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Die tz vergleicht in der Serie „Die rote (R)evolution“ das Gestern und Heute beim FC Bayern. In Teil sechs geht es um die Führungsspieler des deutschen Rekordmeisters.
München - FC Bayern, forever number one… Die rote Vereinshymne kennt wohl jeder Fußballfan. Aber wie kamen die Münchner eigentlich an die Spitze? Wie lief diese Entwicklung und wo liegen die Unterschiede zur aktuellen Generation von Spielern und Fans? Die tz geht in der Serie
Die rote (R)evolution auf Spurensuche, vergleicht das Gestern und Heute beim größten Verein der Welt.
| FC Bayern München | |
|---|---|
| Gründung: | 27. Februar 1900 |
| Mitglieder: | 330.000 |
| Erfolge (Auswahl): | 33 x Deutscher Meister, 20 x DFB-Pokalsieger, 6 x Europapokal der Landesmeister/Champions-League-Sieger |
Kimmich & Effenberg: So ticken echte Siegertypen des FC Bayern
In Teil sechs geht es um die Führungsspieler des FC Bayern. Was zeichnet einen Leader aus? Braucht man für diese Rangordnung überhaupt die Kapitänsbinde? Wie hat sich der Führungsstil eines Spielers über die Jahre verändert? Und gibt es heutzutage überhaupt noch richtige Typen?
Diese und weitere Fragen beantworten Joshua Kimmich, der schon vor Jahren von Ex-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge als Kapitän der Zukunft auserkoren wurde, und Bayern-Legende Stefan Effenberg, der „Tiger“, der ebenfalls als Mann der klaren Worte gilt.
Das sagt Joshua Kimmich
Joshua Kimmich (29) gibt nie auf – und diese Mentalität versucht er auch seinen Mitspielern einzuimpfen. Bestes Beispiel: Nach dem zwischenzeitlichen 1:1 der Kölner am 34. Spieltag der vergangenen Saison – gleichbedeutend mit dem Verlust der Meisterschaft – hat der Mittelfeldchef des FC Bayern seine Kollegen wieder angetrieben.
„Am Ende greift man immer dann ein, wenn es nicht läuft, also bei Rückschlägen. Wenn alles gut ist, dann lässt man es natürlich laufen. Es hat viel mit Bauchgefühl zu tun, um beispielsweise zu merken, dass bei einem anderen etwas möglicherweise nicht stimmt, er unsicher ist oder irgendwie nervös“, antwortet Kimmich im Gespräch mit der tz auf die Frage, wann er als Leader eingreift.
Führungsspieler Kimmich konnte mit den Bayern bereits 20 Titel sammeln
„Dann ist es das Schöne im Mannschaftssport, dass man darauf Einfluss nehmen kann, dem eigenen Teamkameraden unterstützend zur Seite steht und versucht zu zeigen, dass man es zusammen schaffen kann und auch wird.“ Am Ende konnten die Münchner durch das Last-Minute-Tor von Jamal Musiala (20) doch noch den Titel feiern. Nummer 20 (!) für Kimmich im Dress des FC Bayern.
Kimmich galt als Liebslingschüler von Pep Guardiola
2015 wechselte er als Shootingstar von RB Leipzig aus der 2. Bundesliga zum deutschen Rekordmeister. In München wurde er zu einem der Lieblingsschüler des damaligen Trainers, Pep Guardiola (53/aktuell Manchester City). Unter dem Katalanen wurde der fußballintelligente Mittelfeldspieler sogar als Innenverteidiger eingesetzt. Nach dem Karriereende von Philipp Lahm (40) reifte Kimmich zu einem der besten Rechtsverteidiger der Welt.
Im Herbst 2019 folgte die Rückkehr auf seine Stammposition im Mittelfeldzentrum. Auch hier zählt Kimmich zu den absoluten Top-Stars in Europa. Seine Führungsqualitäten kann er auf dieser Position ebenfalls besser ausspielen - obwohl er zuletzt wieder sowohl bei Bayern als auch beim DFB als Rechtsverteidiger ohne zu murren aushilft und sich damit in den Dienst der Mannschaft stellt.
