BVB-Gegner im Aufwind: Hansi Flicks Barça erinnert an einen Angst-Rivalen
VonLars Pollmann
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Der BVB ist in der Champions League gegen den FC Barcelona klarer Außenseiter. DAZN-Kommentator Jan Platte schätzt die Chancen im Interview ein.
Dortmund/Barcelona – Borussia Dortmund fühlt sich in der Rolle des Underdogs in der Champions League wohl. Die Vorzeichen schienen dabei selten so eindeutig wie vor dem Viertelfinale gegen den FC Barcelona. Das Hinspiel steigt am Mittwoch (21 Uhr, live bei DAZN).
Die Katalanen haben unter Ex-Bundestrainer Hansi Flick die große Chance auf drei Titel, der BVB muss in der Bundesliga auf ein kleines Fußballwunder hoffen, um in der kommenden Saison europäisch vertreten zu sein.
Über die Entwicklung von Barça unter Hansi Flick, die Aussichten des BVB im Viertelfinale sowie das mögliche ‚Finale dahoam‘ spricht Absolut Fußball, das Fußball-Portal vonHome of Sports, im Interview mit DAZN-Kommentator Jan Platte.
Nein, ich hätte es ihm nicht zugetraut und da bin ich ja auch keine Ausnahme, sondern einer von vielen. Nicht nur bei mir hat sich die Dokumentation rund um die Weltmeisterschaft verfangen, die das Bild eines Trainers kreiert hat, der mehr auf die Mannschaft wütend ist als auf sich selbst. Das wirkte so, dass er die Schuld eher von sich weist. Aber was er beim FC Barcelona geschafft hat, von Anfang an, das hat meinen allergrößten Respekt verdient, weil das Umfeld so schwierig ist. Mit all den Schulden, den Unruhen, der Tatsache, dass sie nicht im Camp Nou spielen. Es gab so viele kleine Brandherde, die überall lodern.
Aber Flick konzentriert sich auf das Sportliche, und das Resultat sehen wir jetzt: Sie sind ins Finale der Copa del Rey eingezogen, wo es zum Clásico gegen Real Madrid kommt. In LaLiga sind sie knapp vorne, aber auf Meisterschaftskurs. Und in der Champions League haben sie sehr, sehr gute Aussichten, den großen Traum zu erfüllen, den sie seit 2015 und dem Finalsieg in Berlin verfolgen.
Die einzige Schwächephase gab es im Dezember, als Barça nacheinander zu Hause gegen CD Leganés und Atlético Madrid verloren hat. Ansonsten marschiert die Mannschaft durch die Saison, bricht Rekorde und hat zum Beispiel schon 140 Pflichtspieltore erzielt.
Ich nehme noch den Monat November mit rein, über den Hansi Flick gesagt hat, es sei ein ‚Scheiß-November‘ gewesen, ‚endlich ist er vorbei‘ – und dann war der Dezember gar nicht so viel besser. Sie haben sich diese zwei Monate gegönnt, mit wenigen Ausreißer nach oben. Seitdem gewinnen sie alles in der Liga. Es gibt Schwächephasen, aber deutlich weniger als in der Phase Ende Herbst, Anfang Winter. Da waren sie wirklich anfällig, haben defensiv viel zugelassen.
Mittlerweile gibt es rar gesäte Schwächen und viel mehr Stärken. Es erinnert mich schon an den FC Bayern in der Triple- und am Ende ja sogar Sextuple-Saison unter Flick. Natürlich war das eine andere Gemengelage, wegen Corona, der Turnierform in Lissabon ohne Zuschauer, also mit weniger äußeren Einflüssen. Aber die Bayern haben selber gesagt, sie haben diesen Unbesiegbarkeits-Nimbus in sich gespürt. Und wenn man dann Barcelona sieht, die jetzt auch 1:0 bei Atlético Madrid gewinnen können: Sie haben aktuell für jedes Problem eine Lösung.
Gibt es überhaupt Schwächen in der Mannschaft?
Es gibt ganz, ganz wenig Schwächen und wenn, sind sie eher defensiver Natur. Da sind immer mal wieder Momente – und darauf beruht dann auch die BVB-Hoffnung –, in denen sie bekanntlich sehr hoch stehen. Aber das ist auch nicht mehr ganz so kategorisch wie in der Anfangsphase unter Flick, zum Beispiel im Spiel gegen Bayern. Da war die letzte Kette praktisch immer auf Höhe der Mittellinie. Das haben sie modifiziert. Sie sind klüger, sie haben sich weiterentwickelt, auch gegen den Ball. Aber es gibt immer noch die Phasen, in denen du Räume bekommst, die du belaufen kannst.
Der BVB und Barça sind schon in der Ligaphase aufeinandergetroffen, Sie haben das Spiel gemeinsam mit Michael Ballack für DAZN kommentiert. Macht es einen Unterschied, dass sich die Teams schon vom 3:2-Sieg für Barça aus dem Dezember kennen?
Es macht keinen großen Unterschied, dass sie sich schon begegnet sind. Es macht einen großen Unterschied, in welcher Form der FC Barcelona aktuell ist. Sie haben sich vor allem international weiterentwickelt in relativ kurzer Zeit, dass ich ihnen zutraue, dass sie Dortmund, vor allen Dingen im Hinspiel, sehr, sehr stark dominieren werden. Was nicht heißt, dass Dortmund keine Chance hat.
