Eintracht Frankfurt vor dem Neapel-Duell: Eiszeit am Vesuv
VonIngo Durstewitz
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Brisantes Champions-League-Duell in Neapel: Die Eintracht bricht alle diplomatischen Beziehungen ab, muss aber vor allem sportlich wieder in die Spur kommen.
Der einflussreiche Eintracht-Boss Axel Hellmann boykottiert die Reise ganz bewusst und demonstrativ, ein Zeichen, ein stiller Protest. Alle diplomatischen Beziehungen zwischen den Klubs sind eingestellt. Auch der obligatorische Empfang samt stilechtem Mittagessen zwischen den Abgeordneten der Vereine entfällt. Auf politischem Terrain bewegen sich die Temperaturen gefühlt rund um den Nullpunkt.
Frankfurt gegen Neapel: Die UEFA „hat auch die Schnauze voll“
Die Eintracht-Delegation vor Ort besteht aus Sportchef Markus Krösche sowie dem für Fanbelange zuständigen Vorstand Philipp Reschke. Schmalspuriger kann ein Programm vor einem großen Spiel in der Königsklasse nicht ausfallen. Mehr Sparflamme geht kaum. Die Eintracht ist ob des abermaligen Ausschlusses ihrer Fans (wie schon 2023) stinksauer.
Sie stört sich nicht nur an der dadurch entstehenden Wettbewerbsverzerrung, sondern auch an der Willkür, mit der die Behörden – in Abstimmung mit dem Klub, wie allseits vermutet – in einen hochpreisigen Wettbewerb eingreifen. Die Eintracht will sich das nicht länger gefallen lassen und bohrt bei der UEFA hinein ins dicke Brett, damit solchen Beschlüssen auf anderem Sektor begegnet werden kann.
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Entweder dadurch, dass in einem solchen Fall die Fans beider Klubs ausgeschlossen werden oder das Spiel an einem neutralen Ort ausgetragen wird. Beides wäre nicht im Sinne des gastgebenden Vereins. Eintracht-Vorstand Reschke meint es ernst und baut seine Initiative auf eine breite Basis. „Wir sind die Speerspitze“, sagt er.
Aber internationale Partner seien offen für den Vorstoß der Eintracht, allen voran der FC Liverpool. „Sie haben gesagt: ,Passt auf, macht ihr den Speer, wir schieben Euch von hinten hindurch durch die Tür mit unseren Beziehungen.‘ Wir sind dabei, einen Stein zu höhlen, um gemeinsam mit der Uefa konstruktiv an einer Regelwerkänderung zu arbeiten.“ Denn: Der Verband habe „auch die Schnauze gestrichen voll, dass er sich alle zwei Wochen in ein Fernsehmeeting in Rom dazuschalten muss.
Dabei geht es auch darum ob Gästefans in europäischen Klubwettbewerben ausgeschlossen werden. Das findet er auch nicht gut.“ Konkret und aktuell hat dieser Vorstoß noch keine Relevanz. Die Eintracht wird in Neapel ohne Fans auskommen müssen, die Mannschaft muss es auch so richten.
Zum Spiel
Neapel: Milinkovic-Savic - di Lorenzo, Rrahmani, Buongiorno, Olivera - Zambo Anguissa, Lobotka, McTominay - Politano, David Neres - Höjlund.
Der Eintracht fehlen: Uzun, Hojlund, Baum (alle Muskelverletzung).
Das wird schwer genug. Denn: Die Hessen kommen nun nicht gerade aus ihrer besten Phase – eine solche hatten sie eigentlich nur zu Saisonbeginn. Seitdem geht es mal ein bisschen nach oben, gefühlt aber bis auf wenige Ausreißer eher nach unten. Auch das dämmrige 1:1 vom Samstag beim 1. FC Heidenheim war kein Stimmungsaufheller, ganz im Gegenteil. Von den letzten sieben Pflichtspielen hat die Eintracht nur eines gewinnen können, 2:0 gegen St. Pauli, aber viermal verloren. In der Bundesliga rangiert sie auf Platz acht, hinter Aufsteiger Köln und der TSG Hoffenheim. Das war mal anders geplant. Und auch in der Königsklasse ist sie zuletzt zweimal unter die Räder gekommen, 1:5 gegen Atletico, 1:5 gegen Liverpool.
