Leihgabe von Chelsea

Dortmund-Neuzugang Carney Chukwuemeka „erinnerte an Paul Pogba“

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Carney Chukwuemeka ist die spannendste Verpflichtung des BVB im Winter. Nach einem Wechsel zum FC Chelsea stagnierte seine Weiterentwicklung.

Dortmund – Borussia Dortmund hat sich im Winter-Transferfenster lange Zeit gelassen, um den offensichtlich nicht breit genug aufgestellten Kader nachzubessern. Mit Salih Özcan, dessen Leihe nach Wolfsburg abgebrochen wurde, dem Schweden Daniel Svensson und England-Talent Carney Chukwuemeka kamen letztlich drei Spieler, von denen sich der BVB erhofft, dass sie eine Verstärkung werden.

Während Özcan vor seiner Ausleihe nach Niedersachsen den letzten Qualitätsbeweis in Dortmund stets schuldig geblieben war und Svensson durch den Sprung vom FC Nordsjaelland in die Champions League eine gewisse Anlaufzeit benötigen dürfte, sind die Erwartungen gegenüber Chukwuemeka durchaus höher. Für den Mittelfeldmann zahlte der FC Chelsea immerhin schon 18 Millionen Euro Ablöse, als er gerade einmal 14 Einsätze in der Premier League vorweisen konnte.

Das ist BVB-Leihspieler Carney Chukwuemeka

„Er klopfte bei den Profis von Aston Villa am Ende der Saison 2020/21 an und hinterließ einen starken Eindruck“, erinnert sich der englische Fußballexperte Sam Tighe, der für ESPN, Sky Sports und The Athletic arbeitet und den Klub aus Birmingham eng begleitet, im Gespräch mit fussball.news.

Bei seinem Liga-Debüt war Chukwuemeka 17 und ein halbes Jahr alt, nur zwei Spieler waren bei ihrer Premiere für Villa in der Premier League noch jünger. „Die folgende Spielzeit war schwierig, weil man seinerzeit Jack Grealish ersetzen musste. Chukwuemeka bekam unter Trainer Dean Smith nicht wirklich die Chance, sich zu entwickeln“, so Tighe.

Nachfolger auf dem Trainerposten wurde die Liverpool-Legende Steven Gerrard, „der offensichtlich nicht gut mit Chukwuemeka zurechtkam“, wie Tighe erklärt. Im Hintergrund tobte ein Vertragsstreit, Villa wollte den Jungstar langfristig binden, der jedoch zögerte. „Deshalb war Gerrard nicht geneigt, ihn einzusetzen und hat ihn auch zu Hause gelassen, als Villa im Sommer 2022 eine Tour in Australien gemacht hat. Das Frustrierende daran ist, dass Chukwuemeka in diesem Sommer der herausragende Spieler der englischen U19 war, die die EM gewonnen hat. Einen Monat später ist er gewechselt“, betont Tighe.

BVB-Neuzugang hat sich zu Chelsea ‚verwechselt‘

Es ging für Chukwuemeka zum FC Chelsea, der oftmals den Eindruck erweckt, wahllos Spieler für viel Geld zu sammeln. Frei nach dem Motto: Es werden sich schon einige finden werden, die sich durchsetzen. Tighe beschreibt die Entscheidung für den Wechsel nach London als „schlecht beraten“. Dennoch habe Chukwuemeka das Potenzial gehabt, sich bei den Blues nachhaltig durchzusetzen.

„Als er aus dem Nachwuchs hervorging, erinnerte er an Paul Pogba: Ein großgewachsener Mittelfeldspieler, der das Zentrum schlichtweg dominiert hat. Mit seinem Dribbling, seiner Ballkontrolle und seiner Physis war er einfach für keinen seiner Gegner auf dem Niveau zu halten“, schwärmte Tighe im Rückblick. Dass Chukwuemeka die Defensivarbeit bisweilen vernachlässigt habe, nahmen seine Trainer billigend in Kauf.

Carney Chukwuemeka erhielt beim FC Chelsea kaum Spielpraxis, beim BVB soll sich das ändern.

