Es hat nichts mit Romantik zu tun: Kovač gelang BVB-Wende dank Kiss-Regel
VonLars Pollmann
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Niko Kovač hat den BVB aus der Krise gezogen. Der Trainer hält sich dabei an eine Regel, die zunächst durchaus kurios anmutet.
Dortmund – Borussia Dortmund hat sich mit zehn Punkten aus den letzten vier Spielen in der Bundesliga wieder herangepirscht: Bei noch vier Zählern Rückstand auf Rang vier scheint die Qualifikation zur Champions League plötzlich nicht mehr utopisch!
Niko Kovač hat die Zweifler damit für den Moment verstummen lassen. Dem Kroaten war bei der Amtsübernahme in Dortmund Anfang Februar viel Skepsis entgegengeweht, nachdem er in Deutschland zuletzt beim VfL Wolfsburg vergleichsweise krachend gescheitert war.
Gegen den gebürtigen Berliner werden dabei schon seit Längerem die immer gleichen Vorwürfe laut. Einerseits, dass er im Umgang mit der Kabine und einzelnen Spielerpersönlichkeiten zu sehr auf Konfrontationskurs gehe, andererseits, dass er einer Mannschaft keine spielerische Handschrift geben könne, die über solides Handwerk hinausgeht.
BVB-Abschied von Niko Kovač ist kein Thema mehr
Für eine abschließende Bewertung ist ein knappes Vierteljahr beim BVB natürlich noch zu wenig Zeit. Dennoch konnte Kovač fleißig Argumente sammeln. Von einem schnellen Abschied im Sommer ist keinerlei Rede mehr, selbst für den Fall, dass es mit Europa nichts werden sollte, wird der Klub wohl am Ex-Profi festhalten.
Die Mannschaft dürfte damit kein Problem haben. Auch wenn nicht alle Spieler gleichermaßen von der Zusammenarbeit mit Kovač profitieren: Dass der Trainer anecken würde, lässt sich bislang überhaupt nicht feststellen. Er scheint vielmehr den richtigen Ton zu treffen, die richtige Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, wenn man es altmodisch formulieren mag.
Kovač, der harte Hund? „So sehe ich mich überhaupt nicht“
„Grundsätzlich gibt es sowohl außerhalb des Platzes als auch auf dem Rasen bei mir ganz klare Richtlinien. Wenn Anarchie in der Kabine herrscht, dann wird auch auf dem Platz Anarchie herrschen. Das versuche ich zu verhindern“, erklärt Kovač in einem Interview gegenüber den Ruhr Nachrichten. Damit unterscheide er sich aber nicht von anderen Trainern.
„Bei mir heißt es dann gerne: ‚Der Niko, das ist ein harter Hund‘. So sehe ich mich überhaupt nicht. Ich würde mich nicht als hart, sondern konsequent beschreiben. Ich fordere nur etwas ein, was für mich selbstverständlich ist“, so Kovač.
Das gilt für die Umgangsformen neben dem Platz, aber natürlich vor allem auch für das Verhalten im Spiel. Dass der BVB in den letzten Wochen regelmäßig über 120 Kilometer Laufleistung ansammelt, auch spät in Spielen noch zulegen kann und vielleicht gerade noch rechtzeitig die Wende zum Guten vollzogen hat, ist ein Verdienst von Kovač.
BVB-Trainer Kovač „vielleicht noch einer vom alten Schlag“
Dass der BVB dabei fußballerisch nicht immer die Sterne vom Himmel holt, ist selbsterklärend. Es galt für den Trainer, der Mannschaft mit größerer Regelmäßigkeit ihr Potenzial zu entlocken, als dies Vorgänger Nuri Şahin gelungen war. Es ist ein pragmatischer Ansatz, der sich im Saison-Endspurt auszahlt.
„Im Englischen gibt es die Kiss-Regel: ‚Keep it simple and stupid‘, also sinngemäß: Halte die Dinge so einfach wie möglich“, erklärt Kovač. „Natürlich kann man Fußball verkomplizieren. Ich bin in dieser Hinsicht vielleicht noch einer vom alten Schlag.“
Dabei ist es nicht so, als würde der BVB keine interessanten taktischen Dinge tun. Die Umstellung auf die Dreierkette war ein voller Erfolg, zuletzt hat Kovač mit dem Einbau von Winter-Leih-Neuzugang Carney Chukwuemeka als Zehner mit allen Freiheiten Erfolg gehabt.
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Die Kiss-Regel gilt auch für die Kommunikation beim BVB
Andere Trainer würden sich dafür womöglich feiern lassen und sich vor den TV-Kameras selbst auf die Schulter klopfen. Kovač ist aber nicht so gestrickt. Er verstellt sich nicht und geht auch in der Kommunikation mit der Mannschaft nach den Prinzipien der Kiss-Regel vor.
„Wir haben verschiedene Sprachen, manche Spieler haben eine schnellere Auffassungsgabe als andere. Einige verstehen es bei der mündlichen Erklärung, andere beim Videostudium, die nächsten besser auf dem Trainingsplatz“, führt Kovač aus.
Es ergibt also nur Sinn, die Profis nicht mit Details zu überfrachten, sondern die Dinge einfach zu halten und bei Namen zu nennen, mit denen jeder Fußballer etwas anfangen kann.