Die drei Schlüssel der Kovač-Revolution bei Borussia Dortmund
VonLars Pollmann
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Borussia Dortmund ist wieder ein ernsthafter Anwärter auf die Champions League. Niko Kovač hat eine Wende erreicht, an die wenige glaubten.
Dortmund – Mit 13 Punkten aus den letzten fünf Bundesliga-Spielen ist Borussia Dortmund neben dem FC Bayern die formstärkste Mannschaft im deutschen Oberhaus. Diese Serie hat die Hoffnungen auf ein Happyend beim BVB wieder aufleben lassen.
Drei Zähler beträgt der Rückstand auf den SC Freiburg, Rang vier und die Champions League nur noch, dazwischen liegt RB Leipzig, das am Samstag (15.30 Uhr) die „Krönungsmesse“ der Münchner verschieben will. Wenn Bayern gegen RB nicht verlieren sollte, könnte der BVB schon am Samstagabend auf Rang vier rücken, ein Sieg gegen den VfL Wolfsburg vorausgesetzt (18.30 Uhr). Freiburg kann erst am Sonntag gegen Bayer Leverkusen antworten (17.30 Uhr).
Kovač-Kritiker müssen Abbitte leisten
Lange war von einer solchen Wende beim BVB kaum auszugehen. Auch Absolut Fußball, das Fußball-Portal von Home of Sports, empfahl den Dortmundern noch Mitte März, die Bundesliga-Saison abzuhaken. Niko Kovač hat derartige Zweifel inzwischen zerstreuen können. Der Trainer hat den BVB nicht nur wieder auf Europa-Kurs geführt, sondern auch seinen Job für die kommende Saison gesichert.
Wie ist dem Ex-Profi das gelungen? Ausschlaggebend für den Aufschwung nach der Länderspielpause im März scheinen vor allem drei Gründe.
1. Der BVB spielt endlich wieder mit BVB-Intensität
120,49 gegen Mainz 05. 121,6 gegen Freiburg. 121,94 gegen Bayern. 121,31 gegen Borussia Mönchengladbach. 123,84 gegen die TSG Hoffenheim.
Was nach Zahlensalat aussieht, steht für eine neue Stärke des BVB unter Kovač: Es handelt sich um die Laufleistung der Mannschaft in Kilometern in den fünf Spielen seit der Länderspielpause. Insgesamt haben die BVB-Stars 609,18 Kilometer zurückgelegt, pro Spiel im Schnitt 121,836. Unter Bundesliga-Trainern gelten 120 Kilometer als „magische“ Marke, die ein laufstarkes Team ausweisen.
Zum Vergleich: Im gesamten Saisonverlauf kommen mit dem FC St. Pauli und Union Berlin nur zwei Bundesliga-Teams über eine durchschnittliche Laufleistung von mehr als 120 Kilometern. Für gewöhnlich laufen vor allem die Mannschaften viel, die recht wenig vom Ball sehen. Der BVB hat in den letzten Wochen den Spagat geschafft, bei viel Ballbesitz auch viele Lücken zu stopfen.
Kovač macht dem BVB buchstäblich Beine
Für sich genommen ist die Laufleistung dabei nur ein Indikator. Wichtig ist, was dahinter steckt: Kein Dortmund-Star ist sich aktuell zu schade, die nötigen Meter für die Kollegen mitzumachen. Das beginnt schon in der Offensive, das Anlaufverhalten etwa von Maximilian Beier ist als vorbildlich zu bezeichnen.
Unverkennbar ist es Kovač gelungen, der Mannschaft buchstäblich Beine zu machen. Sie wirkt wesentlich fitter als unter Vorgänger Nuri Şahin, dessen Ansatz sehr stark auf die fußballerische Qualität seines Teams ausgelegt war. Natürlich hilft Kovač dabei auch, dass der Spielplan in der zweiten Saisonhälfte weniger dicht getaktet ist. Die Verletzungen sind zurückgegangen. Und doch ist bemerkenswert, dass Dortmund inmitten einer Saison an Fitness zulegen konnte.
