VonThomas Kilchensteinschließen
Der französische Tempodribbler kommt zum Lernen nach Frankfurt und soll Eintrachts Offensive bereichern
Der allererste Eindruck vom neuen Klub war schlichtweg überwältigend, was im Kern kein Wunder war: Welcher 18-Jährige Jungprofi kann sich schon vor knapp 60 000 freudig erregten Zuschauenden eine halbe Stunde lang aufwärmen? Wenige; Jean-Matteo Bahoya durfte es. „Unglaublich“, sei das gewesen, erzählte er jetzt, ein paar Tage nach seinem ersten „Einsatz“ im Trainingsdress von Eintracht Frankfurt, dem 1:0-Sieg gegen den FSV Mainz 05. Da habe er sofort das warme Gefühl verspürt, so schnell wie möglich „für diese Fans spielen“ zu wollen.
Jean-Matteo Bahoya, vor einer Woche für acht Millionen Euro vom französischen Zweitligisten SCO Angers nach Frankfurt geholt, hat mittlerweile seine ersten richtigen Trainingseinheiten mit den Kollegen absolviert, es gefällt ihm immer noch sehr gut, obwohl er doch schon dieses hat feststellen müssen: Alles geht irgendwie fixer, ist intensiver, auch kräfteraubender. „Die Spieler laufen alle sehr viel, der Ball bewegt sich viel schneller“ als er es bislang gewohnt war, sagte er am Donnerstag bei seiner offiziellen Vorstellung im Frankfurter Proficamp.
Eintracht Frankfurt: Wohlfühlen auf links
Auch das ist kein Wunder: Jean-Matteo Bahoya kommt aus der französischen Ligue 2, ist gerade mal 18 Jahre alt und muss, wie er selbst einräumt, auch noch eine Menge lernen, aber dafür ist er nach Frankfurt gekommen. Er ist ja noch lange kein fertiger Profi. Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche hält große Stücke auf den jungen Rastamann, er zählt ihn „zu den vielversprechendsten Talenten Frankreichs“. Das will etwas heißen, denn im französischen Nachwuchsfußball wimmelt es nur so vor vielversprechenden Talenten.
Allein aus seinem Jahrgang, 2005, stammen etwa Mathys Tel (Bayern München) oder Warren Zaire-Emery (Paris St. Germain). Bahoya ist demnach bei den Hessen auch nicht als sofortige Stammkraft eingeplant, der Junge hat Perspektive, er soll reifen und sich in Ruhe entwickeln, sein Kontrakt bei der Eintracht ist bis 2029 befristet. Er selbst brennt freilich vor Eifer: „Ich will mich hier so schnell wie möglich durchsetzen.“ Der Konkurrenzkampf bei der Eintracht gerade im Mittelfeld ist hoch. Trotzdem ist er der festen Überzeugung: „Ich glaube: Die Bundesliga passt sehr gut zu mir und meinem Spiel.“
Seinen ersten Profivertrag in Angers, einer 150 000 Einwohner:innen zählenden Stadt im Westen Frankreichs, hat er 2022 unterschrieben, als 17-Jähriger, in der Ligue 2 hat er für Sporting Club de l’Ouest (SCO) bislang 32 Partien bestritten, in dieser Halbserie 19 Spiele und dabei fünf Tore erzielt. Allerdings machte er kein Spiel über die vollen 90 Minuten mit, zuletzt wurde er meist eingewechselt. In der U17-Jugend wurde er einst mit 30 Treffern in 25 Begegnungen Torschützenkönig, aktuell spielt er zudem in der U19-Auswahl der Equipe Tricolore.
Kolo Muani im Sinn
Jean-Matteo Bahoya fühlt sich auf dem Rasen am wohlsten auf dem linken Flügel, er kann, wie er sagt, aber auch auf der Zehn spielen, im Sturm oder auf der rechten Seite. Sein Pfund, mit dem der freundliche, empathische, offene Jungprofi wuchern kann, ist sein Tempo. Er ist schnell, flink, sein „Eins-gegen-Eins ist sehr gut“, lobte bereits Trainer Dino Toppmöller, er habe einen „tollen Speed“. Auch Krösche hebt seine „unheimlichen Fähigkeiten“ hervor, der junge Mann, beidfüßig zudem, kann dribbeln, ist mutig und verfügt über einen guten Abschluss. „Mit seiner Geschwindigkeit und seinem Zug zum Tor wird er unser Offensivspiel bereichern“, findet Krösche. Dafür tut Bahoya einiges, regelmäßiges Sprinttraining gehört seit jeher zu seinem festen Programm. Freilich sollte man nicht gleich zu viel verlangen, der Schritt aus der zweiten französischen Liga in die Bundesliga ist kein kleiner.
Es ist für Jean-Matteo Bahoya, der Wurzeln in Kamerun hat und bei der Eintracht die Nummer 19 bekommt, der erste Aufenthalt im Ausland. Deshalb hat er seinen Vater dabei. Ohnehin kennt der in Montfermeil bei Paris geborene offensive Mittelfeldspieler bislang nur den SCO Angers, für den er seit seinem neunten Lebensjahr spielt. Deshalb kommt es ihm sehr entgegen, dass in Frankfurt mittlerweile fast die Hälfte der Mannschaft französisch spricht, auch Trainer Toppmöller beherrscht diese Sprache. „Das hilft mir sehr.“ Eine Reihe von Anpassungsproblemen lassen sich so leichter lösen.
Natürlich kennt er auch genau die Geschichte vom kometenhaften Aufstieg seines Landsmannes Randal Kolo Muani bei den Hessen, der binnen eines Jahres vom No-Name-Spieler zu einem der gefragtesten Stürmer Europas avancierte. Das sei im Grunde auch sein Ziel, sich schnell einen Namen zu machen. Nur wolle er, sagte er lachend, länger bleiben als Kolo Muani, der sich im letzten Sommer nach Paris transferieren ließ. Grundsätzlich aber habe er kein großes Vorbild, dem er nacheifere. „Ich will hier meine eigene Geschichte schreiben.“ Die Zeit dafür wird er bekommen.
