VonThomas Kilchensteinschließen
Stürmer Joselu, in Deutschland gereift, kommt bei Real Madrid immer dann ins Spiel, wenn Not am Mann ist.
Vor zwei Jahren hat sich José Luis Sanmartin Mato aus Stuttgart, 32, ein Real-Madrid-Trikot angezogen und ist von Alaves in Spanien, wo er Fußball spielte, nach Paris gefahren, nach Saint-Denis, um seiner alten, großen Liebe die Daumen zu drücken in diesem Champions-League-Finale gegen den FC Liverpool. Tickets waren kein Problem, sein Schwager, Dani Carvajal, verteidigte rechts hinten bei den Königlichen, José Luis Sanmartin Matu, besser bekannt als Joselu, und Carvajal haben Zwillingsschwestern geheiratet, der Triumph blieb in der Familie.
24 Monate später wird Joselu wieder ein Real-Madrid-Trikot anziehen, ein echtes dieses Mal, Nummer 14, und in London gegen Borussia Dortmund nicht nur Daumen drücken und keineswegs aus der VIP-Lounge heraus. Er wird spielen, nicht von Anfang an, aber er wird sicher eingewechselt. Allein aus Dankbarkeit. Denn ihm, dem 34 Jahre alten Stürmer, haben es die Superstars um Kroos, Vinicius, Bellingham zu verdanken, dass sie überhaupt Wembley betreten dürfen: Joselu war es, der in einem denkwürdigen, ja wundersamen Finish in den letzten Minuten die beiden Tore zum 2:1-Sieg über den FC Bayern erzielte, „der schönste Tag meines Lebens“, gleich nach der Geburt seiner beiden Kinder, wie er sagte. In der 81. war Joselu eingewechselt worden, er allein bewahrte Real vor dem Aus.
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Er wird ja immer eingewechselt, ist der perfekte Joker, der kommt, wenn selbst die realen Zauberfüße nicht mehr weiter wissen. Joselu hat das, was man einen Torriecher nennt, er weiß, wo er instinktiv richtig stehen muss, er ist ein Knipser. Manchmal freilich versemmelt er auch großartig, einmal im Gruppenspiel gegen den SSC Neapel, als er vier, fünf beste Möglichkeiten kläglich vergab, hat er sich noch auf dem Platz bei Publikum und Mitspieler für seine Fehlschüsse entschuldigt. Das hätte er nach Ansicht von Trainer Carlo Ancelotti nicht tun müssen, es zeigt aber seinen Charakter: „Es ist wichtig, dass er Tore schießt“, lobte der Elder Statesman, „aber ein Spieler muss sich nur entschuldigen, wenn er nicht gearbeitet hat, und er tut das immer“.
Joselu ist keiner dieser Supertechniker, er kann köpfen, kämpfen, er haut sich rein, ist 1,91 Meter groß, ein Mann für die besonderen Momente. Und immer brandgefährlich im Strafraum, immer bereit, etwa auf einem Abpraller zu spekulieren
Und er braucht normalerweise nicht lange, auf Betriebstemperatur zu kommen, neun Minuten reichten ihm im Halbfinale zum Heldenstatus, in der kompletten K.o.-Runde kam er insgesamt nur 27 Minuten zum Einsatz, trotzdem erzielte er in zehn Champions League-Partien fünf Tore. Zehn dazu in La Liga. Er kommt auf 48 Pflichtspiele, die allerwenigsten über 90 Minuten. Bei seinem Debüt in der Nationalmannschaft, da war er fast 33 Jahre alt, im Qualispiel gegen Norwegen schoss er sofort zwei Tore zum 3:0-Sieg, er gehört aktuell zum vorläufigen EM-Kader Spaniens.
Wanderjahre in Europa
Im letzten Sommer hielten es selbst eingefleischte Madridistas für einen Scherz, Joselu zu holen - als Ersatz für Karim Benzema. Er war gerade mit Espanyol Barcelona abgestiegen, erzielte allerdings 16 Treffer, ein Jahr zuvor war er mit Deportivo Alaves aus La Liga geflogen. Eigentlich hatte Real Harry Kane im Visier, aber nach der Verpflichtung von Jude Bellingham für 103 Millionen Euro konnten sie sich einen weiteren 100-Millionen-Mann nicht leisten, Joselu, der etwa ein Zehntel dessen verdient, was Kroos erhält (nämlich 25 Millionen Euro), war die beste Lösung, allein was das Preis-Leistungs-Verhältnis betrifft.
Joselu ist ein Spätzünder, aber im Herbst seiner Karriere so gut und so wertvoll wie nie. Bis 2023 hatte er in 15 Profijahren keinen einzigen Titel erringen können, dafür kam er als Wanderarbeiter viel rum in der Welt. In Stuttgart geboren, ging er mit seinen Eltern im Alter von zwei Jahren zurück nach Spanien, er spielte bei Celta Vigo und früh, ab 2010, bei Real Madrid, vornehmlich in der zweiten Mannschaft. Dann ging er auf Tour: Ein Jahr TSG Hoffenheim, wo er zeitweise der berühmten „Trainingsgruppe 2“ angehörte, ein Jahr Eintracht Frankfurt, wo er unter Trainer Armin Veh in 33 Pflichtspielen 14 Tore markierte, dann Hannover 96, Stoke City, La Coruña, Newcastle United, Deportivo Alaves, Espanyol, nie blieb er lange, meist wechselte er nach einem Jahr.
In Deutschland tat er sich schwer, das körperbetonte Spiel behagte ihm, der die Fußballschule Madrids gewohnt war, nicht, er musste sich durchsetzen, musste vor allem physisch zulegen. Er reifte, schoss verlässlich seine Tore und zog beim nächsten Angebot weiter.
Ob er in Madrid bleiben wird nach dem Finale? Manches spricht dafür, er ist nur ausgeliehen von Espanyol, 500 000 Euro kostete die Gebühr für den billigen Jakob, 1,5 Millionen, wenn Real die Kaufoption zieht. Auf so einen Knipser können selbst Königliche kaum verzichten - als Backup für Kylian Mbappé ist Joselu allemal für Tore gut. Und vielleicht muss Carlo Ancelotti heute im Finale spät seinen Joker ziehen - wenn es Spitz auf Knopf steht. Könnte dann eng werden für Joselus alten Klub aus Frankfurt.
