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Eintracht Frankfurt: Der Erfolg frisst seine Kinder

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Warum viele Spieler sich bei der Eintracht einen Namen machen und beim nächsten Schritt dann kolossal auf die Nase fallen. Ein Kommentar.

Frankfurt – Aller Voraussicht nach wird Daichi Kamada am Mittwochabend im Königsklassen-Heimspiel von Lazio Rom gegen den FC Bayern München seinen Stammplatz einnehmen. Der ist seit einigen Wochen schon die Ersatzbank beim italienischen Spitzenklub, zurzeit freilich nur auf Rang acht der Serie A. Manchmal wird der japanische Kreativspieler kurz vor Schluss eingewechselt. Manchmal auch nicht. Den Asien-Cup hat er verpasst, wurde nicht nominiert, der feine Raumdeuter, bei der WM vor gut einem Jahr noch Stammspieler des Teams Nippon.

Da stand er aber noch in der Hochphase seiner Schaffenskraft, hatte eine famose Hinrunde mit Eintracht Frankfurt gespielt, war in Topform. Doch dann kam die WM, die miserabel verlief für ihn persönlich, dann kam die zweite Halbserie mit der Eintracht, die genauso miserabel verlief – für ihn und für den Verein.

Wird bei Lazio nicht glücklich: Daichi Kamada.

Kamada war da schon gedanklich auf dem Absprung von Eintracht Frankfurt, war mal in Verbindung mit Borussia Dortmund und dem AC Mailand, nun also Lazio. Keine Erfolgsgeschichte. Kamada ist unglücklich. Lazio unzufrieden. Sieht nicht so gut aus.

Am Beispiel Kamada (und natürlich vielen anderen) ist ganz schön zu beobachten, wie viel Fahrt das große Milliardengeschäft aufgenommen hat, wie Erfolg und Performance den persönlichen Marktwert beeinflussen. Und wie Begehrlichkeiten geweckt werden. Bei den Spielern und ihren Agenten auf der einen Seite und den Klubs auf der anderen. Der berühmte nächste Schritt hin zu einer größeren Nummer ist für viele Fußballer vor allem der nächste Schritt auf dem Girokonto – sportlich ist es oftmals eine eher ernüchternde Angelegenheit.

Oft gingen die besten Eintracht-Spieler weg

Und auch Eintracht Frankfurt ist ein ganz gutes Beispiel für die Usancen der Branche. Dem aufstrebenden Traditionsverein sind in den vergangenen Jahren oft die besten Spieler abgeholt worden, aber nicht falsch verstehen, kein Grund zu klagen: Millionen flossen in die Kasse hinein – und auch wieder heraus.

Das fing an mit den Büffeln: Ante Rebic, Luka Jovic, Sebastien Haller, ging weiter mit André Silva, Filip Kostic und fand den Höhepunkt in Randal Kolo Muani im Sommer. Ab für 95 Millionen Euro zu Paris Saint-Germain. Die 35 Millionen Euro für Jesper Lindström, transferiert zu SSC Neapel, fallen da schon eher unter Portokasse. So ist das nun mal, wenn sich Spieler schneller entwickeln als der Verein, so wie es Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche gerne formuliert. Wobei: Das stimmt eigentlich nicht so ganz.

Besondere Eintracht

Kein Klub ist in den letzten Jahren massiver gewachsen als Eintracht Frankfurt, was die Mitgliederzahlen angeht (Nummer drei in Deutschland, Nummer zwölf weltweit), aber auch den Umsatz (370 Millionen am Ende der Saison) und auf dem sportlichen Sektor. Das ist kein Kleinkleckerverein, sondern ein mittelständisches Unternehmen mit Wachstumspotenzial.

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Und trotzdem kann der Klub, so wie es bis auf Bayern München eigentlich allen geht, selbst Borussia Dortmund, seine besten Spieler nicht halten. Der Erfolg frisst seine Kinder. Die werden komischerweise bei ihren neuen Vereinen oft gar nicht glücklich, Ein paar Beispiele nur: Ante Rebic versauert bei Besiktas Istanbul auf der Bank, André Silva hat null Tore für Real Sociedad geschossen, dafür seinen Marktwert versenkt, binnen zweieinhalb Jahren um 37,5 Millionen Euro auf 7,5. Luka Jovic kommt bei AC Mailand auf nur vier Startelfeinsätze (aber immerhin fünf Tore), Jesper Lindström verbucht in Neapel nur Mini-Einsätze und Randal Kolo Muani hat keine leichte Zeit in Paris und überraschte unlängst mit der Aussage: „In Deutschland war ich glücklicher.“ Es gibt auch einige andere Fälle, Filip Kostic spielt Stamm bei Juve, Djibril Sow beim FC Sevilla (allerdings kurz vor einem Abstiegsplatz) und Evan Ndicka ist eine Bank bei AS Rom und gewann gerade mit der Elfenbeinküste – und Ex-Eintrachtler Sebastien Haller – den Afrika-Cup.

Frankfurt ist ein gutes Pflaster für die meisten Spieler, weil sie sich in Ruhe entwickeln können und durchaus etwas Außergewöhnliches entstehen kann in der besonderen Konstellation des Vereins: innere Kraft, Harmonie, Stabilität, Emotionalität und Strahlkraft nach außen. Trotzdem bleibt die Eintracht eine Art Durchlauferhitzer, weil es natürliche Grenzen gibt, die die Spieler überspringen wollen – woanders halt. Daher jagt ein Umbruch den nächsten, Gesichter und Identität bleiben auf der Strecke.

Auch wenn das Romantikern und Traditionalisten nicht passt: Es ist das Gesetz des Geschäfts: Wer erfolgreich sein und weiter wachsen will, muss sich dem Tempo und der Welt anpassen. Wer im Gestern oder auch im Heute lebt, fällt hinten runter. Ob es einem passt oder nicht. (dur)

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