Auch die Fans honorieren: Der BVB spielt endlich wieder mit BVB-Intensität.
2. Dortmund hat ein Wohlfühlsystem gefunden
Schon bald, nachdem Kovač Ende Januar als neuer Dortmund-Trainer bestätigt wurde, nahmen die Spekulationen über eine Systemumstellung ihren Lauf. Immerhin hatte der Ex-Profi auf seinen vorherigen Stationen vor allem in der Dreierkette gute Resultate eingefahren – wobei interessanterweise der Überraschungserfolg im DFB-Pokalfinale mit Eintracht Frankfurt gegen die Bayern nach Umstellung auf Viererkette gelang.
Beim BVB hat sich Kovač mit der Umstellung durchaus Zeit gelassen. Seit dem Mainz-Spiel ist die Dreierkette aber der neue Standard, von dem der Coach nur bei der krachenden Niederlage im Auswärtsspiel beim FC Barcelona in der Champions League (0:4) abwich.
Alle Mannschaftsteile des BVB profitieren vom neuen System
Die neue Formation kann mit Fug und Recht als „Wohlfühlsystem“ bezeichnet werden: Auch wenn es sich an der Zahl der Gegentreffer nicht konkret ablesen lässt, steht der BVB mit drei Innenverteidigern sicherer; auf dem linken Flügel hat sich Winter-Leihe Daniel Svensson zu einem heimlichen Schlüsselspieler entwickelt; im Angriff steht Torjäger Serhou Guirassy nicht mehr alleine in der Verantwortung.
Die wichtigste Verbesserung hat sich aber im Mittelfeldzentrum ergeben: Nationalspieler Pascal Groß ist viel wichtiger geworden, seitdem er sich nicht mehr für den Spielaufbau zwischen die letzte Kette fallen lässt, auch Carney Chukwuemeka profitiert von den Freiheiten, die sich aus dem System mit starkem Mittelblock ergeben.
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3. Ein Mantra von Kovač hat den BVB-Stars aus der Krise geholfen
Wenn man eine Überschrift über die Amtszeit von Kovač setzen will, drängt sich eine Formulierung regelrecht auf: „Keep it simple“, so lautete schon Anfang Februar bei seiner offiziellen Vorstellung in Dortmund die Maßgabe des gebürtigen Berliners.
Der Spruch hat sich geradezu zu einem Mantra entwickelt. „Im Englischen gibt es die Kiss-Regel: ‚Keep it simple and stupid‘, also sinngemäß: Halte die Dinge so einfach wie möglich“, erklärte Kovač zuletzt in einem Interview mit den Ruhr Nachrichten. „Natürlich kann man Fußball verkomplizieren. Ich bin in dieser Hinsicht vielleicht noch einer vom alten Schlag.“
Anders als unter Vorgänger Şahin werden die Profis beim BVB nicht mit hohen individuellen wie mannschaftstaktischen Ansprüchen überfrachtet. Viele Stars profitieren von der Kiss-Regel.
Klarer Aufwärtstrend bei vielen BVB-Spielern
Torhüter Gregor Kobel darf die Bälle lang schlagen und zur Not ins Aus prügeln, anstatt sich im Kurzpassspiel zu verzetteln – wie zuletzt in Sinsheim doch wieder geschah. Auch die Verteidiger Waldemar Anton, Emre Can und Niklas Süle sollen sich vor allem auf ihre Kernkompetenz konzentrieren: Zweikämpfe und Luftduelle zu gewinnen hat den Vorrang gegenüber spektakulären Pässen im Aufbau.
Die Neuzugänge Groß und Beier blieben in ihrer ersten Saison beim BVB eher unter den Erwartungen, bis Kovač übernahm, auch bei Karim Adeyemi gibt es einen klaren Aufwärtstrend. Zuletzt hat sogar Sorgenkind Julian Brandt eine kleine Wiederauferstehung gefeiert.