VonIngo Durstewitzschließen
Vor dem Playoff-Hinspiel bei Royale Union Saint-Gilloise rückt Sportvorstand Markus Krösche näher an die Mannschaft, weil die Unzufriedenheit im Umfeld wächst.
Ganz zum Schluss der Medienrunde mit Sportvorstand Markus Krösche ergriff Pressechef Jan Martin Strasheim dann noch einmal das Wort und unterstrich, so en passant, die Bedeutung des internationalen Gastspiels in Belgien beim unangenehmen Gegner Royale Union Saint-Gilloise. 27 Frankfurter Journalisten hätten sich für die Playoff-Partie am Donnerstag (18.45 Uhr/RTL+) akkreditiert, was eine Hausnummer und nicht unbedingt üblich ist, und also folgerte Strasheim: „Europäischer Fußball - das ist bei Eintracht Frankfurt nach wie vor das Ding, das wollen wir dann auf dem Platz sehen am Donnerstag.“
Sportboss Krösche hatte zuvor geduldig und ziemlich offen ausgeführt, wie das gelingen soll und weshalb die Eintracht bisher noch so ein bisschen fremdelt – in dem unbekannten Wettbewerb Conference League, durch den die Hessen in der Gruppenphase mehr schlecht als recht gerutscht sind, aber auch so ganz allgemein. Er spürt ja: Die Unzufriedenheit wächst, und er ist so ehrlich einzuräumen: Auch bei ihm selbst.
Gewisse Ermüdung bei der Eintracht
Dabei geht es um die Art und Weise des Fußballs, die nämlich hat zu einer gewissen Ermüdung und Ernüchterung geführt. Auch aus diesem Grund ist Sportchef Krösche näher herangerückt an die Mannschaft und ans Trainerteam, nicht als Aufpasser, aber als Ratgeber. Und seine Botschaft sendet er bewusst hinaus in die Öffentlichkeit, frei nach dem Motto: Wir haben verstanden, wir geloben Besserung.
Der Auswärtspartie in Belgien misst er im Gesamtkontext keine kleine Bedeutung zu. Die Eintracht hat ja eine besondere Affinität zu Europa, weshalb sie eine andere Haltung zum Spiel und zum Wettbewerb zeigen sollte als in der Vorrunde. Nur mit Willen, Leidenschaft und Einstellung konnte die Mannschaft 2019 ins Halbfinale kommen und 2022 den Europa-League-Titel gewinnen. Sie sollte ihr Auftreten also nicht von der Wertigkeit der nach Königsklasse und Europa League drittrangigen Conference League abhängig machen.
Hoffnung auf einen Schub für die Bundesliga
Zumal ein Ausrufezeichen auf internationalem Parkett einen Schub geben kann – auch für den Ligaalltag. Schon am Sonntag geht es dort weiter in Freiburg, bei einem Sieg wären die auf Rang sieben liegenden Breisgauer sieben Punkte distanziert.
Es trifft sich jedoch nicht ganz so gut, dass die Eintracht nun in den Playoffs fürs Achtelfinale auf den belgischen Spitzenreiter trifft. Da weiß niemand so recht, was einen erwartet. Sicherlich einen resistenten Opponenten, der aber in zwei Spielen auszuschalten sein müsste. „Es ist ein extrem wichtiges Spiel“, sagt Manager Krösche. „Wir müssen sehen, dass wir auf unserem Toplevel sind.“ Das war das Team zuletzt ja eher selten.
Krösche erwartet einen Kontrahenten, der die Frankfurter unter Druck setzen wird. So wie es auch der VfL Bochum im letzten Bundesligaspiel tat. „Es ist schwierig, Lösungen zu finden gegen Mannschaften, die hoch pressen“, sagt der Sportboss. Da müsse man durchaus zielstrebiger nach vorne spielen. Doch die generelle Ausrichtung wird die Eintracht nicht umwerfen. „Wir versuchen Spielaufbau unter Gegnerdruck“, befindet er. „Da bleiben wir schon bei uns und werden jetzt nicht anfangen, nur auf die zweiten Bälle zu gehen.“ Aber die Spielweise soll sehr wohl angepasst, modifiziert werden. Am Donnerstag. Aber auch generell.
