VonThomas Kilchensteinschließen
Ingo Durstewitzschließen
Eintracht Frankfurt kann mit einem späten Tor gegen Wolfsburg einen weiteren Niederschlag gerade noch verhindern.
Frankfurt – Und dann, als alles wieder verloren schien bei der Eintracht, kam Timmy Chandler. Der Mann, das Frankfurter Urgestein, mehr als guter Geist und Kabinen-Stimmungskanone, sollte in den letzten Minuten noch mal für frischen Wind sorgen, allein durch seine Anwesenheit, es war im Grunde aber die schiere Verzweiflung. Er ist ja einer, der mitreißen, der begeistern, der für Emotionen sorgen kann, selbst wenn es für längere Spielzeiten nicht mehr reicht.
Und dann flog tatsächlich in der wegen fliegender Tennisbälle und anderer Gegenstände üppig langen Nachspielzeit von elf Minuten noch ein Ball in den Wolfsburger Strafraum, Chandler streckte den kantigen Schädel ganz weit nach oben, verlängerte die Kugel perfekt in den Lauf von Omar Marmoush.
Der Stürmer, längst schon Frankfurter Lebensversicherung, zögerte nicht lange, schoss den Ball resolut ins Wolfsburger Tor zum Endstand. Es war das 2:2 (1:2), ein Remis, das hinterher deutlich besser gemacht und geredet wurde, als es tatsächlich war. Es war ein Remis, das den Hessen nach dem GAU vom Donnerstag mit dem überraschenden Ausscheiden in der Conference League zumindest ein wenig Luft zum Atmen verschafft. Mehr aber auch nicht. Aber immerhin: ein Anfang.
Eintracht Frankfurt nach spätem Remis erleichtert
Ohne dieses Tor, so viel darf spekuliert werden, hätte die Hütte gebrannt im Stadtwald, lichterloh vermutlich. So waren die Steine förmlich bis unters Stadiondach zu hören, die den bei der Eintracht-Verantwortlichen von der Seele gepurzelt waren. Eintracht Frankfurt hatte nicht erneut ein Heimspiel verloren.
Vor diesem Hintergrund musste man die Analysen der Protagonisten lesen. Von einem Brustlöser, gar von einem Befreiungsschlag konnte wahrlich nicht die Rede sein. Die Verunsicherung war zu spüren bei dieser so wankelmütigen, zuletzt meist labilen Mannschaft. Die letzten „schweren Wochen“, wie Trainer Dino Toppmöller die Schaffenskrise nannte, gingen „nicht spurlos an einem vorbei“, fasste Philipp Max die Stimmung in der Kabine zusammen. Der Niederschlag im Europapokal habe nicht gerade „zu einer breiten Brust beigetragen“, sagte Max, der die frühe Wolfsburger Führung durch Maxcene Lacroix (2.) bereits nach 14 Minuten und feiner Vorarbeit des starken Hugo Ekitiké ausgleichen konnte. Es war zugleich sein allererstes Pflichtspieltor für die Frankfurter, für die er seit bald 13 Monaten spielt. Vor der Halbzeit gingen die Gäste erneut in Führung, Kevin Behrens erzielte sie per Kopf (34.), ebenfalls sein erstes Tor im Wölfe-Trikot, „da waren wir schläfrig“, deckelte Toppmöller. Beide Gegentore, auch das ist nichts Neues, fielen viel zu leicht.
Eintracht Frankfurt feiert „Mentalitätspunkt“
Hinterher hoben Spieler und Funktionäre Moral und Mut der Frankfurter hervor, die sich nicht aufgaben und zurückgekommen waren. „Das war ein Mentalitätspunkt, ein Willenspunkt, ein Moralpunkt“, sagte Sportvorstand Markus Krösche, der seinem Team bescheinigte, einen „großen Schritt in die richtige Richtung“ getan zu haben. Die Mannschaft habe „Energie, Aggressivität und Mut“ auf den Platz gebracht, man habe sehen können, dass sie wollte, dass sie den Bock umstoßen und „eine sensationelle Reaktion“ auf die letzten Niederschläge gezeigt habe, übertrieb Krösche. „Das ist uns gelungen und sehr positiv“, sagte Krösche.
„Mehr Herz, weniger Kopf“ - unter dieses Motto hatte Toppmöller diese Partie gestellt, es wurde nur in Teilen mit Leben gefüllt. Allerdings hatte der in die Kritik geratene Coach seine Elf gravierend umstellen müssen, allein drei Sechser standen nicht zur Verfügung, Hugo Larsson (Sehnenblessur), Sebastian Rode (Knieprobleme), Ellyes Skhiri (angebrochene Rippe) mussten passen, Tuta und Donny van de Beek übernahmen abräumende Aufgaben. Hugo Ekitiké stand erstmals von Beginn an auf dem Rasen, er war ein Aktivposten, solange die Beine ihn trugen.
Eintracht steckt „Alptraumstart“ weg
Klar ist aber auch: „Fußballerisch ist da Luft nach oben“, sagte Krösche, viel sogar. In der ersten Halbzeit schafften es die Hessen wenigstens ab und an, halbwegs ordentlich nach vorne zu spielen, selbst wenn das „nach dem Alptraumstart“ (Toppmöller) nicht einfach gewesen war. Das Bemühen war zu erkennen, aber gehört Einsatz und Kampfkraft nicht zu den Basics, die eine Bundesligamannschaft in jedem Spiel abrufen muss? Krösche forderte erneut Geduld mit der jungen Mannschaft ein, die sich entwickeln müsse, schnell gehe das nicht. „Das ist keine Autobahn, eher Serpentinen.“
Zur Wahrheit gehört aber auch: In der zweiten Halbzeit, die wegen Protesten der Frankfurter Fans („Investorenvereine raus aus der DFL - Scheiß Wolfsburg“) gleich für acht Minuten unterbrochen werden musste, gab es sehr viel Leerlauf im Spiel. Allenfalls in homöopatischen Dosen kamen die Hausherren in aussichtsreiche Positionen, Ansgar Knauff (69.) hatte die beste Möglichkeit, er schob die Kugel am langen Pfosten vorbei. Erstaunlicherweise hatten auch die Wolfsburger, in 2024 noch ohne Sieg, irgendwann im zweiten Abschnitt größere Bemühungen eingestellt, ein drittes Tor hätte der Eintracht sicher das Genick gebrochen.
Ex-Wolf Marmoush erlöst die Eintracht in der Nachspielzeit
So kam es, dass nach Chandlers Einwechselung und dem Ausgleich zehn Minuten Leidenschaft in der Nachspielzeit beinahe noch zum Sieg geführt hätten. Auch weil die Eintracht auf den allerletzten Drücker diese Wildheit an den späten Tag legte, die sie früher einmal ausgezeichnet hatte. Zum kleine Happyend gehörte auch, dass es Omar Marmoush war, der das 2:2 markierte, einer, der in der vergangenen Saison noch beim Gegner spielte. Vielleicht sei er beim VfL so gut ausgebildet worden, sagte Wolfsburgs Trainer Niko Kovac. Er lächelte dabei.

