Mitgliederversammlung

Eintracht-Boss Mathias Beck: „Ich bin kein Peter Fischer 2.0“

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Adler an der Wand, Adler im Herzen: Mathias Beck.
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Der neue Eintracht-Präsident Mathias Beck wird sich nicht an seinem Vorgänger orientieren, kommt nahbar rüber und schiebt den Breitensport in den Vordergrund.

In der Nacht vor der großen Nacht, seiner großen Nacht, hat sich Mathias Beck ein paar Mal aus dem Bett geschält. An Schlaf war nicht zu denken, die Unruhe hielt ihn wach. Also huschte er rüber an den Schreibtisch zu seinem Manuskript, ergänzte manches und verwarf anderes. Legte sich wieder hin, stand wieder auf. Und wieder von vorne. Sie sollte perfekt sein, die Rede, die er am Montagabend während der Mitgliederversammlung von Eintracht Frankfurt halten sollte, er, der angehende Präsident, wollte sich in einem guten Licht präsentieren, für sich werben, seine Visionen und Ideen hinterlegen.

Nach der schlaflosen Nacht lenkte er sich am „Wahltag“ mit Mucke ab, erst Tote Hosen, dann Depeche Mode, „Enjoy the Silence“. Doch die Aufregung verflüchtigte sich nicht mehr, und als er dann am Abend vor die Mitglieder trat, 21 Uhr war bereits durch, Peter Fischer war von allen möglichen Menschen als Godfather of Rock’n’Roll abgefeiert und in die Eintracht-Hall-of-Fame aufgenommen worden, da wussten die Menschen im Saal bald, dass sich einer diesem Verein aus dem Herzen von Europa voll verschrieben hat. Mit Haut und Haaren. Mit allem, was er hat und in ihm steckt.

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Das sagte er nämlich häufig, vielleicht ein bisschen zu häufig, besser wäre gewesen, auf ein paar verbale Liebkosungen zu verzichten. So aber verwies Mathias Beck, ein Selfmade-Millionär mit Bodenhaftung, wieder und wieder auf seine tiefe Bindung zur Eintracht, seine Liebe, die entweder „lebenslang“ oder „unendlich“ oder „unzertrennlich“ sei. „Die Eintracht bedeutet mir alles, sie hat mich durch mein Leben getragen, sie ist mein Seelenthema.“

Es ist nicht so, dass man dem 52-Jährigen das nicht abnehmen würde, ganz im Gegenteil, Zweifel daran, dass da einer steht, der, wie er noch anfügte, „den Adler im Herzen trägt“, gibt es ganz sicher nicht. Aber die ständige Betonung des Offenkundigen war halt einfach einen Ticken drüber. Ist aber nicht weiter schlimm.

99 Prozent stimmen für neuen Eintracht-Präsidenten

Geschadet hat es dem aufrichtigen Typen nicht, die fast 1900 Mitglieder wählten den Unternehmer mit einer überwältigenden Mehrheit von 99 Prozent zu ihrem neuen Präsidenten. Ein Ergebnis, das Beck „unfassbar stolz“ zurückließ und auch seinem Vorgänger zur Ehre gereicht hätte. Fast 100 Prozent Zustimmung – das war so eine typische Peter-Fischer-Mehrheit. Mit dem Abschied des 67-Jährigen nach 24 Jahren ist in Frankfurter-Unterliederbach etwas Epochales zu Ende gegangen, die Eintracht ohne Peter Fischer an der Spitze – unvorstellbar. Dieser 5. Februar 2024 stellt eine Zäsur dar. Und der Abend endete so, wie er bei einem Peter Fischer in Hochform nur enden konnte, mit einem lauten Bang, einer krachenden Kampfansage an alle, die am rechten Rand der Gesellschaft fischen. „Mein Lebenswunsch ist, dass diese Drecks-Nazischeiße verschwindet und explodiert“, bellte Fischer zum Abschied. „Kotzt ihnen jeden Tag ins Gesicht.“

So etwas käme einem wie Mathias Beck niemals über die Lippen. Nicht, dass das neue Vereinsoberhaupt, Ehemann, Vater zweier professioneller Eiskunstläuferinnen und Hundebesitzer, nicht auch hemdsärmlig und volksnah wäre, aber das ist nicht seine Sprache und, hey, es gibt halt eh nur einen Peter Fischer. „Ich bin kein Peter Fischer 2.0“, sagt Beck über den guten Freund.

Becks Vita ist beeindruckend. In jungen Jahren eine Führungskraft bei Haribo, dann Binding, die Oetker-Gruppe. Und schließlich Immobilien im großen Stil. Er ist ein Geschäftsmann durch und durch, einer, der nie das Risiko scheute und seinen Weg kerzengerade ging. Und über den dennoch niemand etwas Schlechtes zu berichten weiß. Bemerkenswert. Finanziell unabhängig ist er längst, aus dem operativen Geschäft seiner drei Unternehmen hat er sich zurückgezogen – der Eintracht zuliebe. Wenn er etwas macht, dann richtig, und der Job als Oberhaupt von 140 000 Mitgliedern wird ihn mit Haut und Haaren fressen. Und das soll es ja nicht sein, „ich sehe das Potenzial für 200 000 Mitglieder“.

Das volle Eintracht-Programm

Seit klar war, dass er Fischer beerben soll, im Sommer war das, verbrachte er nur noch drei Abende zu Hause. Ansonsten ging er Klinken putzen, hinein in den eigenen Klub mit 20 Abteilungen, „der Seele des Vereins, den Maschinenraum“, aber auch in die Fanclubs, zu den Ultras, Sponsoren, Bankern, Politikern, Unterstützern. Das volle Programm.

Nahbar ist er geblieben, Mathias Beck, der mit vier Jahren erstmals im Waldstadion war mit seinem Vater und seinem Onkel, und dann nie mehr los kam von seiner Eintracht, auch ein Umzug als 14-Jähriger nach Bonn konnte der Beziehung nichts antun. Die Eltern mussten Klein-Mathias versprechen, ihn zu jedem Heimspiel zu fahren. Sie haben Wort gehalten.

Als Präsident hat er sich aber nicht den Profis verschrieben, klar hat er da ein Auge drauf, er ist Fan, bei jedem Spiel - und mit dem Verein auch Mehrheitsaktionär an der Fußball-AG. Aber er will den Breitensport voranbringen, die anderen Sportarten in den Fokus rücken. Turnen etwa. Dass 1600 Kinder auf der Warteliste stehen – ein Unding für ihn.

Er will Sponsorenpools bauen und an das heikle Thema Sportstätten ran, von denen es viel zu wenige gibt. Da müsse sich was tun, „da müssen wir investieren“. Denn: „Auch in 100 Jahren müssen wir das Herzstück und der Leuchtturm der ganzen Region sein.“ Er setzt auf den Dialog mit den Fans, wird daher sogar in Benjamin von Loefen ein Ultra-Mitglied ins Präsidium schicken. Vielfältigkeit findet er auch gut.

Beck sieht seinen Verein gut aufgestellt, will ihn aber weiter professionalisieren und wachsen lassen. „Jetzt kann es kein Zurück mehr geben, jetzt muss es weiter vorwärts gehen.“ Er wird die Lokomotive sein. Er freut sich drauf. Denn, man ahnt es: „Die Eintracht ist die größte Liebe meines Lebens.“ Ruhig mal bei seiner Frau nachfragen. „Und dann kommt sie, ganz bestimmt. Das habe ich ihr gesagt.“

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