Dortmund hat Matchball: BVB muss seine Geister verjagen
VonLars Pollmann
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Borussia Dortmund kann sich im Saisonfinale aus eigener Kraft für die Champions League qualifizieren. Viele erinnern sich schaudernd an das Jahr 2023.
Dortmund – Borussia Dortmund hat die Qualifikation zur Champions League urplötzlich in der eigenen Hand.
Es lässt sich natürlich darüber streiten, ob das Erreichen dieses Minimalziels als großer Erfolg zu werten wäre. Bei einer normalen Saison sicher nicht, doch stand der BVB noch knapp zwei Monate vor dem Saisonfinale am Samstag gegen Holstein Kiel auf Tabellenplatz elf.
Gegen die Störche reicht dem BVB in jedem Fall ein Sieg mit drei Toren Unterschied für Platz vier, höchstwahrscheinlich wären auch zwei Tore Unterschied genug. Der Abstieg der KSV Holstein nach ihrer Premierensaison in der Bundesliga ist bereits besiegelt. Auch die schon 77 Gegentore des Gegners machen dem BVB Hoffnung.
Für Kiel geht es um nichts mehr – was soll da noch schiefgehen für Dortmund?
Gegen Mainz flossen beim BVB statt Bier die Tränen
Diese Frage könnte nur ein Außenstehender stellen. Beim BVB ist sie seit dem 27. Mai 2023 tabu. Dieses Datum wird kein Dortmund-Fan jemals vergessen können, so sehr er sich auch anstrengen mag.
An diesem Samstagnachmittag verspielte Schwarzgelb daheim gegen den FSV Mainz 05 die sicher geglaubte Meisterschaft durch ein 2:2, weil parallel Jamal Musiala für den FC Bayern beim 1. FC Köln spät die Kohlen aus dem Feuer holte.
Der Spielfilm hat sich den BVB-Fans kollektiv ins Gedächtnis gebrannt: Nach ordentlichem Dortmunder Beginn ging Mainz infolge einer Ecke in Führung (15.). Dann vergab Sébastien Haller vom Strafstoßpunkt die Ausgleichschance (19.), stattdessen erhöhte Mainz auf 0:2 (24.). Raphaël Guerreiro gelang Mitte der zweiten Hälfte der Anschluss (69.), der Ausgleich durch Niklas Süle kam zu spät (90.+6).
Statt die erste Meisterschaft für Marco Reus mit ausgelassenen Bierduschen zu feiern, flossen auf dem Platz und den Tribünen nur die Tränen. Es war eine regelrechte Schockstarre, die sich breit machte. Es war wohl die größte Niederlage eines Teams in der Bundesliga-Historie, das sein Spiel gar nicht verloren hat.
BVB-Fans erinnern sich unweigerlich an das Meister-Drama
Die Situation vor dem Spiel gegen Kiel ist nur teilweise vergleichbar. Zum Beispiel geht es nicht darum, etwas gegen einen Angriff von hinten zu verteidigen, sondern um den eigenen Sprung nach vorn. Rein mental sollte das durchaus einen Unterschied machen: Der BVB hat gewissermaßen mehr zu gewinnen als zu verlieren.
Dennoch kommen bei den Fans unweigerlich die Erinnerungen an den Mai vor zwei Jahren auf. Ob das ein Abwehrmechanismus ist, um sich vor einer möglichen Enttäuschung zu schützen, sei dahingestellt.
Saisonfinale 2003 trug zum Beinahe-Untergang des BVB bei
Dass sich die Fans an die verspielte Meisterschaft erinnern, und nicht etwa an das Saisonfinale 2003, als ein Remis gegen Energie Cottbus den Sturz auf Rang drei bedeutete, ist wohl der zeitlichen Distanz geschuldet. Dabei ließe sich argumentieren, dass dieses Ereignis die wesentlich weitreichenderen Folgen hatte.
Als Tabellendritter musste der BVB seinerzeit in die Qualifikation zur Champions League, dort scheiterte er am Club Brügge. Die fehlenden Einnahmen trugen dazu bei, das finanzielle Kartenhaus in Dortmund zum Einsturz zu bringen. Das volle Ausmaß der Krise wurde erst nach und nach deutlich, 2005 stand der Klub unmittelbar vor dem Gang zum Insolvenzrichter, der nur mit viel Glück vermieden werden konnte.
Verglichen damit ist die verspielte Meisterschaft zwar sehr schmerzhaft, aber keineswegs existenzbedrohlich gewesen. Immerhin stand der BVB nur 371 Tage nach dem Drama gegen Mainz im Finale um die Champions League gegen Real Madrid. Dass auch dieses Spiel verloren ging, trägt trotz komplett unterschiedlicher Vorzeichen aber sicher auch nicht zur kollektiven Beruhigung der Nerven bei.
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„Die Mannschaft ist stabil und selbstbewusst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dortmund gegen Kiel noch einmal so etwas erlebt wie vor zwei Jahren“, schreibt Lothar Matthäus in seiner Sky-Kolumne. „Ich bin davon überzeugt, dass der BVB im nächsten Jahr in der Champions League spielen wird.“
Selten werden sich die Fans von Dortmund so sehr gewünscht haben, dass eine Bayern-Legende Recht behält.