Nagelsmann sagt lieber nicht, was er denkt – wahrscheinlich ist das besser so
VonJan Christian Müller
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Nach dem 6:0 gegen die Slowakei beißt sich Bundestrainer Julian Nagelsmann lieber auf die Zunge. Warum nur tut er das? Ein Kommentar.
Leipzig – Irgendwann nach dem 6:0-Sieg gegen die Slowakei zum Abschluss der WM-Qualifikation, es ging schon stramm auf Mitternacht zu, hat der pfiffige Kollege der Deutschen Presseagentur eine Fangfrage gestellt. Er wollte von Julian Nagelsmann wissen, ob dieser seine Mannschaft auf Augenhöhe „mit Argentinien, Frankreich, Spanien“ wähnt. Nagelsmann hat entgegnet: „Ich sag’ jetzt nicht, was ich denk’. Das ist vielleicht besser.“
Ja, es war wahrscheinlich besser, diese Gedanken für sich zu behalten. Denn wer den Draufgänger ein bisschen näher zu kennen glaubt, kann sich ausmalen, was er am liebsten geantwortet hätte nach vollzogener WM-Qualifikation. Er hätte dann rausposaunt, törööö: „Klar sind wir so gut wie die, die Sie gerade genannt haben.“ Und ganz bestimmt hätte er allzu gern noch ein „mindestens“ dran gehängt.
Ratschläge und Erfahrung prägen Nagelsmanns Wortwahl
Der Bundestrainer Nagelsmann des Jahres 2024 hätte das ziemlich sicher so gemacht. Aber jetzt ist er ein Jahr älter, schon 38. Er hat eventuell auf ein paar Tipps seines Medienberaters Kai Psotta gehört und möglicherweise auch Ratschlägen seines ansonsten ebenfalls zu einer gewissen rhetorischen Breitbeinigkeit neigenden Managers Volker Struth oder seines sympathischen und empathischen Assistenten Benjamin Glück gelauscht – und sich deshalb gedacht: Ich halt lieber die Klappe!
Angebereien sind in der Tat auch nicht angebracht nach dieser Ruckel-Zuckel-Qualifikation, sie waren auch unangebracht nach dem Ausscheiden bei der Heim-EM 2024, als Nagelsmann kundtat: „Dass man zwei Jahre warten muss, dass man Weltmeister wird, tut weh … die gefällt euch, die Aussage, da werden die Augen groß!“ Nee, das Protz-Statement gefiel uns gar nicht, unsere Augen wurden eher klein, so wie sie bei Nagelsmann auch ganz schön klein werden können, wenn er etwas für völlig unangebracht hält.
Sechsmal die Zwei – einer gar mit Bestnote: Deutschland-Noten gegen Slowakei
Wie dem auch sei. Der rätselhafte Herr Nagelsmann hat sich nicht locken lassen. Diese Reife, diese Abkehr von überraschender Sprunghaftigkeit, ist ihm über die beiden Jahre im Amt gekommen. Diese Reife hat jetzt auch seine Mannschaft präsentiert.
Aber bei beiden, beim Trainer und beim Team, sollte niemand sicher sein, dass es nicht wieder unvorhersehbare Amplituden geben wird. Das macht die Angelegenheit mit Blick auf die Weltmeisterschaft zu einem Parforceritt, mit einem Ausgang, der ungewisser ist denn je. So viel steht fest: Unter Nagelsmann wird es jedenfalls niemals langweilig.