Dortmund gibt Rätsel auf

Mentalcoach urteilt über BVB-Stars: „Keine Leader, kein Biss“

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Der BVB zeigt in Bundesliga erheblich schwächere Leistungen als in der Champions League. Sportpsychologe Matthias Herzog nennt im Interview Gründe.

Dortmund – Borussia Dortmund hat unter der Woche das Achtelfinale in der Champions League gebucht. In der Bundesliga steht der BVB nur auf Platz elf. Die Schwankungen der Mannschaft geben große Rätsel auf. Sportpsychologe Matthias Herzog erklärt im Interview mit fussball.news, dem Fußballportal von IPPEN.MEDIA, warum die Schwarzgelben aktuell nur auf der großen Bühne funktionieren, sich die Probleme seit Jahren verschärfen und was nötig ist, um den Kurs zu korrigieren.

Der BVB blamierte sich zuletzt in der Bundesliga gegen Bochum, zog aber ins Achtelfinale der Champions League ein.
Matthias Herzog, Borussia Dortmund ist das Sorgenkind der Bundesliga. In der Champions League zeigen die Borussen, dass sie es eigentlich ja besser können. Wie nehmen Sie den BVB aktuell wahr?
Borussia Dortmund steckt tief in der Krise – und niemand weiß, wie es wieder bergauf gehen soll. Die Leistung gegen Sporting Lissabon? Augenwischerei! Eine gute Halbzeit im Hinspiel und im Rückspiel wird trotz eines Gegners, der mit einer B-Elf antritt, eine Chance nach der anderen versemmelt. Der peinliche 0:2-Auftritt gegen Bochum zeigt das wahre Gesicht dieses Teams: blutleer, führungslos, ohne echte Siegermentalität.
Haben Sie aus sportpsychologischer Sicht eine Erklärung für die große Diskrepanz zwischen dem grauen Bundesliga-Alltag und den Auftritten in der Königsklasse?
Dem BVB mangelt es an der intrinsischen Motivation in der Bundesliga – das große Kribbeln fehlt. In der Champions League spielt Dortmund auf der größten Bühne des Vereinsfußballs. Flutlicht, internationale Aufmerksamkeit, große Gegner – das elektrisiert die Spieler. Jeder will sich beweisen: Gegen Paris oder Mailand? 100 Prozent Motivation. Gegen Augsburg oder Mainz an einem grauen Samstagnachmittag? Plötzlich fehlt der letzte Biss. Das Problem ist: Dortmund sieht sich selbst als Spitzenklub – aber verhält sich nicht immer so. Ein echter Topklub gewinnt nicht nur die großen Spiele, sondern liefert auch wöchentlich in der Liga ab.

Matthias Herzog

Matthias Herzog (48), anerkannter Sportpsychologe und Mentaltrainer, ist Vortragsredner und Experte für Mental Health und Performance-Psychologie.

Der Vater von drei Töchtern arbeitet unter anderem mit Deutschen Meistern, Europameistern, Weltmeistern und Olympiasiegern sowie Nationalmannschaften, Unternehmern und Geschäftsführern.

