Endlich Meerblick: DFB plant WM-Basecamp – Nagelsmann war schon da
VonJan Christian Müller
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Nach dem 6:0-Sieg gegen die Slowakei fallen Felsen der Erleichterung von allen Beteiligten im DFB.
Leipzig – Julian Nagelsmann hat sich neulich aufgemacht nach Trump-Land: Inspektionsreise des Bundestrainers zur Ortung möglicher WM-Team-Basecamps. „Wir haben schon relativ viel geplant, unser Reisebüro und das Teammanagement waren mehrfach da, ich war nur einmal auch dabei.“ Trotz des durch das überzeugende 6:0 gegen die Slowakei nun unwiderruflich fixierten Meerblicks Richtung Amerika können aus den Planungen noch keine Gewissheiten werden.
Der Deutsche Fußball-Bund weiß, dass sein Eliteteam mit einem opulenten 26-Mann-Kader anreisen darf, er weiß auch, dass ihm in Topf eins der auf 48 Teilnehmer aufgeblasenen Veranstaltung schwächere Gegner zugeteilt werden. Wohin es aber genau gehen wird, das steht erst nach der Auslosung am 5. Dezember im „John F. Kennedy Center for the Performing Arts” in Washington fest.
DFB-Team in Partylaune
Was laut Bundestrainer aber sicher ist: „Der Mannschaftsgeist ist extrem gut.“ Seine Spieler gingen „außerhalb des Feldes super miteinander um“. Das taten sie am Montagabend in Leipzig sogar auf dem Spielplatz, wo sie laut Nagelsmann „über das gemeinsame Arbeiten auch fußballerische Elemente gefunden“ und sich „für super Aktionen im talentfreien Bereich gefeiert“ hätten.
Partylaune wegen der schlichten Unkunst des Grätschens und des Griffig-Seins also. Das sind nicht zu unterschätzende Tugenden, die legendären Eisenfüßen wie Horst-Dieter Höttges, Karlheinz Förster und Jürgen Kohler an die Füße gewachsen waren.
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Aber was ist mit der aktuellen Spielergeneration? Muss die immer erst die Angst im Nacken sitzen haben, um loszurennen? Ist diese Mannschaft dem Bundestrainer vielleicht genauso ein Rätsel, wie sie es für die Öffentlichkeit ist? „Nee“, sagt Nagelsmann, ist sie nicht. Und dann hält der Fachmann ein Referat über die Eigenheiten des Fußballs, das allerdings ein bisschen ablenkt von den Entwicklungshüpfern vor und zurück, die sie alle miteinander mitunter an den Rande des Wahnsinns getrieben haben.
„Wenn Fußball vorhersehbar wäre“, doziert der Bundestrainer, „würde irgendwann niemand mehr kommen. Das macht seine Faszination aus. Ein schlechteres Team kann gegen ein besseres Team leichter gewinnen als dass im Eishockey, im Handball und bei sehr vielen Sportarten der Fall ist. Man kann das im Fußball schlechter planen.“
Was schlummert da?
Schlechte Planung ist allerdings sehr undeutsch und zudem ungut in der Vorausschau auf Nordamerika 2026. Frankreich zum Beispiel konnte die Titelkämpfe 2018 und 2022 sehr wohl bis zum Finale durchplanen. Deutschland nicht. Das Problem dieser unsteten Profis im Adlertrikot: Nagelsmann glaubt zu wissen, „was in der Mannschaft schlummert“ nur: Ob sie das Schlummern zu einem hörbaren Hochton zu entwickeln vermag, ist bislang eher eine Frage der Tagesform denn einer zuverlässigen Entwicklung. „Ich freu mich immer, wenn sie es rauskitzeln.“
So wie Montagabend im zugigen Leipzig. Nagelsmann unterschlug nicht, dass „Druck auf dem Kessel“ geherrscht hatte, auch auf seinem persönlichen Kessel übrigens, wie Wortführer Joshua Kimmich nicht vergaß zu erwähnen und anfügte: „Der Trainer ist dennoch ruhig geblieben. Er hat uns überragend vorbereitet.“
Die Nacht wurde im Teamhotel dann zum Tag gemacht. „Wir waren unglaublich erleichtert, denn wir waren uns ja im Klaren, was das bedeutet für Fußball-Deutschland“, sagte Geschäftsführer Andreas Rettig am Dienstagmittag nach dem Aufstehen, als er mühevoll einen riesigen silbernen Koffer hinter sich her zog.
Die missliche Alternative wäre eine viermonatige Wartezeit auf die Relegation gewesen, begleitet von einer unvermeidlichen Bundestrainerdiskussion. Davor haben sich Nagelsmann und seiner Spieler bewahrt. Der Trainer, in der Tierwelt offenbar nicht ganz so zu Hause wie im professionellen Fußball, gab das Lob von Männern wie Kimmich postwendend zurück: „Jeder Spieler hat gearbeitet wie das rosafarbene Tier.“ Tun Schweine das tatsächlich – knüppelhart arbeiten? Oder meinte Nagelsmann den rosaroten Panther oder gar den lustigen Elefanten Benjamin Blümchen mit seiner roten Weste?
Egal, es ging dem Chefcoach ums „Rieseninvest in der Defensive“, ums Wühlen (daher wohl der Schweine-Kontext), ein Wühlen und Machen und Tun, das seine rechte Hand Kimmich so sekundierte (und dabei die Schöngeister Leroay Sané und Florian Wirtz ins Schweinwerferlicht stellte): „Wenn die beiden das so machen, wie sie es getan haben, dann sind die Vorbilder für die Mannschaft. Jeder zieht dann mit. Es muss die Basis sein, dass unsere Offensivspieler so arbeiten. Wenn wir das nicht machen, werden wir keinen Erfolg haben.“ Das ist die Gleichung, die für die Zukunft gilt.