck auf ihn wird wachsen, den Welpenschutz, den er jetzt noch aus nachvollziehbaren Gründen (erstes Amtsjahr, Mega-Umbruch, junge Spieler, Stürmerstar ersatzlos weg) genoss, wird er nicht mehr haben. Er muss liefern, mit einer Mannschaft, die Talent im Überfluss hat, der aber andere Persönlichkeiten mit anderem Widerstandsgeist zugeführt werden müssen.
Ins diffuse Gesamtbild passt dieser Auswärtsauftritt am Niederrhein hervorragend. Denn er hatte nicht alles, aber vieles von dem, was diese Runde kennzeichnet. Es war sogar eine der bessere Leistungen der Frankfurter, sie waren griffig und couragiert, nach vorne hin viel zu umständlich und verschnörkelt, aber doch mit guten, ansehnlichen Angriffen. Das belegt auch die Statistik, die nicht immer, aber hier doch den Eindruck untermauert: 16:6 Torschüsse für die Eintracht, 8:2 Ecken, 54 Prozent Ballbesitz, 54 Prozent Zweikämpfe gewonnen. Hat aber, siehe Markus Krösche, nichts zu heißen. Denn der Punch fehlt. Und so sagt Ansgar Knauff: „Es ist ein Spiegelbild der Saison, weil es uns zu oft passiert, dass wir das Spiel nicht ziehen können.“ Der Flügelmann ergänzte trocken: „Das ist das 13. Remis.“ So, als sei damit alles gesagt. Aber klar: Wer 13 Mal nur einen Punkt holt, steht nicht für Spektakel und Wildwest. Was ja nicht immer zwingend geboten sein muss, aber mehr Wagemut und Vertikalspiel darf es dann schon sein. Ein Auftrag für die neue Saison.
In der wird die Eintracht erneut europäisch spielen, vier Mal hintereinander jetzt schon, dauerhaft – mit einer Ausnahme – seit 2018. Das zeigt die grundsätzliche Entwicklung des Klubs, der wächst und wächst. Der Profifußball wird immer der stärkste Treiber bleiben – selbst in einer merkwürdigen Saison wieder dieser. Aber: Ein Selbstläufer ist das alles nicht.
