Thomas Müller nennt überraschendes Schlüsselspiel für den Kompany-Style beim FC Bayern
VonPeter Grad
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FCB-Ikone Thomas Müller wird aufgrund seiner analytischen Fähigkeiten selbst als zukünftiger Top-Trainer gehandelt. Nun äußert er sich zu seinem letzten Coach beim Rekordmeister.
München – Thomas Müller hat in seinen 17 Profi-Jahren beim FC Bayern zahlreiche Cheftrainer mit ihren unterschiedlichsten Spielphilosophien kennengelernt und dabei viele Spielideen auf Top-Niveau umgesetzt. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung beschreibt er nun seinen letzten Coach an der Säbener Straße. Dabei bezeichnet er den derzeit so erfolgreichen Spielstil von Vincent Kompany nicht als revolutionär, allerdings als eine extrem konsequente Weiterentwicklung dessen, was grundsätzlich auf diesem Top-Level selbstverständlich sein sollte.
Der 36-Jährige über den Ansatz des Belgiers: „Das ist nichts Neues, aber die Konsequenz, mit der der FC Bayern dieses Spiel spielt, ist sicherlich interessant“. Der aktuell in der MLS bei den Vancouver Whitecaps in Kanada kickende FCB-Rekordspieler bezieht sich damit nicht zuletzt auf die kompromisslose Umsetzung von Intensität, Manndeckung und hoher Verteidigungslinie. Für Müller liegt der Fokus dabei weniger auf taktischen Feinheiten, sondern vielmehr auf den Prinzipien des Profifußballs: „Bei den grundlegenden Kriterien, die im Fußball unerlässlich sind, gibt es wenig Spielraum für Kompromisse“.
„Haltung“ bei Kompany wichtiger als Taktik und Spielsystem
Kompany hat dies bei Pressekonferenzen selbst schon häufiger erklärt, es geht bei ihm weniger um Spieltaktik und -system, sondern wesentlich mehr um die „Haltung“ seiner Spieler. Der Belgier verlangt nicht die Umsetzung von exotischen Ideen, sondern fordert maximale Bereitschaft: Laufarbeit, Zweikampfhärte, Konzentration – Dinge, die auf diesem Niveau eigentlich selbstverständlich sein sollten, werden unter ihm kompromisslos eingefordert. Genau darin sieht Müller den entscheidenden Unterschied.
Müller erläutert: „Wir Menschen sind evolutionär darauf programmiert, Energie zu sparen.“ Im Fußball bedeute das zwangsläufig, dass Spieler in Momenten ohne klaren Druck nachlassen – bewusst oder unbewusst. Kompany aber lasse genau das nicht zu. „Vinny lässt wenig Raum für körperliche Schwächen oder Nachlässigkeiten“, so Müller. Jeder müsse sich zu hundert Prozent einbringen, jede Sekunde – und dies dauerhaft. Wer diese Bereitschaft nicht zeigt, verliert seinen Platz. Nicht aus Strafe, sondern aus Konsequenz: „Er sorgt dafür, dass sich jeder einbringt, denn sonst wird er nicht einbezogen“.
Diese Klarheit habe Kompany laut Müller von der ersten Sekunde an vermittelt. Seine Prinzipien seien nicht verhandelbar, sondern fest verankert. Entscheidend sei dabei, dass der Trainer sie nicht nur predige, sondern greifbar mache – im Training, in der Spielvorbereitung und vor allem bei den Spielen selbst.
An eine Partie erinnert sich Müller dabei besonders: An das 3:3 in Frankfurt in der Vorsaison, welches damals nach dem Schlusspfiff sehr kontrovers diskutiert wurde. Kompanys Bayern dominierten das heimstarke Bundesliga-Spitzenteam fast über die gesamte Spielzeit, ein Kantersieg wäre möglich gewesen, stattdessen kassierte man tief in der Nachspielzeit per Konter den finalen Ausgleichstreffer. Dennoch für Müller ein emotionaler Wendepunkt: „In den ersten 20 Minuten hatten alle auf dem Platz das Gefühl: Wow, hier passiert etwas Besonderes“, erinnert sich der Urbayer. Die Bayern hätten mit einer Intensität gespielt, die dem Gegner kaum Luft zum Atmen ließ.
Messi nach Jahren der Demütigung wieder erfolgreich gegen Müller
Trotz der von anderen Seiten kritisierten drei Gegentore sei in Frankfurt etwas Entscheidendes spürbar gewesen: Wie effektiv und erfolgreich dieser intensive Spielstil sein kann, wenn wirklich alle mitziehen. Hohe Abwehrlinie, aggressives Anlaufen, permanenter Druck – das Risiko sei da, aber ebenso das enorme Potenzial. Für Müller war jene Partie der Beweis dafür, dass Kompanys Ansatz funktioniert, wenn er konsequent umgesetzt wird.
Müllers Aussagen zeichnen das Bild eines Trainers, der weniger als zum Beispiel sein Lehrmeister Pep Guardiola über taktische Detailverliebtheit kommt, sondern über Haltung und Verlässlichkeit, eine bestmögliche Einstellung. Dazu benötigt es natürlich aber auch die geeigneten Spieler, die der Belgier nun in seinem Kader versammelt hat, worüber er nach eigenen Worten sehr dankbar und glücklich ist. Diese Eigenschaften sind grundlegende Kriterien, wenn Spieler zum Rekordmeister geholt werden.