Kimmich: „In erster Linie geht es um die eigene Leistung, mit der man vorangehen muss“
Was zeichnet einen Leader seiner Meinung nach aus? „In erster Linie geht es um die eigene Leistung, mit der man vorangehen muss. Nur dadurch kann man sich Respekt und Gehör verschaffen“, betont Kimmich. „Dann ist es wichtig, das große Bild im Kopf zu haben, sich Gedanken dazu zu machen, Ansprüche zu definieren, Interaktion mit Mitspielern auf und neben dem Platz, sich konkret für die Sache, für die Clubziele einzusetzen. Das erfordert also neben dem Fokus auf die eigene persönliche Entwicklung als Mensch und Spieler noch zusätzlich Engagement darüber hinaus.“ Es sei auch eine Frage der eigenen Persönlichkeit, ob man dafür bereit ist.
Fakt ist: Kimmich, vierfacher Familienvater und frei von Skandalen, ist sich seiner Rolle bewusst. Intern ist er für viele Mitspieler ein wichtiger Ansprechpartner. Serge Gnabry (28) und Leroy Sané (28) stand er als Freund in deren sportlicher Krise zur Seite. Auch den Neuzugängen hilft er bei der Eingewöhnung, beispielsweise Ex-Leihspieler Joao Cancelo (29).
Antreiber Kimmich: „Kann ermunternd pushend sein, manchmal aber auch fordernd und laut“
Kimmich kann seine Kollegen aber auch nerven. Wenn er das Gefühl hat, dass sie auf dem Rasen nicht alles geben, treibt er sie an. Was zwar im ersten Moment nicht immer gut ankommt, aber stets gut und im Sinne des Teamerfolgs gemeint ist. Er stellt klar: „Neben dem Fokus auf mich versuche ich beispielsweise, im Spiel die Situationen positiv zu beeinflussen. Das kann ermunternd pushend sein, manchmal aber auch fordernd und laut. Hilfreich dabei ist, die eigenen Mitspieler und deren Charaktere gut einschätzen zu können und möglichst zu wissen, wer wie darauf reagiert.“
Wenn Kimmich etwas stört, spricht er es an – wenn er es für nötig hält, auch öffentlich. Solche Typen, die Klartext sprechen, gab es früher häufiger beim FC Bayern. Siehe Oliver Kahn (54), Lothar Matthäus (62) oder auch Stefan Effenberg (55). Mittlerweile findet man sie kaum noch. „Man hat schon das Gefühl, dass man heutzutage weniger Charaktere mit Ecken und Kanten hat“, bestätigt Kimmich. Er erklärt aber auch, warum dem so ist: „Es ist aber aufgrund des heutigen Zeitgeists mit Sicherheit auch schwieriger als früher. Heute wird jede kleinste Kante gefühlt dauerdiskutiert, bewertet und am Ende für gut oder schlecht befunden. Es gibt so gut wie keinen Zwischenraum mehr, weniger Akzeptanz und Differenzierung. Das führt verständlicherweise zwangsläufig dazu, dass sich viele diesem Dauerfokus entziehen. Darüber braucht sich dann aber auch keiner wundern.“
Kimmich über Kapitänsbinde: „Es ist eine Ehre, sie zu tragen“
Das Positive: Kimmich will sich nicht verbiegen. Unabhängig davon, ob er Kapitän einer Mannschaft ist oder nicht. „Die Kapitänsbinde, ob im Verein oder in der Nationalmannschaft, ist ein starkes Symbol nach außen. Es ist eine Ehre, sie zu tragen und vereint daher viel Respekt, Demut aber eben auch Verantwortung“, meint Kimmich. „Dennoch beeinflusst sie nicht das eigene Handeln. Egal, ob mit oder ohne Binde - man agiert so wie man ist, so wie man Dinge sieht und so wie einen das Gefühl und das Bewusstsein leitet.“
Das sagt Stefan Effenberg
Oliver Kahn, Bixente Lizarazu, Mehmet Scholl, Jens Jeremies, Hasan Salihamidzic, Giovane Elber oder Carsten Jancker: Die Mannschaft der 2001-er Champions-League-Helden war von starken Charakteren geprägt. Angeführt wurde sie von Stefan Effenberg als unumstrittenen Leitwolf. Wer dachte, Effenberg hätte als Kapitän bei dieser Ansammlung extrovertierter Persönlichkeiten öfters mal hart durchgreifen müssen, der täuscht sich. „Die Mannschaft war eine charakterlich perfekt Truppe. Da musste man nicht so viel Einfluss nehmen, weil alle extrem erfolgsorientiert waren und alles dafür getan haben“, erinnert sich die Bayern-Legende im Gespräch mit der tz.
