WM-Vergabe an Saudi-Arabien

„Mindestens 884 Todesfälle von Gastarbeitern“: Warnungen vor WM-Vergabe an Saudi-Arabien

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Da zieht es dir die Hose runter. Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman jubelt über den WM-Sieg in der Vorrunde gegen Argentinien.
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Human Rights Watch spricht mit Blick auf die WM-Vergabe nach Saudi-Arabien von „gefälschtem Evaluierungsprozess“. Deutsche Fanbündnisse sprechen von „unwürdigem Schauspiel“ und protestieren vor DFB-Zentrale.

Am Freitag wird sich DFB-Präsident Bernd Neuendorf dezidiert öffentlich zur Haltung des Deutschen Fußball-Bundes im Hinblick auf die Bewerbung von Saudi-Arabien für die Fußball-Weltmeisterschaft 2034 äußern. Es wird erwartet, dass der DFB-Verbandschef sich zu rechtfertigen versucht, weshalb er die saudische Bewerbung beim Fifa-Kongress am 11. Dezember, wie fast alle anderen 210 Fifa-Mitgliedsländer, unterstützen wird. Der 63-Jährige ist Mitglied in der 36-köpfigen Regierung des Weltverbands, der von Präsident Gianni Infantino mach dessen Gusto gesteuert wird.

Im Vorfeld der „Abstimmung“, deren Ausgang längst feststeht, meldeten sich Menschenrechtsorganisationen und Fanbündnisse zu Wort. Die Gruppe „Fairness United“, eine Nachfolgeorganisation der „Boykott Katar“-Bewegung, hat diese Woche gemeinsam mit „Unsere Kurve“, dem Bündnis aktiver Fußballfans „Baff“ einen bislang unbeantwortet gebliebenen Offenen Brief an den DFB geschickt. Dort heißt es: „Die voraussehbare Entscheidung und das Verfahren sind ein Skandal. Der Golfstaat wird in einer Monarchie diktatorisch regiert. Menschenrechte werden ständig und massiv verletzt.“ Deshalb fordert der Fanverbund „den DFB auf, die ethischen Werte des Sports zu schützen und eine Durchführung der WM in Saudi-Arabien konsequent abzulehnen“.

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Vehemente Kritik kommt auch von etablierten Menschenrechtsvertretungen wie Human Rights Watch und Amnesty International. An diesem Donnerstag veröffentlichte beide Organisationen bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin eine Recherche, die der Monarchie von Kronprinz Mohammed bin Salman ein verheerendes Zeugnis ausstellt.

„Teilweise Zwangsarbeit“

Human Rights Watch dokumentiert in dem 79-Seiten-Report unter der Überschrift „Die First, and I’ll Pay You Later“ („Stirb zuerst und ich zahl‘ später“) „weit verbreitete Rechtsverletzungen, teilweise Zwangsarbeit gegenüber Gastarbeitern in Saudi-Arabien“. Allein von Januar bis Juli 2024 habe es „mindestens 884 Todesfälle von Gastarbeitern“ gegeben, „die größtenteils nicht untersucht“ worden seien.

Zudem wird von „Lohndiebstahl und fehlendem Schutz vor extremer Hitze“ berichtet. Saudische Behörden würden sich systematisch weigern, diese Missstände zu beheben. Es sei davon auszugehen, dass mit der Fußball-WM 2034 „ein weiteres Megaprojekt in Saudi-Arabien stattfinden soll, bei dem Millionen von Gastarbeitern von Menschenrechtsverletzungen betroffen sein können“. Die Fifa würde die erforderliche Sorgfalt vermissen lassen, um die saudische Regierung zu bindenden Verpflichtungen mit Blick auf die Verletzung von Arbeiterrechten von zu drängen.

In ihrem jüngst veröffentlichten Evaluationsbericht für die WM 2034 hat die Fifa dem einzigen Bewerber Saudi-Arabien mit 4,2 von fünf möglichen Punkten ein gutes Zeugnis ausgestellt, exakt auf diese Punktzahl kamen auch die Co-Bewerber für die WM 2030, Spanien, Portugal und Marokko. Über die saudische Bewerbung heißt es, sie präsentiere eine „einzigartige, innovative und ambitionierte Vision“. Die Menschenrechtslage wird als „mittelmäßig“ eingestuft. Ein Hohn.

Humans Rights Watch spricht von einem „gefälschten Evaluierungsprozess der Fifa“, der „unvorstellbare menschliche Kosten verursachen würde, einschließlich negativer Auswirkungen auf Wanderarbeiter und ihre Familien“.

Kein freier Diskurs in Saudi-Arabien

In Saudi-Arabien arbeiten laut Human Rights Watch rund 13 Millionen migrantische Arbeiter:innen, die deshalb gekommen sind, weil sie in ihren Heimatländern nur einen Bruchteil von dem verdienen würden, was sie im Königreich überwiesen bekommen.

Das Auswärtige Amt der Bundesregierung schreibt über den Wüstenstaat: „Das Reformprogramm ,Vision 2030’ bewirkt seit einigen Jahren einen gesellschaftlichen und sozialen Wandel, der sich unter anderem positiv auf Frauenrechte auswirkt. Ein freier gesellschaftlicher Diskurs findet jedoch nicht statt.“ Kritische Fachleute urteilen über die absolute Monarchie, regelmäßig würden Strafen wie Amputation, Steinigung, Auspeitschung und die Todesstrafe vollzogen. Tiefpunkt: Die Hinrichtung und Zerstückelung des Regimekritikers Jamal Kashoggi. Laut Ergebnissen einer UN-Untersuchung sprechen alle Indizien dafür, dass der Kronprinz den Mord angeordnet und sein Geheimdienst ihn ausgeführt hat.

Die Situation im autokratisch geführten Königreich übertrifft in ihren Abgründen jene im benachbarten Emirat Katar, wo im Winter 2022 die Fußball-WM stattfand und zwei Jahre danach kaum noch jemand mit kritischem Blick auf die Menschenrechte guckt. Wohl kein Zufall, dass die Fifa just Ende November den mit 50 Millionen Dollar gefüllten „Nachhaltigkeitsfonds der WM 2022“ präsentierte, laut Infantino ein „bahnbrechendes Projekt“, laut Kritikern nicht mehr als ein Feigenblatt.

Die Gruppe „Fairness United“ findet, das Beispiel Katar habe den Beweis erbracht, dass eine Fußball-WM nicht für nachhaltige Verbesserungen der Menschenrechtslage im Ausrichterland sorgt. Für kommenden Dienstag ruft das Bündnis zur Mittagszeit vor der DFB-Zentrale zur Protestaktion auf. Sprecher Bernd Beyer sagt: „Uns wurde vor Katar vorgeworfen, dass wir unsere Kritik zu spät formuliert haben. Deshalb wollen wir jetzt nicht schweigen.“ Bei dem Bewerbungsverfahren mit Saudi-Arabien als einzigen Kandidaten handele es sich um ein „unwürdiges Schauspiel“.

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