VonIngo Durstewitzschließen
Über den hessischen Bundesligisten Eintracht Frankfurt haben sich dunkle Wolken gelegt, und jetzt wartet auf den Tabellensechsten auch noch ein „brutales Restprogramm“.
Das Gespräch mit der rasenden Reporterin Laura Wontorra war nun bestimmt kein denkwürdiges, das wäre übertrieben, aber es war, unmittelbar nach Abpfiff eines Bundesligaspiels, doch bemerkenswert offen und ließ tief blicken ins Innere des Frankfurter Torhüters Kevin Trapp. Die 33 Jahre alte Leitfigur der Eintracht wirkte am Dazn-Mikro nachdenklich, ein wenig konsterniert und fast schon ein bisschen ratlos. Da suchte einer krampfhaft die richtigen Worte, um etwas zu erklären, was er gar nicht richtig erklären kann, weil er es nur fühlt, aber nicht packen kann. „Ich kann es gar nicht so richtig beschreiben“, hob Trapp also an, „aber irgendwie schwebt eine sehr, sehr negative Wolke über uns.
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Teilweise sind wir auch zu Recht kritisiert worden, weil die Spiele einfach nicht schön und die Ergebnisse nicht da waren. Für mich persönlich ist es schwer zu greifen.“ Sehr viel besser kann man die Situation der Eintracht im Endspurt der Bundesliga nicht zusammenfassen, denn es herrscht eine merkwürdige Stimmung rund um den Klub, eine Atmosphäre der Unzufriedenheit. Oder eben: dunkle Wolken, die die Eintracht-Welt grau in grau erscheinen lassen.
Das 1:1 am Freitagabend gegen Werder Bremen lässt die Frankfurter nicht vom Fleck kommen, sie rangieren weiter auf Platz sechs, was im Jahr des Umbruchs eine gute, ach was, eine sehr gute Platzierung ist. Aber es geht längst nicht mehr nur um das Ranking an sich, sondern um die Performance auf dem Platz. Und da ist eben keine Entwicklung zu erkennen. Der breitbeinige Angeberfußball hat ausgedient, was ja nicht schlimm ist, weil er den Mannschaften immer viele Körner geraubt hat, die irgendwann gefehlt haben.
Für was steht die Eintracht?
Und es wäre auch deshalb nicht schlimm, wenn an seine Stelle eine andere Form des Fußballs getreten wäre, einer mit feinerer Klinge, Raffinesse oder sonst etwas. Doch da ist im Grunde nur Leere, niemand weiß, wofür die Eintracht in der Saison 2023/24 steht, was sie wirklich vor hat, wie sie zum Erfolg kommen will. Die Auftritte sind erstaunlich schablonenhaft, langatmig, zäh und beliebig. Und da sich die Spiele und die Analysen nach den Spielen ähneln, hat sich eine bleierne Schwere über den Klub und seine Protagonisten gelegt.
Insgesamt schon zwölf Unentschieden stehen zu Buche, so viele wie kein anderes Team der Liga – das ist nichts, womit man voran kommt und den Europapokalplatz festigen könnte. „Wenn du gegen Union und Bremen zu Hause nur zwei Punkte holst, dann hat das auch Gründe“, monierte Kevin Trapp, ohne die Gründe zu benennen. „Vielleicht ist es am Ende auch verdient.“
Genau so sieht es aus, in beiden Partien hat die Eintracht nicht mehr als einen Punkt verdient, auch wenn Trainer Dino Toppmöller auf die Statistik verweist. „Wir haben 25 Flanken geschlagen, hatten 23 Abschlüsse – da muss du mehr draus machen.“ Zudem: 67 Prozent Ballbesitz. Doch auch hier liegt ein Problem, denn zumeist zirkuliert die Kugel in Räumen, die kaum gefährlich sind für den Gegner. In aller Regel dreht die Mannschaft erst irgendwann in der zweiten Hälfte auf und lässt die taktischen Fesseln fallen. Da ist dann auch eine gewisse Wucht und Rasanz zu spüren – doch in der Regel sind das nur Phasen, quasi Strohfeuer. „Wir sind nicht zufrieden mit der Art und Weise, wie wir Fußball spielen und auch nicht mit den Ergebnissen“, sagt Sportvorstand Markus Krösche.
Zudem hat sie neben fußballerischen Unzulänglichkeiten ein ausgemachtes Disziplinproblem. Trainer Toppmöller muss immer wieder frühzeitig Spieler auswechseln, um sie vor einer Hinausstellung zu schützen. Eric Dina Ebimbe tut sich da besonders hervor, auch Niels Nkounkou ist ein Kandidat. Und am Freitag ließ sich Defensivmann Tuta zu zwei dämlichen Fouls hinreißen, das zweite brachte ihm zu Recht eine Rote Karte ein. „Völlig unnötig“, urteilte Sportchef Krösche. Zumal der Brasilianer dadurch die numerische Überlegenheit (vorher war Bremens Jens Stage vom Platz geflogen) zunichte machte. Tuta, der im defensiven Mittelfeld ein gutes Spiel machte, wird der Eintracht einige Partien fehlen. „Sehr ärgerlich“, befand Toppmöller.
Krösche stützt den Coach
Toppmöller wird mit seinem Team nun irgendwie den Turnaround schaffen müssen. Das wird nicht leicht. Dass die Eintracht überhaupt noch im Rennen um Platz sechs die Nase vorn hat, hat nichts mit eigener Stärke zu tun, sondern mit der Schwäche der anderen. Und es warten dicke Brocken auf die Frankfurter. Stuttgart, Leverkusen, Bayern und Leipzig. „Wir verschließen davor nicht die Augen“, sagt Keeper Trapp. „Das Restprogramm ist brutal. Aber wird sind kein Kanonenfutter, wir sind in der Lage, gegen diese Mannschaft zu gewinnen.“ Fürwahr: Gegen spielstarke Topmannschaften tut sich die Eintracht oft leichter als gegen Teams, die aufs Blockieren aus sind. Allerdings: Verlassen sollte man sich darauf nicht.
Auch Toppmöller muss jetzt liefern, der Fußballlehrer muss seiner Mannschaft etwas an die Hand geben – und sie wird zeigen müssen, dass sie ihrem Trainer folgt. Im Umfeld ist die Stimmung längst gekippt, da hat der junge Trainer so gut wie keinen Kredit. Sportboss Krösche kann das nicht verstehen. „Dino alleine zu kritisieren, wäre nicht richtig, weil letztendlich haben wir, respektive auch ich, die Entscheidung getroffen, sehr viele Wechsel im Kader zu machen“, sagte er im Sport-1-Doppelpass. „Dass das zu Schwankungen führt, ist normal. Wir glauben, dass wir in dieser Konstellation sowohl mit Dino als auch mit dem Kader eine gute Chance haben, in den nächsten Jahren regelmäßig international zu spielen.“
Sollte Toppmöller aber Platz sechs noch verspielen, würde er mit einer schweren Hypothek in die neue Saison gehen und der Druck auf den Sportvorstand mächtig wachsen. Dagegen helfen: Siege und gute Leistungen. Beides gab es zuletzt kaum.