Das hat wahrscheinlich weniger mit Fußball selbst zu tun als mit dem Kopf, dem ‚Mindset‘?
Dortmunds größtes Problem ist die Selbstwahrnehmung. In der Champions League fühlen sie sich als Underdog, als hungrige Außenseiter, die den Großen eins auswischen wollen. Dortmund funktioniert in der Champions League oft aus einer Außenseiterrolle heraus. Sie lieben es, zu zeigen: „Wir können es mit den Großen aufnehmen.“ In der Bundesliga fehlt dieses Mindset – weil sie oft die Favoritenrolle haben, mit der sie nicht gut umgehen.
Die Frage nach der Mentalität wollen Spieler und Verantwortliche beim BVB nicht mehr hören, Sie finden sie jedoch berechtigt?
Die Bundesliga ist kein Turnier, sondern ein Marathon. Und genau dort zeigt sich: Dortmund fehlt die absolute Siegermentalität, Woche für Woche das Optimum abzurufen. Diese Mentalitätslücke zwischen großen und kleinen Spielen ist der Grund, warum der BVB in der Champions League regelmäßig für Highlights sorgt – aber in der Bundesliga kein echter Bayern-Jäger ist. Solange Dortmund nicht lernt, in der Bundesliga die gleiche Motivation wie in der Champions League zu zeigen, werden sie nicht wieder Meister – und genau deshalb sind sie es seit 2012 nicht mehr geworden. Jürgen Klopp hatte als Motivator die Fähigkeit, das Optimum aus jedem Spieler an Tag X herauszuholen.
Die Erinnerung an Klopp scheint auch auf der Führungsebene des BVB noch sehr ausgeprägt. Jeder Trainer wird auch zehn Jahre nach seinem Abschied am ‚Menschenfänger‘ gemessen. Lenken die ständigen Wechsel an der Seitenlinie nur von Unzulänglichkeiten auf der Chefetage ab?
Die Probleme sind nicht neu – aber sie werden von Jahr zu Jahr größer. Wer beim BVB nach den Schuldigen sucht, muss ganz oben anfangen. Der Fisch stinkt vom Kopf: Watzke, Ricken, Kehl, Sammer – die Dortmunder Chefetage wirkt wie ein Gockelstall. Jeder hält sich für den Wichtigsten, aber keiner übernimmt echte Verantwortung. Statt als Einheit voranzugehen, gibt es immer wieder interne Machtspielchen. Wer Führung von seinem Team erwartet, muss sie selbst vorleben.
Dortmund propagierte nun eine Art Kurswechsel mit Neu-Trainer Niko Kovač, der für einen etwas autoritäreren Führungsstil bekannt ist. Bisher ist davon aber noch nicht viel zu spüren, oder?
Mit dem Trainer-Kuschelkurs ist Dortmund schon lange ein Wohlfühlparadies. Jahrelang wurden die BVB-Spieler von ihren Trainern in Watte gepackt. Terzić? Şahin? Jetzt Kovač? Alle stellen sich schützend vor ihre Stars, anstatt ihnen mal klarzumachen, dass Profifußball kein Streichelzoo ist! Kovač beginnt direkt mit Ausreden – seine Spieler könnten nach der Niederlage gegen Bochum nicht zum Interview mit Printmedien, weil sie „regenerieren“ müssten. Regenerieren wovon? Vom Versagen?

Alle Winter-Neuzugänge der Bundesliga in der Übersicht

Borussia Dortmund: Torhüter Diant Ramaj (23/Ajax Amsterdam/5 Mio. Euro), zentraler Mittelfeldspieler Carney Chukwuemeka (21/FC Chelsea/2,4 Mio. Euro Leihgebühr) und Linksverteidiger Daniel Svensson (22/Nordsjaelland/1,8 Mio. Euro Leihgebühr).
Borussia Dortmund: Torhüter Diant Ramaj (23/Ajax Amsterdam/5 Mio. Euro), zentraler Mittelfeldspieler Carney Chukwuemeka (21/FC Chelsea/2,4 Mio. Euro Leihgebühr) und Linksverteidiger Daniel Svensson (22/Nordsjaelland/1,8 Mio. Euro Leihgebühr). © IMAGO/Sportfoto Rudel/Ulmer/Teamfoto/Gonzales Photo
FC Bayern München: Torwart Jonas Urbig (21/1. FC Köln/Ablöse unbekannt)
FC Bayern München: Torwart Jonas Urbig (21/1. FC Köln/Ablöse unbekannt) © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Wunderl

