Ausbildung

Eintracht Frankfurt: Der Nachwuchs wird flügge

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Tschüss: Dario Gebuhr (Mi.) zieht es nach sieben Eintracht-Jahren zu Hansa Rostock.
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Eintracht Frankfurt hat die Ausbildung der Talente auf ein anderes Niveau gehoben – noch profitieren die Profis nur bedingt davon. Elias Baum auf Leihbasis nach Elversberg.

Nur 20 Minuten Spielzeit und eine einzige Pressekonferenz benötigte Dario Gebuhr, um plötzlich in aller Munde zu sein. Dafür konnte der junge Bursche nicht mal was. Die Aufmerksamkeit hatte der Abwehrspieler der Eintracht dem damaligen Trainer zu verdanken, Oliver Glasner.

Der verhalf ihm beim Auswärtsspiel in Dortmund zu seinem ersten Einsatz als Profi. Im April 2023 war das, 70 Minuten waren absolviert, 4:0 stand es für den BVB in einer einseitigen Partie, als Glasner den Nachwuchsmann für Methusalem Makoto Hasebe einwechselte. Ein Tor fiel nicht mehr, das Spiel plätscherte dem Ende entgegen, und trotzdem war das Talent anschließend zum Politikum geworden.

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Zur Verdeutlichung der Kräfteverhältnisse und zur besseren Demonstration, wie meilenweit die Eintracht den Dortmundern hinterherhinke, ließ sich der ehrgeizige und zu diesem Zeitpunkt schon ein wenig aus dem Ruder gelaufene Coach zu einem Satz hinreißen, der für Nachhall sorgte. „Dortmund wechselt Niklas Süle ein, wir Dario Gebuhr.“

Das war vielleicht nicht mal despektierlich gemeint, kam aber genau so an. In der Mannschaft sorgte die Glasner-Aussage für Irritationen, im Führungszirkel machten sich großes Unbehagen und eine Portion Wut breit, die Verantwortlichen werteten den Spruch als respektlos dem Spieler gegenüber. Gebuhr selbst, für den es ja eigentlich ein großer Tag war, fühlte sich verständlicherweise nicht besonders wertgeschätzt. Wie im falschen Film.

Oliver Glasner: Alles auf links gedreht

Oliver Glasner hat den damals 20-Jährigen danach nicht mehr eingesetzt, der Trainer war alsbald seinen Job in Frankfurt los – nicht deswegen, sondern weil er seinen inneren Kompass verloren hatte und mit der Ausrichtung des Klubs nicht mehr konform ging. Unvorstellbar, dies am Rande, dass Glasner in der vorigen Saison mit der von Sportvorstand Markus Krösche völlig umgekrempelten Mannschaft an den Start gegangen wäre. Nie und nimmer.

Und Dario Gebuhr spielte bei den Profis der Eintracht ebenfalls keine Rolle mehr, in der abgelaufenen Saison kam er noch 29-mal in der in der U21 in der Regionalliga zum Einsatz – und entschied sich jetzt dazu, die Segel zu streichen und sich nach sieben Jahren im Zeichen des Adlers zu verändern. Der Abwehrmann schließt sich dem Zweitligaabsteiger Hansa Rostock an. „Eindrucksvoll“ sei die Entwicklung des gebürtigen Wiesbadeners, lobte Sportdirektor Timmo Hardung, gerade in den vergangenen beiden Spielzeiten. „In der U21 gehörte er zu den Leistungsträgern und hat sich den dauerhaften Schritt in den Profifußball absolut verdient.“ Schön für Dario Gebuhr.

Und die Eintracht ist zufrieden, wieder einen begabten Spieler in den Profifußball gebracht zu haben. Wie schon Noel Futkeu (Greuther Fürth), Sidney Raebiger (Eintracht Braunschweig), Fynn Otto (SC Verl) oder den wohl zu einem Zweitligisten wechselnden Marko Mladenovic. Für Krösche sind sie Paradebeispiele für die gute Arbeit im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ). „Wir haben gezeigt, dass wir es in kürzester Zeit schaffen, Spieler zu Fußballprofis auszubilden.“

