VonKorbinian Kothnyschließen
Mit dem Tod von Franz Beckenbauer verliert der deutsche Fußball seine Lichtgestalt. Sein Vermächtnis erhielt zuletzt Kratzer. Für Wegbegleiter ein Unding.
München / Salzburg – Die Sportwelt ist in tiefer Trauer. Am Sonntag, dem 7. Januar, verlor Deutschland seinen herausragendsten Fußballer und bedeutendsten Botschafter aller Zeiten – Franz Beckenbauer lebt nicht mehr. Als die Nachricht von seinem Tod am folgenden Tag bekannt wurde, verabschiedete sich die Sportgemeinschaft mit großer Emotionalität vom „Kaiser“.
Ohne Beckenbauer keine WM 2006 in Deutschland
Franz Beckenbauer, der als Spieler und Trainer Weltmeister wurde, Europameister, zweimal Europas Fußballer des Jahres und Deutschlands Fußballer des Jahrhunderts, hat eine beeindruckende Liste von Erfolgen und Auszeichnungen vorzuweisen, die ganze Tageszeitungen füllen könnte. Es war lange Zeit eine gängige Meinung in Deutschland, dass alles, was der Kaiser anfasst, zu Gold wird.
Doch Beckenbauer war nicht nur auf dem Spielfeld eine strahlende Figur. Sein wohl größter Triumph: Als Botschafter brachte der Kaiser die WM 2006 nach Deutschland und ermöglichte so das „Sommermärchen“. Mit zahlreichen Reisen, intensiver Überzeugungsarbeit und seiner einzigartigen Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen, war Beckenbauer der Hauptgarant für die letztlich erfolgreiche WM-Bewerbung Deutschlands. Eines steht fest: Ohne den Kaiser hätte es das Sommermärchen nicht gegeben.
Denkmal von Beckenbauer bröckelt nach Vorwürfen wegen WM 2006
Jahre später stolperte Beckenbauer jedoch über den vermeintlich größten Erfolg seines Lebens. Im Oktober 2015, dem Jahr, in dem Beckenbauers Sohn Stephan starb, titelte der Spiegel: „Schwarze Kasse – Fußball-WM 2006 mutmaßlich gekauft“. Beckenbauer soll von fragwürdigen Zahlungen gewusst haben, später wurde ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. Obwohl dieses aufgrund von Verjährung eingestellt und Beckenbauer nie etwas nachgewiesen werden konnte, begann das Denkmal zu bröckeln.
Hat dieser Skandal auch die Gesundheit des Kaisers beeinträchtigt? Es wird berichtet, dass Beckenbauer unter den Vorwürfen stark gelitten haben soll. In der BR-Dokumentation „Beckenbauer“, die vor seinem Tod produziert wurde, forderten zahlreiche Politiker Nachsicht für die Leitfigur des deutschen Fußballs.
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Wegbegleiter nehmen Beckenbauer in Schutz
„Die Deutschen wollten die WM, inklusive mir selbst, und wir waren froh, dass wir einen Franz Beckenbauer hatten. Insofern ist es ein Stück weit auch Heuchelei. Wir müssten uns auch selbst bezichtigen“, äußerte der ehemalige Außenminister Joschka Fischer (Die Grünen).
Auch der Kult-Kommentator Marcel Reif, der Beckenbauer über viele Jahre begleitete, verurteilte die Vorwürfe gegen den Kaiser. „Die ganze Heuchelei um ihn herum hat er gespürt und von seinen Wegbegleitern gehört, die sich sehr gern in seinem Glanz gesonnt haben und dann ganz schnell in seinem Schatten verschwinden wollten“, kritisierte Reif bei Sky.
Beckenbauer übt sich nach Vorwürfen in Gleichgültigkeit
„Das ist sehr deutsch, auch die Lust am Denkmal stürzen ist sehr deutsch. Und diese ganze Heuchelei hat ihn sehr, sehr getroffen. Wenn die Seele auf diese Art angeknackst und bespuckt wird, das hält kein Mensch aus“, berichtete der 74-Jährige weiter.
Kurz nachdem die Anschuldigungen bekannt wurden, musste der Kaiser 2016 und 2017 zweimal am Herzen operiert werden. Aufgrund seiner wachsenden gesundheitlichen Probleme und wahrscheinlich auch wegen der öffentlichen Verurteilung zog sich Beckenbauer immer mehr ins Private zurück. Bei der Verleihung des bayerischen Sportpreises 2018 äußerte sich der Kaiser zu den Vorwürfen: „Ich habe nur den Leuten Auskunft gegeben, die es von mir verlangt haben und das habe ich getan. Alles andere ist mir mehr oder weniger wurst geworden.“
In der Folgezeit wurden die öffentlichen Auftritte Beckenbauers immer seltener, bis sie schließlich zur absoluten Seltenheit wurden. (kk)
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