Eintracht Frankfurt: Mittelstürmer Michy Batshuayi (31/Galatasaray Istanbul/3 Mio. Euro) und Mittelstürmer Elye Wahi (22/Olympique Marseille/26 Mio. Euro)
Eintracht Frankfurt: Mittelstürmer Michy Batshuayi (31/Galatasaray Istanbul/3 Mio. Euro) und Mittelstürmer Elye Wahi (22/Olympique Marseille/26 Mio. Euro) © IMAGO/Orange Pictures und Icon Sport
1. FSV Mainz 05: Rechtsaußen Arnaud Nordin (26/Montpellier/1 Mio. Euro) und defensiver Mittelfeldspieler Lennard Maloney (25, 1. FC Heidenheim, 500.000 Euro)
1. FSV Mainz 05: Rechtsaußen Arnaud Nordin (26/Montpellier/1 Mio. Euro) und defensiver Mittelfeldspieler Lennard Maloney (25, 1. FC Heidenheim, 500.000 Euro) © IMAGO/Panoramic by PsnewZ/Martin Hoffmann
VfL Wolfsburg: Rechtsaußen Andreas Skov Olsen (25/FC Brügge/14 Mio. Euro) und Rechtsverteidiger Mads Roerslev (25/FC Brentford/Leihe).
VfL Wolfsburg: Rechtsaußen Andreas Skov Olsen (25/FC Brügge/14 Mio. Euro) und Rechtsverteidiger Mads Roerslev (25/FC Brentford/Leihe). © Imago/DeFodi Images und Sports Press Photo
FC Augsburg: Innenverteidiger Cédric Zesiger (26/VfL Wolfsburg/Leihe) und Mittelstürmer Mergim Berisha (26/TSG Hoffenheim/Leihe).
FC Augsburg: Innenverteidiger Cédric Zesiger (26/VfL Wolfsburg/Leihe) und Mittelstürmer Mergim Berisha (26/TSG Hoffenheim/Leihe). © IMAGO/Newscom World und FC Augsburg
RB Leipzig: Rechtsverteidiger Ridle Baku (26/VfL Wolfsburg/4,5 Mio. Euro), Linksaußen Tidiam Gomis (18/SM Caen/1 Mio. Euro) und Rechtsverteidiger Kosta Nedeljkovic(19/Aston Villa/Leihe)
RB Leipzig: Rechtsverteidiger Ridle Baku (26/VfL Wolfsburg/4,5 Mio. Euro), Linksaußen Tidiam Gomis (18/SM Caen/1 Mio. Euro) und Rechtsverteidiger Kosta Nedeljkovic(19/Aston Villa/Leihe) © IMAGO/Christian Schroedter/Icon Sport/PA Images
VfL Bochum: zentraler Mittelfeldspieler Tom Krauß (23/FSV Mainz 05/Leihe) und Linksaußen Georgios Masouras (31/Olympiakos Piräus/Leihe)
VfL Bochum: zentraler Mittelfeldspieler Tom Krauß (23/FSV Mainz 05/Leihe) und Linksaußen Georgios Masouras (31/Olympiakos Piräus/Leihe) © IMAGO/Rene Schulz/AFLOSPORT
VfB Stuttgart: Linksaußen Jacob Bruun Larsen (26/TSG Hoffenheim/1,7 Mio. Euro), Innenverteidiger Finn Jeltsch (18/1. FC Nürnberg/9,5 Mio. Euro) und Innenverteidiger Luca Jaquez (21/FC Luzern/6,5 Mio. Euro).
VfB Stuttgart: Linksaußen Jacob Bruun Larsen (26/TSG Hoffenheim/1,7 Mio. Euro), Innenverteidiger Finn Jeltsch (18/1. FC Nürnberg/9,5 Mio. Euro) und Innenverteidiger Luca Jaquez (21/FC Luzern/6,5 Mio. Euro). © Imago/Nordphoto/Zink/Manuel Stefan
Bayer 04 Leverkusen: Mittelstürmer Alejo Sarco (18/Vélez Sarsfield/ablösefrei), offensiver Mittelfeldspieler Emiliano Buendía (28/Aston Villa/Leihe) und Innenverteidiger Mario Hermoso (29/AS Rom/Leihe).
Bayer 04 Leverkusen: Mittelstürmer Alejo Sarco (18/Vélez Sarsfield/ablösefrei), offensiver Mittelfeldspieler Emiliano Buendía (28/Aston Villa/Leihe) und Innenverteidiger Mario Hermoso (29/AS Rom/Leihe). © Bayer 04 und IMAGO/Shutterstock/SOPA Images
Union Berlin: Mittelstürmer Marin Ljubicic (22/LASK/4,5 Mio. Euro)
Union Berlin: Mittelstürmer Marin Ljubicic (22/LASK/4,5 Mio. Euro) © IMAGO/Eibner Europa
TSG 1899 Hoffenheim: Mittelstürmer Gift Orban (22/Olympique Lyon/9 Mio. Euro), Torhüter Jakob Busk (31/Sönderjyske/Leihe) und Innenverteidiger Leo Ostigard (25/Stade Rennes/Leihe).
TSG 1899 Hoffenheim: Mittelstürmer Gift Orban (22/Olympique Lyon/9 Mio. Euro), Torhüter Jakob Busk (31/Sönderjyske/Leihe) und Innenverteidiger Leo Ostigard (25/Stade Rennes/Leihe). © IMAGO/PanoramiC/Gonzales Photo/Bildbyran