Zum Spiel
Saint-Gilloise: Moris – Sykes, Mac Allister, Machida – Terho, Rasmussen, Vanhoutte, Puertas, Lapoussin – Nilsson, Amoura.
Frankfurt: Trapp - Tuta, Koch, Pacho - Buta, Skhiri, Götze, Nkounkou - Marmoush, Chaibi - Kalajdzic.
Schiedsrichter: Pawson (England)
Der Eintracht fehlen: Larsson (Sehnenverletzung im Oberschenkel), van de Beek (nicht nominiert für den Wettbewerb).
Das ist der klare Auftrag an Trainer Dino Toppmöller, der mit den Offensivleistungen seines Teams natürlich auch nicht zufrieden ist. Der 43-Jährige steckt so ein bisschen in der Julian-Nagelsmann-Falle. Toppmöller assistierte dem jetzigen Bundestrainer in Leipzig und bei den Bayern, hat eine ähnliche Philosophie, viele Ideen, ist ein Taktikexperte erster Güte.
Doch manchmal muss man seine Ansprüche auch als ausgewiesene Fachkraft runterdimmen, nämlich dann, wenn die Vorstellungen nicht in der Totalität umgesetzt werden können, weil sie womöglich für den jetzigen Entwicklungsstand der Mannschaft zu komplex sind.
„Dino ist ein sehr ambitionierter Trainer, er hat eine klare Idee, wie wir spielen wollen“, erklärt Krösche. „Er hat hohe Ansprüche an sich. Er versucht, das perfekte Spiel hinzubekommen.“ Das ist ein fürwahr hehres Ziel. Aber davon ist die Mannschaft noch weit weg. Das weiß auch jeder im Eintracht-Kosmos. Krösche erst recht. Der 43-Jährige ist ein Realist, einer, der zwar eine kontinuierliche Entwicklung, aber keine Wunderdinge erwartet.
Und insofern war es sehr wohl eingeplant, dass es in dieser Saison doch arg knarzend zugehen könnte. Neues Trainerteam, neue Ansprache, neuer Ansatz, neue Spieler, etablierte Spieler, die sich umstellen müssen. „Es ist automatisch so, dass du dann mehr Zeit brauchst“, sagt Krösche. Mehr als gewöhnlich. Und mehr als sie beim VfB Stuttgart oder Bayer Leverkusen benötigten. „Beide haben den Großteil ihrer Spieler über einen längeren Zeitraum dabei. Da sieht man mehr Automatismen“, führt der Manager aus. „Wir aber hatten einen großen Umbruch auf allen ebenen.“ Der aber, wenn der Transformationsprozess abgeschlossen ist, in etwas Großem münden soll.
Als leuchtendes Vorbild im Hintergrund dient übrigens der FC Arsenal. Die Gunners standen vor gut zwei Jahren vor einem Scherbenhaufen, in England spotteten sie über den stolzen Klub als „verdammten Trümmerhaufen“. Der Schuldige, na klar, der Trainer, Mikel Arteta, ein Zögling von Pep Guardiola. Der Spanier war angetreten, um frechen Ballbesitzfußball mit Zug nach vorne spielen zu lassen. Das ging nach hinten los. Ende August 2021 war Arsenal nach einem 0:5 bei City Letzter, ohne einen Punkt. Die Manager aber hielt an Arteta fest, weil sie von seiner Idee überzeugt waren. Im Laufe der Zeit kletterte Arsenal nach oben, immer weiter, spielte rasanten und begeisterten Fußball, schon letztes Jahr mit um den Titel und auch in dieser Saison; die Gunners gelten als heißestes Team der Insel. Erst am Sonntag bügelten sie West Ham United mit 6:0 ab – in deren Stadion.
Natürlich lässt sich kein Konzept eins zu eins übertragen, und was dort klappt, muss hier nicht funktionieren. Aber der Ansatz ist vergleichbar, und die Geduld ebenfalls. Krösches Forderung aber bleibt: „Mir geht es nicht um das perfekte Spiel, sondern darum, den Mut zu haben, guten Offensivfußball zu spielen.“ Alles eine Frage der Zeit, offenbar.
