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Lennart Karl brillierte auch im CL-Spiel des FC Bayern gegen Sporting Lissabon. Sein „Chefkritiker“ legt dennoch erneut gegen ihn nach. Unnötig und blamabel. Ein Kommentar.
München – Der frühere deutsche Nationalspieler und Bayern-Star Mario Basler will von seiner zu Saisonbeginn eingeschlagenen kritischen Linie nicht abweichen: Er lässt sich auch nicht von den aktuellen Top-Leistungen des 17-jährigen Lennart Karl von der Meinung abbringen, dass dieser kein ausreichendes Talent besitzt, um sich langfristig beim FC Bayern durchzusetzen. Seine Argumente wirken dabei in zunehmenden Maße bockig und sind zudem wenig inhaltlich.
So meint der 56-Jährige im Gespräch mit Absolut Fussball: „Wenn das das größte Talent des FC Bayern sein soll… Man sagt, es ist das größte Talent beim FC Bayern. Ich weiß nicht, was Musiala davon hält.“ Es wäre zwar in der Tat interessant zu wissen, was der derzeit noch verletzte 22-Jährige zu seinem „FCB-Supertalent-Nachfolger“ meint, aber als Argument gegen die Klasse von Karl sind Baslers Aussagen schlichtweg unbrauchbar.
Baslers sorgt wieder mit Karl-Aussagen für Aufruhr
Dann blamiert sich der 30-malige Ex-Nationalspieler aber bis auf die Knochen: „Musiala war ja auch drei Jahre in dem Nachwuchsleistungszentrum. Ich finde, Musiala und Lennart Karl – da ist schon noch ein großer Unterschied.“
Tatsächlich war der beim FC Chelsea ausgebildete Supertechniker des FC Bayern nicht einmal ein Jahr auf dem FCB-Campus. Im Sommer 2019 wechselte er 16-jährig von der Insel in die damals von Miroslav Klose betreute U17 des Rekordmeisters, nach Weihnachten spielte er bis zur Corona-Pause in der U19 und war dann Teil der Bayern Amateure, die unter Sebastian Hoeneß fast schon sensationell die Drittligameisterschaft gewannen. Am 20. Juni 2020 feierte Musiala am 33. Spieltag sein Bundesliga-Debüt, als ihn Hansi Flick zwei Minuten vor Ende beim 3:1 gegen den SC Freiburg einwechselte.
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Beim CL-Finalturnier im August 2020 in Lissabon war Musiala zwar dabei, bekam aber keine Spielminuten. Seine Entwicklung bei den Profis des FC Bayern lief in etwa vergleichbar mit der von Lennart Karl, wenn nicht sogar ein bisschen langsamer. Dennoch sieht Basler Karl „nicht als das große Talent. Und ich glaube auch nicht, dass er auf Dauer bei Bayern bleibt. Auch er wird irgendwann ausgeliehen, bei Bayern musst du eigentlich außergewöhnlich sein – wie Musiala.“
Musiala gelang in der Spielzeit 2020/21 tatsächlich der Durchbruch beim FC Bayern: 26 Bundesligaspiele (6 Tore / 1 Assist in 870 Minuten), sechs CL-Spiele (ein Tor in 234 min.). Zur Belohnung wurde er am Saisonende für den DFB-Kader für die EURO 2021 nominiert, Jogy Löw setzte ihn in den vier Partien (Achtelfinal-Aus gegen England) zweimal ganz kurz ein.
Karls Daten besser als die des gleichaltrigen Musiala
Karls Daten sind fünf Jahre später allerdings sogar noch beeindruckender als die von Musiala: Sieben Scorerpunkte verteilen sich auf elf BL-Spiele (2 Tore / 2 Assists) und vier CL-Partien, in welchen er drei blitzsaubere wichtige Treffer erzielte. Dafür benötigte er 244 Einsatzminuten – und hat damit jetzt schon mehr als Musiala in seiner ersten CL-Spielzeit.
Der neue CL-Rekord von Lennart Karl deutet zudem darauf hin, dass er durchaus außergewöhnlich ist: Der 17-Jährige traf sehenswert beim 3:1 gegen Sporting – und ist damit der jüngste Spieler der Geschichte, dem dies in drei aufeinanderfolgenden Spielen in der Königsklasse gelungen ist (zuvor auch gegen Arsenal und Brügge). Als bisherigen Rekordhalter löste er damit übrigens einen gewissen Kylian Mbappé ab.
Vergleicht man das aktuelle Supertalent des FCB mit dem 17-jährigen Musiala, kann man feststellen, dass Karl in seiner Entwicklung auf dem Spielfeld schon reifer ist. War man sehr früh von Musialas überragender Technik begeistert, steht ihm Karl diesbezüglich in nichts nach. Aber er übernimmt bereits viel mehr Verantwortung auf dem Platz als sein Vorgänger vor fünf Jahren. Gerade in schwierigen Spielphasen lässt sich Karl teilweise tief zurückfallen, um – als Führungsspieler – den FCB-Spielaufbau anzukurbeln.
Wird Karl zu Baslers Albtraum?
Nach dem Tor gegen den portugiesischen Meister jubelte Karl erst mit einer Laber-Geste, legte sich schließlich noch den Zeigefinger auf die Lippen. Sehr gut möglich, dass diese Geste Basler galt – denn der hatte schon zuvor wiederholt Kritik an Karl geübt: „Er ist ein junger Spieler, ein guter Spieler. Ich glaube trotzdem, dass er sich bei Bayern München nicht durchsetzen wird. Da fehlt einiges. An seiner Größe wird er nichts mehr ändern können. Am Schluss ist er einfach nicht gut genug für Bayern München.“
Derzeit wird von der deutschen Fußball-Öffentlichkeit vehement die Teilnahme des Supertalents an der WM 2026 gefordert. Bestätigt er seine bislang in dieser Saison gezeigten ausgezeichneten Leistungen, wäre dies eine gerechtfertigte Belohnung – wie 2021 bei Musiala.
Basler nennt unter anderem Karls geringe Größe (1,68m) als Argument, warum er den großen Durchbruch nicht schaffen wird: Zum einen ist man mit 17 Jahren noch nicht zwangsläufig ausgewachsen, zum anderen wurden Lionel Messi in seiner Kindheit in Barcelona sogar Wachstumshormone verpasst, um letztendlich auf gerade mal 1,70m zu kommen. Das könnte bei „Lenni“ – auch ohne Hormonbehandlung – durchaus auch noch passieren.
In Lennart Karls Karriere kann natürlich noch viel passieren, positiv wie auch negativ. Dennoch müsste es fast mit dem Teufel zugehen, wenn er bei seinem gewaltigen Talent am Ende nicht seinen derzeitigen Chefkritiker in allen Teilbereichen übertreffen würde. Der kann sich nämlich auch über 20 Jahre nach seiner Profi-Karriere darüber ärgern, dass ihm selbst zahllose Disziplinlosigkeiten eine wesentlich bessere Gesamtbilanz gekostet haben.
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