TSG 1899 Hoffenheim: Linksaußen Bazoumana Touré (18/Hammarby IF/10 Mio. Euro)
TSG 1899 Hoffenheim: Linksaußen Bazoumana Touré (18/Hammarby IF/10 Mio. Euro) © IMAGO/Bildbyran
SC Freiburg: Linksaußen Niklas Beste (26/Benfica/8 Mio. Euro)
SC Freiburg: Linksaußen Niklas Beste (26/Benfica/8 Mio. Euro) © IMAGO/Steinsiek.ch
1. FC Heidenheim 1846: Mittelstürmer Budu Zivzivadze (30/Karlsruher SC) und Linksverteidiger Frans Krätzig (21/FC Bayern) zur Leihe.
1. FC Heidenheim 1846: Mittelstürmer Budu Zivzivadze (30/Karlsruher SC/Ablöse unbekannt) und Linksverteidiger Frans Krätzig (21/Linksverteidiger/Leihe). © IMAGO/Beautiful Sports und IMAGO/eu-images
SV Werder Bremen: Rechtsverteidiger Issa Kaboré (23/Manchester City/Leihe) und Mittelstürmer André Silva (29/RB Leipzig/Leihe)
SV Werder Bremen: Rechtsverteidiger Issa Kaboré (23/Manchester City/Leihe) und Mittelstürmer André Silva (29/RB Leipzig/Leihe) © IMAGO/Nordphoto/Picture Point LE
FC St. Pauli: Mittelstürmer Abdoulie Ceesay (20/Paide Linnameeskond/450.000 Euro), defensiver Mittelfeldspieler James Sands (24/New York City/Leihe) und Flügelstürmer Noah Weißhaupt (23/SC Freiburg/Leihe).
FC St. Pauli: Mittelstürmer Abdoulie Ceesay (20/Paide Linnameeskond/450.000 Euro), defensiver Mittelfeldspieler James Sands (24/New York City/Leihe) und Flügelstürmer Noah Weißhaupt (23/SC Freiburg/Leihe). © IMAGO/Bildbyran; IMAGO/Steinsiek.ch und IMAGO/Imagn Images
FC St. Pauli: Innenverteidiger Siebe Van der Heyden (26/RCD Mallorca/Leihe)
FC St. Pauli: Innenverteidiger Siebe Van der Heyden (26/RCD Mallorca/Leihe) © IMAGO/AFLOSPORT
Holstein Kiel Transfer-Neuzugänge: John Tolkin, David Zec, Ivan Nekic
Holstein Kiel: Linksverteidiger John Tolkin (22/RB New York/2,5 Mio. Euro), Innenverteidiger David Zec (24/NK Celje/Ablöse unbekannt) und Innenverteidiger Ivan Nekic (24/NK Varazdin/Ablöse unbekannt).  © IMAGO/Imagn Images; Inpho, Photography Pixsell
Kovač hat in der Bundesliga einen historischen BVB-Fehlstart hingelegt, ist aber erst seit kurzer Zeit im Amt. In die Verantwortung muss man deshalb sicher die Mannschaft und die Kaderplanung nehmen?
Der BVB hat keine Leader, kein Rückgrat, keinen Biss. Brandt, Schlotterbeck, Kobel, Can – alle tauchen ab, wenn es darauf ankommt. Keine klaren Ansagen, keine Emotionen, nur leere Worthülsen wie „Wir müssen liefern“ oder „Wir schämen uns“. Aber geliefert wird nicht – und geschämt scheinbar auch nicht. Und was den Kader angeht, ist völlig unklar, was überhaupt Dortmunds Spielstil sein soll. Ballbesitz? Umschaltspiel? Pressing? Keiner weiß es – und das Team selbst offenbar auch nicht. Trotzdem hat keiner Angst, seinen Platz zu verlieren. Denn es gibt keine echten Alternativen. Ein großer Kader heißt nicht automatisch, dass es Qualität gibt.
Ihre Analyse klingt nicht danach, als ginge es beim BVB bloß um eine negative Momentaufnahme ...
Borussia Dortmund steht am Scheideweg. So geht es nicht weiter – es sei denn, man gibt sich mit Mittelmaß zufrieden. Es braucht echte Leader auf dem Platz. Es braucht ein klares System. Und es braucht endlich die Bereitschaft, auch mal den Finger in die Wunde zu legen. Sonst bleibt Dortmund das, was sie seit Jahren sind: Ein Klub mit riesigem Potenzial – der es viel zu selten abruft.

Rubriklistenbild: © Imago/revierfoto/IMAGO/Revierfoto

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