Effenberg übernahm Kapitänsbinde beim FC Bayern von Thomas Helmer
Als Effenberg 1998 nach von Borussia Mönchengladbach nach München zurückkehrte, war Trainer Ottmar Hitzfeld die treibende Kraft hinter dem Transfer. Als Thomas Helmer seine Karriere ein Jahr später beendete, übernahm Effenberg die Kapitänsbinde von ihm. „Ottmar wollte mich damals unbedingt haben und mir dementsprechend von Anfang auch sein Vertrauen ausgesprochen und gegeben. Wir waren immer eng im Austausch.“
Oder anders formuliert: Der Mittelfeldspieler war der verlängerte Arm des Trainers. Hitzfeld wusste, dass er sich zu 100 Prozent auf „Effe“ verlassen kann. „Als Führungsspieler musst du in entscheidenden Phasen da sein für dein Team. Du musst die Kollegen auch mal beschützen – auch wenn es mal Kritik von außen gibt. Damit baut man natürlich auch Druck auf sich selbst auf. Aber das ist dann deine Pflicht“, beschreibt der Weltpokalsieger seinen damaligen Stil als Anführer.
Effenberg: „Dann musst du dich als Führungsspieler zeigen“
Doch all diese Führungsqualitäten sind nur schwer umzusetzen, wenn der Trainer seinem Kapitän nicht vollumfänglich den Rücken freihält. Hitzfeld tat dies. Nicht nur bei Effenberg, sondern auch bei den anderen Wortführern wie Kahn oder Elber. „Ottmar hat immer gesagt: Meine Führungsspieler brauche ich nicht am ersten, vierten oder siebten Spieltag. Ich brauche sie dann, wenn es darauf ankommt. Dann musst du dich als Führungsspieler zeigen. Darum ist es für Führungsspieler enorm wichtig, das Vertrauen vom Trainer zu haben. Das hat Ottmar Hitzfeld in Perfektion beherrscht“ schwärmt Effenberg auch heute noch von seinem damaligen Trainer.
Effenberg: Früher konnten wir „uns ein Stück weit freier bewegen“
Aber was ist der Unterschied zwischen den Anführern von früher und heute? Bei diesem Thema spricht der Tiger Klartext: „Der Umgang mit den Medien, mit der Öffentlichkeit – das ist ein anderer Schlag mittlerweile. Wir hatten damals eine Meinung, wir standen zu unserer Meinung und wir standen auch zu Fehlern. Und das lässt dich im Endeffekt auch zu einer Persönlichkeit reifen. Das gehört absolut zusammen, das ist ganz wichtig.“
Heutzutage gebe es viele Regeln und Schablonen, die aufgestellt werden. Regeln hätte es früher auch gegeben, „aber wir konnten uns ein Stück weit freier bewegen. Das ist der Unterschied zur heutigen Zeit, die von den sozialen Medien bestimmt wird. Darum werden die Spieler auch mehr geschützt. Das ist im Umkehrschluss dann auch nicht gut für eine Persönlichkeitsentwicklung. Aber das werden wir vermutlich nicht mehr zurückkriegen. Das ist einfach so.“ Philipp Kessler, Manuel Bonke
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