VonThomas Kilchensteinschließen
Daniel Schmittschließen
Beim 1:0 gegen Darmstadt 98 ist die Eintracht noch weit entfernt von großer Fußballkunst, die Punkte aber bleiben zu Recht in Frankfurt.
Die Kreidemarkierungen waren irgendwann kein Hindernis mehr für Dino Toppmöller. Das extra für ihn eingezeichnete Rechteck am Spielfeldrand, zu diesem Zeitpunkt des Spiels am anderen Ende des Frankfurter Gehäuses gelegen, überschritt der 42-Jährige bei seinem Bundesligadebüt als Eintracht-Coach quasi im Sekundentakt. Zu viel hatte er kritisch anzumerken, zu sehr ließen sich seine Schützlinge in der Schlussviertelstunde gegen den SV Darmstadt 98 in die Defensive drängen. Da musste er einfach näher ran, bei seinem lautstarken wie gestenreichen Heimauftakt. Zwar sollte es für die Eintracht zu einem 1:0 (1:0)-Sieg reichen, prickelnd war die Leistung der Frankfurter Fußballer zum Ligastart aber nicht, ganz im Gegenteil ließ sie noch sehr viel Luft nach oben.
„Natürlich wünscht man sich als Trainer, dass alles noch etwas flüssiger läuft“, sagte Toppmöller, „aber jetzt sind wir erstmal froh, dass wir das Ding über die Bühne bringen konnten.“ Jene Floskel, dass aller Anfang schwer sei, treffe daher zu, befand Toppmöller, der eine kontrollierte erste Hälfte mit zu wenig Tempo auf Eintracht-Seite sowie einen schwächeren zweiten Abschnitt gesehen hatte. Dennoch bescheinigte er seiner Truppe eine „insgesamt ordentliche Leistung“. Der Frankfurter Sportvorstand Markus Krösche analysierte ähnlich: „Wir können viel Dinge noch besser machen, gerade in der Offensive. Die Defensivleistung aber war gut.“
Den entscheidenden Treffer eines insgesamt recht mauen Hessenderbys, weil auch Darmstadt zu lange zu duckmäuserisch auftrat, markierte - natürlich - Topstürmer Randal Kolo Muani. Doch war es womöglich der letzte Treffer für den französischen Dauerknipser im Adlergewand? Allemal möglich! Der Poker mit Paris Saint-Germain nimmt gerade an Fahrt auf.
Die Bundesligasaison jedenfalls begann aus Frankfurter Sicht denkbar ungünstig, vor allem für den Kapitän. Sebastian Rode, der anstelle von Aurelio Buta in der Startelf stand (Eric Dina Ebimbe rückte auf rechts), bekam nach nur 20 Sekunden einen Tritt gegen die Wade und musste kurz darauf humpelnd den Rasen verlassen. Der eingewechselte Kristijan Jakic hatte anfangs sichtbar Schwierigkeiten, sich in den für ihn eher ungewohnte Räumen im halblinken Mittelfeld zu bewegen. Immer wieder richtete der neue Mittelfeldchef Ellyes Skhiri, der selbst einen sehr durchwachsenen Heimeinstand hinlegte, seinen Nebenmann gestenreich aus. Wie auch Trainer Toppmöller. Überhaupt wippte der Fußballlehrer die meisten der 98 absolvierten Minuten direkt an der Seitenlinie mit, bog seinen schlaksigen Körper bei misslungen Aktionen regelmäßig aus Frust durch, klatschte dazwischen aufmunternd, lobte, griff ständig in die taktischen Abläufe ein.
Das Führungs- und Siegtor sollte schließlich nach einer gelungenen Kombination fallen. Kolo Muani selbst war im Mittelfeld der Ausgangspunkt. Über den agilen und nicht mit dem Schiedsrichter meckernden Mario Götze sowie Jakic fand der Ball den Weg zu Jesper Lindström. Der Däne verzögerte im Strafraum geschickt und nahm den in seinem Rücken durchstartenden Philipp Max mit. Ein überlegter wie scharfer Querpass auf den langen Pfosten, eine Absetzbewegung vom nach vorne geeilten Kolo Muani und schon lag die Eintracht vorne (40. Spielminute). Es war der beste Angriff der Begegnung, „wunderschön herausgespielt“ sei das Tor gewesen, wie Eintracht-Torhüter Kevin Trapp sagte, der aber unumwunden zugab: „Danach war nicht mehr viel.“ Immerhin habe man den Erfolg über die Zeit gebracht, „und an einen 1:0-Sieg kann ich mich auch nicht mehr wirklich erinnern“, so der Keeper. Der letzte dieser Sorte gelang den Frankfurtern in der Tat am 26. Oktober des vergangenen Jahres, Champions League, in Marseille, lange her.
Womöglich bremsten vor 54 000 Zuschauenden, die erstmals auch im Oberrang der Nordwestkurve die Partie stehend verfolgten, die Temperaturen das kickende Personal ein wenig ein. 42 Grad waren es zeitweise auf dem Rasen, das Spieltempo gerierte sich über weite Strecken entsprechend lahm.
Die Gäste trauten sich gar erst in den zweiten 45 Minuten so richtig ernsthaft nach vorne, zwar immer noch wohldosiert, aber immerhin. Beim Pfostenkopfball des eingewechselten Rückkehrers Luca Pfeiffer sowie eines geblockten Nachschusses waren die Lilien sehr nah dran am Ausgleich (65.). „Ein Mutmacherspiel“ sei dieser „massive Auftritt“ nach dem blamablen Pokal-Ausscheiden für seine Darmstädter gewesen, ließ Trainer Torsten Lieberknecht wissen: „Leider sind wir nicht mit Punkten belohnt worden.“ Einer zumindest wäre für die Südhessen drin gewesen.
Die Eintracht-Hintermannschaft aber, und das darf neben dem Dreier wohl als positivster Aspekt festgehalten werden, hielt sich über weite Strecken schadlos. Für ein paar Minuten im zweiten Abschnitt wackelte der rechte Innenverteidiger Tuta ein wenig, nach dessen verletzungsbedingter Auswechslung und der Hereinnahme von Makoto Hasebe aber kehrte wieder mehr Sicherheit ein. Der Japaner stieg am Sonntag im Alter von 39 Jahren, sieben Monaten und zwei Tagen zum ältesten Bundesligaspieler der Eintracht jemals auf - man sah es ihm nicht an.
Die letzten Sequenzen der Partie verbrachte Dino Toppmöller bei seinem Einstand übrigens hadernd. Weil Abwehrmann Robin Koch weit in der Nachspielzeit einen Freistoß unnötig nach vorne in die Darmstädter Abwehrbeine drosch, stampfte der Frankfurter Trainer mitten hinein in den Abpfiff noch zweimal wütend auf den Boden, erst dann hellte sich seine Mimik auf. Es habe ihm, Toppmöller, dennoch einen Riesenspaß gemacht. Und gewonnen hat er nun mal auch. Seit 2014, damals war es Thomas Schaaf, gelangen keinem Eintracht-Trainer mehr zwei Pflichtspielsiege zum Auftakt.