Nur die eigene Bundesligamannschaft profitiert von den eigenen Talenten nicht. Oder sollte man sagen: noch nicht? Es ist kein Geheimnis, dass Krösche und NLZ-Leiter Alexander Richter am Riederwald alles auf links gedreht und einen anderen Zug in die Ausbildung gebracht haben – nicht nur wegen der Wiedereinführung der U21, die Krösche als „Gamechanger“ bezeichnet, weil sie den Talenten die Möglichkeit gibt, sich mit erwachsenen, gestandenen Spielern zu messen. Aber auch darunter ist die Förderung und Sichtung eine andere geworden. Selbst wenn aktuell noch kein Spieler ernsthafte Chancen hat, in den Profikader vorzudringen. Langjährige Versäumnisse lassen sich nicht binnen kurzer Zeit beheben.

Sportchef Krösche sieht das pragmatisch. Die vordringlichste Aufgabe des NLZ sei nun mal, Spieler zu „Fußballprofis auszubilden“. Im besten Fall, klar, für die eigenen Profis, „das wäre optimal“. Aber: Die Eintracht habe sich längst zu einem Klub entwickelt, der regelmäßig europäisch spielt. Und da den Sprung vom Unterbau direkt in die Erste Mannschaft zu packen, „Minuten zu bekommen oder sich sogar durchzusetzen“, sei „nicht ganz so einfach“. Von daher sei ein Lamento darüber nicht wirklich fair.

Leihe auch bei Collins?

Doch der Weg von unten nach oben ist deutlich kürzer geworden, das liegt an den Spielern, aber auch an Trainer Dino Toppmöller, der den Mut hat, junge Leute einzubinden – wohlwollend goutiert von der Sportführung. Nacho Ferri oder Elias Baum haben Minuten sammeln können, werden nun ausgeliehen, weil die Regionalliga mindestens eine Nummer zu klein geworden ist. „Entweder sie schaffen danach den Durchbruch bei uns oder gehen ihren eigenen Weg“, sagt Krösche. „Aber wir haben große Fantasie, dass sie ihren Weg bei uns gehen können.“

Bei Baum hat die Eintracht bereits Nägel mit Köpfen gemacht. Der 18-Jährige wird an den Zweitligisten SV Elversberg ausgeliehen – gleichzeitig sein Vertrag bis 2028 verlängert. Ein Vertrauensbeweis. „Ich freue mich sehr über die Vertragsverlängerung bei meinem Herzensverein, bei dem ich viel Vertrauen seitens der Verantwortlichen spüre. Mit dem Adler auf der Brust zu spielen, bedeutet mir viel“, kommentierte der Außenverteidiger. „Dass ich in der vergangenen Saison sechs Einsätze bei der Profimannschaft hatte, war eine wertvolle Erfahrung. Jetzt möchte ich bei der ambitionierten Sportvereinigung Elversberg so viel Spielpraxis wie möglich sammeln, die ich für meine Weiterentwicklung brauche.“

Auch Sportdirektor Timmo Hardung ist von dem Modell überzeugt: „Wir sind stolz darauf, wie sich Elias in den vergangenen Jahren bei uns entwickelt hat. In unserer U21 gehörte er als nomineller U19-Spieler bereits zu den Stammkräften. Sein Debüt in der Profimannschaft sowie in Deutschlands U19-Auswahl sind das Ergebnis seines Ehrgeizes, seiner professionellen Einstellung und nicht zuletzt seiner fußballerischen Qualität. Für seine weitere Entwicklung ist die Leihe zur SV Elversberg ein wichtiger und sinnvoller Schritt.“

So ähnlich könnte es auch bei Abwehrspieler Nnamdi Collins laufen, der in der zurückliegenden Saison sein Profidebüt geben durfte. Womöglich wird der 20-Jährige ebenfalls ausgeliehen.

Die Eintracht geht ihren Weg der gezielten Förderung konsequent weiter, lässt ihre verheißungsvollsten Talente im höheren Jahrgang antreten, damit sie sich mit Älteren und Stärkeren messen können. Ein gutes Beispiel war die U17, die Anfang Mai auf dramatische Weise im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft an Bayer Leverkusen scheiterte und mit sechs Akteuren aus dem jüngeren Jahrgang antrat - darunter der damals überragende Mittelfeldmann Eba Bekir Is. Ob er es vielleicht nach ganz oben schafft? Schwer zu sagen: Der Junge ist erst 15.

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