Den Schritt vom Top-Talent zum Top-Profi hat Chukwuemeka jedoch anschließend nicht vollzogen. „Ihm wird sehr hohes Potenzial beschieden, aber er ist sozusagen die Premier-League-Version von Mathys Tel“, urteilte Tighe. Das Sturmtalent des FC Bayern hielt den Transfermarkt zuletzt mit seinem Hin und Her auf Trab, wurde nun an die Tottenham Hotspur verliehen. „Ist Chukwuemeka ein potenziell großartiger Spieler? Da besteht kein Zweifel. Aber hat man es bisher sehen können? Eher nicht. Er hat bei Villa, Chelsea und den englischen U-Nationalmannschaften angedeutet, dass er ein wirklich besonderer Spieler sein kann. Aber er hat kaum echten Profifußball gespielt.“

Chukwuemeka soll beim BVB endlich Minuten sammeln

Womöglich wäre Chukwuemeka heute A-Nationalspieler und nicht an den BVB verliehen, wenn er sich in der vergangenen Saison nicht am 2. Spieltag eine Knieverletzung zugezogen hätte. Unter Star-Trainer Mauricio Pochettino hatte er sich nach der Vorbereitung einen Stammplatz erarbeitet. Bei West Ham United erzielte er am 2. Spieltag sein erstes Tor in der Premier League, musste aber zur Pause ausgewechselt werden. Bis heute ist es bei diesem einen Treffer geblieben.

„Ich bin absolut überzeugt, dass Chukwuemeka in der Premier League Stammspieler sein könnte, aber seine Entwicklung wurde vom Vertragsärger, Stress mit dem Trainer, einem schlechten Transfer und einer Verletzung zur Unzeit gestoppt. Alles, was er braucht, sind fünf Spiele in der Startelf, von da an wird er durchstarten“, zeigte sich Experte Tighe überzeugt.

Warum Chukwuemeka sehr gut in die Bundesliga passt

Dortmund sei dabei ein passender Ort, nicht nur wegen der Vorgeschichte mit anderen England-Juwelen, die geschliffen wurden. „Sein Stil als Box-to-Box-Spieler und Ballschlepper passt sehr gut in die Bundesliga, es scheint eine gute Liga für ihn zu sein, um in Fahrt zu kommen. Hoffentlich ist er auch defensiv auf der Höhe“, sieht Tighe einen Knackpunkt.

Dass der neue BVB-Trainer Niko Kovač zuvorderst auf Stabilität setzen dürfte und damit im Zentrum Bedarf an Balance besteht, liegt auf der Hand. Chukwuemeka wird sich ohnehin zunächst hinten anstellen müssen, als unüberwindbares Hindernis hat sich beim BVB in der bisherigen Saison aber niemand aufgedrängt.

Bei seinem ersten Auftritt in Dortmund hinterließ Chukwuemeka einen durchaus selbstbewussten Eindruck. „Über ihn als Person ist gar nicht so viel bekannt. Es ist aber offensichtlich, dass er die große Bühne mag und gute Leistungen zeigt, wenn der Druck am höchsten ist. Seine Aussage, dass er ein Spieler sei, der ‚ohne Angst‘ spielt, ist gerechtfertigt“, meinte Tighe.

Was Chukwuemeka den Start in Dortmund erleichtern soll

Nun wird die Frage lauten, wie schnell Dortmund den Neuzugang ohne Spielpraxis in das Team integrieren kann. Hilfreich, dass mit Jamie Gittens ein enger Kumpel von Chukwuemeka im Kader steht. Zudem spricht sein Vater fließend Deutsch, tatsächlich wurde der Mittelfeldmann als Sohn einer nigerianischen Familie in Österreich geboren.

Die Frage wird auch lauten, ob aus der Leihe ein fester Transfer wird: Dortmund sicherte sich eine Kaufoption in kolportierter Höhe von 35 Millionen Euro, eine Summe, die sich am oberen Ende dessen bewegt, was der BVB üblicherweise in einzelne Spieler zu investieren bereit ist.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Mark Cosgrove/News Images

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