VonDaniel Michelschließen
Francis Kioyo hat im Jahr 2004 einen bedeutenden Elfmeter für 1860 verschossen. Nun enthüllt der Stürmer alle Details zu dieser unvergessenen Szene.
München – Am vergangenen Dienstag war Premiere der neuen BR-Doku „Rise and Fall“ über den TSV 1860 München. Schon nach wenigen Sekunden ging ein Raunen durch den vollen Saal im Cincinnati-Kino. Die rund 200 Gäste hatten im Trailer den fatalen Elfmeter-Fehlschuss von Francis Kioyo gesehen. Gefühlt: ein Horror!
Nun könnte man sagen: Es war doch nur ein verschossener Elfmeter gegen Hertha BSC, es war erst der 33. Spieltag der Saison 2003/04 und der Klassenerhalt noch weiter möglich. Doch bis heute ist die Szene im Kosmos der Löwen fest verankert als Symbol für den sportlichen Niedergang. Noch immer werden sarkastische Witze über Francis Kioyo gemacht, was im Fußball auf den ersten Blick auch verständlich wirken mag.
1860 spielt seit über 20 Jahren nicht mehr in der Bundesliga
Ein gut bezahlter Fußballer muss einfach nur einen Elfmeter verwandeln, um für einen großen Traditionsverein das elfte Jahr in Folge die Bundesliga zu sichern. Stattdessen drischt er den Ball mit hoher Geschwindigkeit knapp links neben das Tor. Der Verein steigt ab – und kehrt bis zum heutigen Tag nicht mehr in die Bundesliga zurück. Ein Drama. Eine Tragödie.
Nun hat Francis Kioyo so offen wie nie in „Rise and Fall“ über die Szene gesprochen, die ihn sein Leben lange Zeit negativ begleitet hat. Dabei ist es schon unglaublich, unter welchen Vorrausetzungen er zum Elfmeter angetreten war. Interimstrainer Gerald Vanenburg degradierte Kioyo vom Stammspieler zum Ersatzspieler mit wenigen Einsatzminuten. Gegen Hertha kam er fünf Minuten vor Schluss ins Spiel.
Zwei Fünfer für 1860 München nach Pleite gegen Waldhof Mannheim




„Ich war zu Unrecht auf der Ersatzbank. Ich wollte nur kicken und Gas geben, aber der Trainer hatte seine Leute. Ich war definitiv nicht der Spieler dieses Trainers“, sagte Kioyo. Hinzu kamen private Probleme. Die Beziehung zu seiner damaligen Freundin war problematisch, seine Mutter in Kamerun war schwer krank.
„Zu Hause ist es scheisse, zu Hause in Kamerun ist es auch scheisse“, fasste Kioyo zusammen. Die nächste Enthüllung: Kioyo hatte gar nicht vor, den Elfmeter beim Stande von 1:1 gegen die Hertha zu schießen. Nach dem Pfiff des Schiedsrichters nahm er zwar den Ball in die Hand, sagte sich aber: „Du bist nicht dafür zuständig.“
Kioyo erwartete also, dass ihm ein Teamkollege gleich den Ball abnimmt. „Ich gucke mich um, keiner will den Ball haben. Wo waren die Spieler, die den Elfmeter schießen sollten? Die sind auf dem Feld nach hinten gerannt. Keiner hat den Mut gehabt, zu schießen“, klagte Kioyo nun an. Die Teamkollegen drückten sich vor der Verantwortung, Kioyo war deshalb fest entschlossen, den Elfmeter zu verwandeln.
Doch das nächste Hindernis folgte. Es gab ein kleines Loch am Elfmeterpunkt. Als Kioyo sich den Ball zurecht gelegt hatte, kullerte das Leder Zentimeter weiter, ohne dass er die Position nochmal korrigiert hatte. Dann folgte der fatale Fehlschuss. Kioyo sank zu Boden. Zwei Hertha-Spieler verhöhnten ihn, während von seinen Teamkollegen wieder nichts zu sehen war.
Kioyo wurde zum Sündenbock für den Abstieg des TSV 1860 gemacht. Auch eine weitere Schilderung wirkt bedrückend: Am Abend nach dem Fehlschuss saß Kioyo alleine in seinem Zimmer – kein Mitspieler, kein Funktionär meldete sich bei ihm. Das taten dafür zwei Legenden des FC Bayern, sie trösteten ihn und sprachen ihm Mut zu.
Kioyo, damals 23 Jahre alt, musste in der Folge übelste Beleidigungen ertragen. Tiefpunkt waren rassistische Äußerungen und Morddrohungen. „Es war alles dabei, was man sich vorstellen kann, was man einem Menschen eigentlich nicht sagt“, so Kioyo, der heute unter anderem junge Fußballer in Camps betreut.
So bleibt nach diesen herzzerreißenden Aussagen und Schilderungen von Kioyo die Frage, ob der komplette Löwen-Kosmos nun in der Lage ist, sich mit seinem ehemaligen Stürmer zu versöhnen – um womöglich irgendwann gemeinsam einen Aufstieg in die Bundesliga feiern zu können.
Rubriklistenbild: © Imago / Thomas Exler