Es ist eine neue Gemengelage. Allein schon, weil Niko Kovač und Hansi Flick sich natürlich kennen, weil Flick Co-Trainer bei Bayern unter dem Chefcoach Kovač war. Aber es ist nicht so, dass ich ein komplett anderes Spiel erwarte. Vor allem im Heimspiel erwarte ich einen dominanten FC Barcelona, der sofort testen wird, wie Dortmund an dem Abend drauf ist.
Jan Platte: DAZN-Kommentator und Spanien-Experte
Jan Platte ist seit Jahren fester Bestandteil des Streamingdienst DAZN. Ob am Freitagabend beim Bundesliga-Spiel in der Münchner Allianz-Arena oder als Spanien-Experte beim „El Clásico“ zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona, Platte ist bei DAZN für die großen Spiele die erste Wahl.
In der Ligaphase hätte der BVB nicht verlieren müssen, der Siegtreffer zum Beispiel fiel völlig unnötig durch einen Konter nach eigenem Eckball ...
… und keiner zieht das taktische Foul, wenn ich das noch richtig in Erinnerung habe. Irgendjemand hätte zupacken können.
Genau, Jamie Gittens musste sich in der Szene eigentlich Gelb abholen. Kann Dortmund aus Ihrer Sicht trotzdem etwas aus diesem Spiel mitnehmen, das durchaus Unentschieden hätte ausgehen können?
Ich sage trotzdem, es ist ein anderer FC Barcelona geworden. Sie haben 2025 kein einziges Spiel verloren [18 Siege, drei Remis, Anm. d. Red.]. Der BVB hatte ein Stück weit das Glück, an diesem Dezembertag auf ein Barça zu treffen, das wusste, wir sind offensiv wirklich gut, aber hinten, na ja … Da musste Flick auch ein bisschen ausprobieren. Das ist jetzt gefestigter. Das könnte das große Problem für Borussia Dortmund werden, wobei ich weiterhin keine große Fantasie brauche, um Maximilian Beier oder Karim Adeyemi mit Tempo in Richtung Wojciech Szczęsny rennen zu sehen.
Das kann es gut geben, aber der Vergleich mit Barcelona über zwei Spiele – Atlético hat ihm nicht standgehalten jetzt im Pokal und für Borussia Dortmund wird das einfach sehr, sehr schwer. Schwerer als in diesem einen Spiel im Dezember, in dem, und das sage ich auch deutlich, der BVB das über weite Strecken, vor allem in der zweiten Hälfte, wirklich sehr gut gemacht hat.
Nein, ich habe nicht den Ansatz einer Erklärung. Es ist ja wirklich ‚und täglich grüßt das Murmeltier‘, die Diskussion rund um den BVB. Ich glaube, wir alle rätseln. Es gibt wohl niemanden, der die Antwort hat, weil es seit Jahren dieses Auf und Ab in der Liga gibt, aber eine gewisse Beständigkeit auf hohem Niveau auf internationaler Bühne. Es scheint, dass dieser Wettbewerb irgendetwas mit ihnen macht.
Es freut mich für sie, und auch aus deutscher Sicht, dass sie in der Champions League häufig so viel klarer und besser spielen. Es macht einfach Spaß, den BVB zu begleiten am Mikrofon, wenn er auf diesem Niveau Fußball spielt. Ob es die Hymne ist, das Drumherum, der Königsklassen-Geruch – das kann der BVB, beziehungsweise können diese 25 Spieler nur selber beantworten.
Champions-League-Sieger seit 1992/93 – bekommen Sie noch alle zusammen?
Der FC Bayern träumt vom ‚Finale dahoam‘ in München, das wäre es aber auch für DAZN und die Deutschland-Zentrale in Ismaning. Darf ich um Ihren Tipp bitten, welches Duell DAZN am 31. Mai übertragen wird?
Das ist eine gute Frage. Es ist so schwer, das vorherzusehen. Tippe ich gegen Real Madrid? Besser nicht, weil, wie Pep Guardiola einst gesagt hat, die entscheiden selber, ob sie den Henkelpott gewinnen oder nicht. Die Bayern gegen Inter, das ist unfassbar schwer zu sagen, wer da durchkommt, aber angesichts der Münchner Probleme in der Defensive und Inters Entwicklung auch international – das, was ich von diesem Team sehe, beeindruckt mich.
PSG traue ich es definitiv zu, das in die Tat umzusetzen, was Luis Enrique schon vor einiger Zeit in Worte gefasst hat: Dass sie besser sind ohne Kylian Mbappé und dass sie bereit sind, diesen Titel zu gewinnen. Sie haben mich sehr beeindruckt gegen Liverpool in beiden Spielen. Und dann ist da eben der FC Barcelona, der in einer Form ist, in der ich ihm alles zutraue. Also natürlich auch den Gewinn der Champions League.
Das ‚Finale dahoam‘ wäre natürlich ein Traum für die Bayern, auch aus deutscher Sicht wäre es sensationell gut, wieder eine deutsche Beteiligung zu haben in diesem Champions-League-Endspiel in München, aber ich sehe die Chancen als schwierig an – für Bayern und für Borussia Dortmund. Ich wünsche mir ein deutsches Team im Finale, das kann ich sagen, ganz gleich welches, aber ich habe die großen Klubs, die ich aufgezählt habe, ein bisschen stärker in der Verlosung. Ohne dass ich sagen kann, wer sich da jetzt durchsetzt. Wir wissen alle, wie es ist, dass es dann auch von Tagesform, Schiedsrichterentscheidungen und ein bisschen Glück abhängt.
Das Interview führte Lars Pollmann vor den Spielen des BVB beim SC Freiburg und des FC Barcelona gegen Real Betis.