Man fragt sich, wofür die Eintracht im Herbst 2025 eigentlich steht und wie sie zum Erfolg kommen will? Schon einige Male hat sie in dieser Saison Spiele abgerissen, die so gar nicht Eintracht-like waren. Wucht, Resilienz und Aufmüpfigkeit suchte man da vergebens. Oder, wie am Samstag in Heidenheim: Lösungen gegen massiert verteidigende Kontrahenten. Zumindest in diese Verlegenheit wird sie in Italien nicht kommen.
Und man fragt sich überhaupt: Wie soll diese Mannschaft jetzt beim italienischen Meister bestehen? Der ist in der Serie A wieder Spitzenreiter, spielt aktuell zwar nicht die Sterne vom Himmel, aber generell in einer anderen Liga als die Eintracht.
Jede Niederlage hinterlässt Spuren
Für die Frankfurter steht mal wieder ein bisschen was auf dem Spiel. Eine neuerliche Niederlage in der Champions League würde merklich auf die Stimmung drücken, gar keine Frage. Denn wenn man im Zirkel der Besten regelmäßig auf die Mütze bekommt, könnte sich schnell die Erkenntnis einschleichen, dass man vielleicht gar nicht zu den Besten gehört. Das weiß man am Main natürlich auch so, und doch hinterlässt jedes Negativerlebnis, jede Niederlage Spuren. Das ist nicht gut fürs Selbstvertrauen. Und das ist elementar im Sport.
Zumal die Eintracht ohne ihre Einzelkönner Omar Marmoush und Hugo Ekitiké einfach nicht mehr so stark und unberechenbar ist wie zuvor. Mit einem Jonathan Burkardt im Zentrum, einem klassischen Mittelstürmer, muss man eben anders spielen. Wenn er denn spielen kann, der Ex-Mainzer, der immer wieder mal geschont werden muss. Das Blöde: Alternativen wie Elye Wahi oder Michy Batshuayi sind eben keine.
Die Eintracht verfällt in alte Muster
Das alles wusste man, das hat Dino Toppmöller sehr früh angesprochen, doch die geplante Umstellung des Spielstils klappt nicht so wirklich. Die Frankfurter verfallen in alte Muster, das Spiel ist schleppender, breiter, nicht mehr so brachial und vertikal. Was aktuell damit zu tun haben könnte, dass es zurzeit generell unrund läuft.
Ritsu Doan etwa sucht nach seiner Form, wurde aber in den beiden letzten Spielen auch als verkappter Rechtsverteidiger aufgeboten. Hugo Larsson bleibt hinter seinen Möglichkeiten, Ellyes Skhiri ist Ellyes Skhiri, Ansgar Knauff spielt mal so und mal so, Mario Götze enttäuschte in Heidenheim vollends, und hinten stabilisiert sich das Team erst wieder. So langsam. Kontertore gibt’s dennoch zuhauf. Vertrackt: Jetzt fällt auch noch Spielmacher Can Uzun mit einem Muskelfaserriss aus.
Die Eintracht ist unter Zugzwang, auch Trainer Dino Toppmöller ist jetzt gefragt. Er muss seine Mannschaft in die Spur und Konstanz in die Leistungen bringen. Erfolgserlebnisse sind da immer hilfreich. Und sie sind für die Eintracht noch aus einem anderen Grund wichtig, einem ganz profanen.
Will sie in der Champions League bei diesem Hammerprogramm überhaupt die Chance wahren, in die Playoffs einzuziehen, muss sie so langsam anfangen, Punkte einzufahren. Zum Vergleich: Der VfB Stuttgart holte in der vergangenen Saison in der Ligaphase drei Siege und zehn Zähler – und kam am Ende auf Rang 26 ins Ziel. Das Aus für die Schwaben.