VonIngo Durstewitzschließen
Die Frankfurter Eintracht hofft auf einen Stimmungsaufheller: Eine Doppelspitze könnte es im Conference-League-Sechzehntelfinale am Donnerstag gegen Royale Union Saint-Gilloise richten.
Adi Hütter hat es getan, damals, 2018. Der frühere Eintracht-Trainer stand ja wie kein Zweiter für breitbeinigen Wildwestfußball mit Rasanz und Draufgängertum. Und der Kerl hatte Mut. Das Überangebot an hochkarätigen Stürmern löste er so, dass er einfach alle drei zusammen aufstellte. Das brachiale 3:0 in Stuttgart war seinerzeit die Geburtsstunde der berühmten Büffelherde um Rebic, Jovic und Haller. Adi Hütter, der Eintracht-Trainer mit dem besten Punkteschnitt der letzten Jahrzehnte, wollte einfach seine drei besten Angreifer zusammen auf dem Feld haben. Hat funktioniert.
Oliver Glasner, sein Nachfolger, machte es ganz ähnlich. Der Österreicher hatte die klare Idee, all seine spielstärksten Spieler in einer Formation zu vereinen. Deshalb zog er Freigeist Daichi Kamada aus dem offensiven Mittelfeld auf die defensivere Sechser-Position. Ein Schachzug, der aufging. Kamada, heute kreuzunglücklich bei Lazio Rom, glänzte aus der Tiefe des Raums. Hat geklappt.
Und auch Glasner-Erbe Dino Toppmöller ließ jetzt nichts unversucht, eine Rolle für den jungen Schweden Hugo Larsson zu finden, weil er zu wertvoll ist, um ihn auf die Bank zu setzen. In Köln (0:2) bot er ihn also ganz weit vorne auf, fast hinter der Spitze, zumindest situativ, und jetzt im Heimspiel gegen den VfL Bochum (1:1) setzte er den defensiven Mittelfeldmann in der offensiven Halbposition ein. So richtig gefunzt hat beides nicht, und das Experiment ist jetzt ohnehin erst einmal beendet. Denn der 19-Jährige hat sich eine nicht näher definierte Sehnenverletzung im Oberschenkel zugezogen. Drei Wochen Zwangspause. Mindestens. Das ist schlecht für Larsson und schlecht für die Eintracht. Doch es eröffnet Dino Toppmöller auch zwangsläufig andere Optionen. Das wiederum muss nicht verkehrt sein.
Da sich Mario Götze neben Ellyes Skhiri auf der defensiveren Position im Mittelfeld festgespielt hat, könnte der Trainer die Räume hinter der Spitze mit Fares Chaibi und Omar Marmoush besetzen. Beide sind nicht nur klasse Fußballer, sondern auch gut befreundet, harmonieren prächtig. Marmoush hatte Toppmöller vor Saisonbeginn eigentlich ohnehin nicht als Stürmer, sondern eher als hängende Spitze eingeplant. Da könne er sein Tempo noch besser ausspielen.
Andererseits ist natürlich die Frage erlaubt, ob es Sinn machen würde, ausgerechnet den besten Torschützen (acht Treffer in der Liga) zurückzuziehen. Zumal der 25-Jährige auch gegen Bochum schon wieder traf und gleichzeitig der beste Mann auf dem Platz war, ein steter Unruheherd. „Er gibt uns eine andere Energie“, befindet der Trainer. Auch außerhalb des Platzes. „Er hat direkt die Musikbox mitgebracht, da war wieder ein anderes Leben in der Kabine.“ DJ Marmoush, ein lebensfroher Typ, gebe der Mannschaft sehr viel, vor allem „positive Energie.“
Eintracht: Belastungs- und Stresstest in Belgien?
Nicht zu unterschätzen – gerade in Zeiten wie diesen, da die Lage höchst angespannt ist. Am Samstag pfiffen die Fans die Mannschaft erstmals aus, es brodelt und gärt. „Der Eintracht droht der Stimmungs-Kollaps“, titelt die Hessenschau treffend. Die Leistungen in den vergangenen Monaten waren zu dünn.
Das Conference-League-Sechzehntelfinale am Donnerstag gegen den starken belgischen Vertreter Royale Union Saint-Gilloise könnte zum Belastungs- und Stresstest für die Mannschaft, den Trainer und den ganzen Verein werden. Sollte es schiefgehen in Belgien, könnte es ungemütlich werden in Frankfurt. Zumal es danach direkt nach Freiburg geht, ein direkter Konkurrenz im Kampf um die internationalen Plätze. Die Breisgauer könnten den Rückstand auf die Eintracht auf einen Punkt verkürzen.
Der Umkehrschluss ist aber ebenfalls erlaubt, das Spiel in Belgien könnte auch zum Wendepunkt werden, ein Stimmungsaufheller; die Verantwortlichen hoffen auf einen Befreiungsschlag auf internationalem Geläuf. Denn auch in Europa hat die Eintracht bislang nicht überzeugt. Das soll sich ändern.
Omar Marmoush spielt dabei keine unwesentliche Rolle, er ist so etwas wie die Lebensversicherung der Eintracht. Toppmöller wird überlegen, ob er Marmoush in der Spitze belassen oder einen Doppelsturm mit Sasa Kalajdzic bauen soll. Der gegen Bochum fehlende Österreicher ist gerade zum ersten Mal Vater geworden, das kann durchaus beflügelnd wirken. Beide könnten sich gut ergänzten. Hier der Zwei-Meter-Hüne als Zielspieler, dort der wendige, schnelle Flitzer drumherum. Das könnte passen.
Die Frage ist dennoch, ob Coach Toppmöller ausgerechnet vor dem wichtigen Conference-League-Duell in Belgien sein taktisches System verändert und das Team mit einer veränderten Grundordnung ins Rennen schickt. Gewagt wäre das schon, auf der anderen Seite waren die Auftritte zuletzt jetzt auch nicht so, dass man alles zwingend so lassen muss, wie es war.
In jedem Fall dürfte auf Strecke gesehen der PSG-Zugang Hugo Ekitiké seine Position im Angriff einnehmen. Der 21-Jährige zeigte schon bei seinem Kurzeinsatz gegen den VfL Bochum, dass er eine Verstärkung sein kann. Der Franzose ist pfeilschnell, trickreich und uneigennützig. „Ich bin total froh, dass er bei uns ist“, urteilt Coach Toppmöller. „Er hat Technik und Speed, ist ein schlauer Spieler.“
Der Fußballlehrer ist zu 100 Prozent überzeugt vom Rekordeinkauf der Eintracht: „Er wird uns sehr viel geben.“ Aber erst mal muss er richtig fit werden. Bis dahin muss es Omar Marmoush richten. Oder Sasa Kalajdzic. Vielleicht auch beide.
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