VonChristoph Klauckeschließen
Linus Straßer müsste die Enttäuschungen der vergangenen Saison und die Geburt seiner Tochter verarbeiten. Der Ski-Star hatte Schwierigkeiten, sich zu motivieren.
München – Die harten Trainingseinheiten der Ski-Elite werden am kommenden Wochenende zum ersten Mal auf die Probe gestellt. Am Samstag (10.45 Uhr/13.45 Uhr, BR und Eurosport) steht der erste Slalom der neuen Wintersport-Saison im österreichischen Gurgl auf dem Programm. Mit dabei ist auch Deutschlands Vorzeige-Skifahrer Linus Straßer. Der Münchner hat sich rechtzeitig berappelt. Nach der vergangenen Saison und der Geburt seines ersten Kindes hatte der Ski-Löwe mit mentalen Problemen zu kämpfen.
Deutsches Slalom-Ass Straßer „hatte einfach keine Lust mehr“
„Ich hatte einfach keine Lust mehr“, sagt der beste deutsche Slalom-Fahrer über die Zeit nach der verkorksten WM im Februar, „das kann ich ganz offen und ehrlich zugeben.“ Nach zwei dritten und zwei vierten Plätzen im Weltcup war Straßer als Mitfavorit zu den Titelkämpfen gefahren. Doch schon das Parallel-Rennen verlief enttäuschend – Platz 14. Im Slalom hatte er die erhoffte Medaille als Vierter nach dem ersten Durchgang dann klar vor Augen, fiel aber auf Rang neun zurück.
„Das hing mir schon nach“, sagt Straßer, „das war hart und hat lange gedauert.“ Ihm war das Skifahren gründlich vergangen – und nicht nur das. „Ich hatte keinen Bock mehr zu trainieren, auch nicht im Sommer“, erklärt Straßer, der beim Turnier in Kitzbühel den Tennisschläger schwang. Seine Lustlosigkeit, erklärt der Münchner, war aber nicht nur Ergebnis der WM-Enttäuschungen. Vor rund elf Monaten wurde er Vater, Straßer raste nach der Geburt seiner Tochter direkt aufs Podium.
„Hatte keinen Bock mehr zu trainieren“: Deutsches Ski-Ass fiel in tiefes Loch
Durch das Baby-Glück habe sich sein Leben aber „grundlegend verändert“, erklärt der 31-Jährige. Nach der Saison schlug diese Erfahrung voll durch – und beförderte Straßer in ein tiefes Loch.
„Wenn du Papa wirst – das ist eines der schönsten Dinge der Welt“, sagt DSV-Cheftrainer Christian Schwaiger, „aber das verändert auch deine Freiheit als Sportler, du hast mehr Verantwortung, musst deine Frau unterstützen. Das musst du alles erst mal auf die Schiene bringen.“ Straßer brauchte Zeit – und fand einen Kniff, um wieder in die Spur zu kommen.
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DSV-Ass Straßer findet Ausweg im Stangenkampf
„Ich hab‘ es einfach als Arbeit gesehen“, das Training, sagt er. Irgendwann sei er dabei „wieder auf andere Gedanken“ gekommen. „Der Linus“, bestätigt Chef Schwaiger, „hat das super in den Griff gekriegt.“
Zumal er sich ja auskennt mit Situationen, in denen nichts mehr weiterzugehen scheint. Vor viereinhalb Jahren war er schon mal an dem Punkt, dass er sagte, er habe „keine Lust mehr“ auf den Stangenkampf. Im Winter 2018/19, dem letzten an der Seite von Felix Neureuther, holte der Hochtalentierte nur in einem einzigen Weltcup-Slalom Punkte.
Straßer fuhr Neureuther um die Ohren
Dabei fuhr er dem großen Neureuther im Training regelmäßig um die Ohren. „Sehr zermürbend“ sei es gewesen, dass er sein Können in den Rennen nicht habe umsetzen können. Auch damals halfen grundlegende Änderungen - im Trainerteam. Schwaiger übernahm als Chef, Bernd Brunner wurde Techniktrainer, und Straßer startete durch.
In der ersten Saison unter neuer Führung fuhr er dreimal in die Top 10, in der zweiten holte er den erlösenden ersten Slalom-Sieg, seitdem ist er in der Weltspitze etabliert. Dass er im vergangenen Winter nicht noch mehr erreichte und bei der WM scheiterte, lag auch an einer hartnäckigen Erkrankung rund um den Jahreswechsel. „Der Linus“, sagt Schwaiger, sei körperlich „hinten raus komplett auseinandergefallen, der war fertig.“ Hier laufen die Rennen im Ski-Weltcup live im TV und Stream. (ck/sid)
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