VonDaniel Michelschließen
Thomas Müller hatte vor, eine weitere Saison beim FC Bayern zu verbringen und setzte auf Sportchef Max Eberl. War der 35-Jährige zu naiv?
München – „Raumdeuter“: Auch international ist der Spitzname von Thomas Müller geläufig. Es gibt kaum einen Profi-Fußballer auf der Welt, der Situationen im Offensivbereich besser vorhersieht und mit seiner unorthodoxen Spielweise überraschende Momente kreiert.
Auch in Sachen Vertragsverhandlungen war Müller stets ein abgezockter Profi. Er kokettierte zum Beispiel mit einem 100-Millionen-Euro Angebot von Manchester United, blieb aber natürlich beim FC Bayern.
Wenn er zu selten spielte, wie unter Trainer Niko Kovač, deutete er den Klub-Bossen seinen Abgang an, um natürlich doch zu bleiben und den nächsten Bayern-Trainer zu überleben.
Kein neuer Vertrag beim FC Bayern: Hat sich Müller verzockt?
Doch was war nun mit Müller los? Sein Karriereende beim FC Bayern ist für den Sommer besiegelt, aber er wollte noch eine Saison für die Münchner auflaufen! Dem Vernehmen nach trug sich das dramatische Müller-Aus in etwa so zu:
In der Hinrunde einigten sich beide Parteien darauf, in der Rückrunde über eine mögliche Vertragsverlängerung zu sprechen.
Im Januar bekam dann Müller von Sportvorstand Max Eberl sinngemäß gesagt, dass er es sich quasi aussuchen könne, was er beim FC Bayern noch machen möchte. Eberl sagte dies sogar öffentlich – und revidierte seine Worte erst am vergangenen Sonntag.
Dann sprach sich im Hintergrund mindestens Ehrenpräsident Uli Hoeneß gegen einen neuen Vertrag für Müller aus. Hoeneß tat dies auch öffentlich kund – ausgerechnet bei einer Filmpremiere von Müller.
Doch offenbar machte dieses Verhalten Müller nicht unruhig. Er wartete ab. Im März soll er dann die Tendenz übermittelt bekommen haben, dass es nichts mit einem neuen Vertrag wird.
Müller wurde zu spät wachgerüttelt
Doch erst die Medienberichte vor zwei Wochen von seinem endgültigen Aus beim FC Bayern sollen Müller wachgerüttelt haben. Da war es dann aber schon zu spät für den Weltmeister von 2014 und zweifachen Champions-League-Sieger.
Vorstandsvorsitzender Jan-Christian Dreesen handelte mit Müller vergangene Woche nur noch einen Kompromiss aus, der dem Stürmer zumindest finanziell etwas den Abschied versüßt.
Es wirkt so, als wäre Müller stets in einer passiven Rolle gewesen und ließ geschehen, was mit ihm (nicht) geschehen sollte. Dazu sind viele Fragen zu stellen.
Müller bekannte sich lange Zeit nicht zum FC Bayern
Warum eierte Müller selbst öffentlich lange herum und bekannte sich nicht klar zum FC Bayern? Noch im Februar sagte er über seine Zukunft: „Mal schauen.“ Eine deutliche Aussage wie „Ich liebe den FC Bayern und will sehr gerne noch eine Saison in München spielen“, war da noch nicht zu vernehmen. Auch im November 2024 ließ er nur ausrichten, es gebe viele Optionen für ihn, aber er wolle sich noch auf nichts festlegen.
Zudem hätte Müller jederzeit auf die zahlreichen Gerüchte über einen möglichen Vereinswechsel klar Position beziehen können –tat er aber nicht.
Mit mehr Klarheit bei sich selbst hätte Müller offensiver für sich und einen neuen Vertrag werben können. Man stelle sich vor, Müller hätte ab Dezember 2024 klar formuliert, beim FC Bayern einen neuen Vertrag haben zu wollen: Millionen Fans des FC Bayern hätten enormen Druck auf die Vereinsführung ausüben können.
Fall von Niko Kovač als Vorbild?
Die Klub-Führung fällt nämlich in ihren Entscheidungen manchmal auch sehr schnell um, wenn Fans Druck ausüben. Vor dem letzten Spieltag der Saison 2018/19 kursierte beispielsweise die Meldung, Trainer Niko Kovač werde auf jeden Fall entlassen, selbst wenn er das Double noch hole.
In der Allianz-Arena folgte ein enormer Solidarisierungseffekt mit dem Coach. Im spektakulären Spiel gegen Eintracht Frankfurt wurde die Meisterschaft gesichert und das komplette Stadion rief schon mehrfach während der Partie lautstark den Namen von Kovač. In der Folge durfte der Trainer zunächst bleiben, auch wenn durch schwache Ergebnisse im Winter 2019 dann trotzdem Schluss für den Kroaten war. Müller hätte eine ähnliche Reaktion auslösen können.
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Hätte Müller auf viel Geld verzichtet?
Ebenso signalisierte Müller nicht deutlich genug, dass er von seinem Jahresgehalt von rund 17 Millionen Euro deutlich heruntergehen würde. Hätte der Multimillionär auch für fünf Millionen Euro Jahresgehalt beim FC Bayern gespielt?
Denn dann wäre es auch ein lohnendes Geschäft für die Münchner gewesen. Ein Müller-Abschiedstrikot, das sich von Peking bis Bad Reichenhall über eine Saison hunderttausende Mal verkauft, hätte das niedrigere Gehalt von Müller locker eingespielt.
Hinzu kommt: Müller hätte auch sportlich noch mehr betonen können, dass er mit relativ wenigen Einsatzminuten zurechtkomme und keinen Ärger bereite. Für Einwechslungen bei hohen Führungen wäre Müller sicherlich auch in der kommenden Saison noch vermarktbar gewesen.
Hamann stellt Theorie zu zögerlichem Müller auf
Warum Müller nicht in aller Deutlichkeit frühzeitig intern wie öffentlich klargemacht hat, dass er noch ein Jahr beim FC Bayern spielen will, bleibt seine Verantwortung.
In diesem Zusammenhang hat Experte Dietmar Hamann eine These aufgestellt, die sinngemäß wie folgt lautet: Müller habe gemeinsam mit seinem Berater, dem Ex-Bayern-Profi Ludwig Kögl, bewusst lange im Vertragspoker abgewartet nach dem Motto: Je knapper die Zeit für die Bayern-Bosse hin zur neuen Saison wird, desto eher fühlen sich die Verantwortlichen dazu gezwungen, Müller doch einen neuen Vertrag zu geben.
Im Ergebnis bleibt: Der „Raumdeuter“ Thomas Müller hat sich kurz vor dem Ende seiner Karriere verzockt. Das ist für ihn schmerzlich, aber auch für viele Fans des FC Bayern.
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