VonDaniel Michelschließen
Ein Ex-Bayern-Co-Trainer empfiehlt Thomas Müller an Inter Mailand. Der Gegner der Münchner in der Champions League hat ein besonderes Markenzeichen.
München – Wenn in Deutschland ein Spieler über 30 Jahre alt ist, kommen schnell Vorurteile auf: Ist zu alt, zu langsam und zu oft verletzt. Diese Klischees werden auch von zahlreichen Berichterstattern verbreitet. Dabei kann man den Eindruck gewinnen: Je öfter ein Spieler diese Sätze über sich hört und liest, desto mehr glaubt er meist selbst daran, dass es nicht mehr für den Spitzenfußball reicht.
Dabei ist dieses Urteil in Gänze Schwachsinn. Es zählt die Qualität, nicht das Alter. Und es kommt natürlich auf den Einzelfall an. Im internationalen Topfußball wimmelt es an Stars, die mit rund 35 Jahren und älter noch Top-Leistung abliefern.
Lothar Matthäus wurde mit 38 Jahren beim FC Bayern noch „Fußballer des Jahres“
Das galt früher zum Beispiel für Lothar Matthäus – mit 38 wurde er 1999 noch zum „Fußballer des Jahres“ in Deutschland gewählt. Und auch aus der jüngeren Vergangenheit lassen sich zahlreiche Beispiele aufzählen.
Lionel Messi führte Argentinien 2022 im Alter von 35 Jahren zum WM-Titel. Giorgio Chiellini war 36 Jahre, als er als Kapitän mit Italien 2021 Europameister wurde. Luka Modrić, jetzt 39 Jahre, gehörte die vergangenen Jahre noch zu den Top-14-Spielern von Real Madrid, das mehrfach die Champions League gewann.
Wie lange hält Kane beim FC Bayern noch durch?
In Deutschland dagegen wird Thomas Müller mit 35 Jahren gerade beim FC Bayern abgesägt und schon als „Fußball-Opa“ angesehen. Ob er am Dienstagabend gegen Inter zum Einsatz kommt, das ist ungewiss. Auch beim 31 Jahre alten Harry Kane wird schon geunkt, lang könne der Stürmer sein Top-Niveau nicht mehr halten. Tatsächlich ist es so, dass der FC Bayern nicht mehr viele Spieler im Alter von über 30 Jahren in seinen Reihen besitzt.
Da bilden die Torhüter Manuel Neuer (39) und Sven Ulreich (36) fast schon die Ausnahme. Neben Müller (35) und Kane (31) sind noch Raphael Guerreiro (31) und Eric Dier (31) über 30 Jahre alt. Das war es aber auch schon!
Inter Mailand als „Senioren-Truppe“?
Inter Mailand wirkt im Gegensatz dazu fast wie eine Senioren-Truppe. Das ist gar nicht böse gemeint in diesem Artikel, sondern nett im Vergleich zur vom Jugendwahn getriebenen deutschen Fußball-Gesellschaft. Inter hat mit einem Altersschnitt von 29,7 Jahren den ältesten Kader aller Champions-League-Viertelfinalisten und stellt auch in der Serie A die älteste Mannschaft.
Dieses Markenzeichen gehört zu der Erfolgsgeschichte des neuen Inter dazu, das in den vergangenen vier Jahren zweimal Meister wurde und einmal das Finale der Champions League erreichte.
Yann Sommer, ein Ex-Bayern-Profi, lässt mit seinen 36 Jahren im Tor kaum Gegentreffer zu. In der Königsklasse sind es erst zwei. Stefan de Vrij ist 33 Jahre alt und räumt als Stammspieler in der Abwehr sehr viel weg. Der Ex-Dortmunder Henrikh Mkhitaryan erhält die viertmeisten Einsatzminuten im Inter-Kader und ist bereits 36 Jahre alt.
Hinzu kommen Ü-30er wie der Deutsch-Türke Hakan Çalhanoğlu (31) oder Verteidiger Matteo Darmian (35), die ebenfalls regelmäßig zum Einsatz kommen. Auch das „enfant terrible“ Marko Arnautović hat mit 35 Jahren seine festen Spielminuten als „Joker“.
Inter zieht auch junge Spieler mit hoch
Inter setzt seine alternden, aber fitten Stars in verschiedener Weise regelmäßig und zielgenau ein. Vor allem kommt ihnen aber auch eine Führungsaufgabe zu. In jedem Mannschaftsteil ziehen die Routiniers auch mindestens einen Weltklasse-Profi im mittleren 20er-Alter herauf, wie etwa die Achse Alessandro Bastoni (25), Nicolò Barella (28) und Lautaro Martínez (27) belegt.
Fairerweise ist zu erwähnen, dass der FC Bayern mit einem Altersdurchschnitt von 27,7 Jahren auch einen hohen Wert aufweist, aber er setzt sich ganz anders zusammen. Stammspieler über 30 sind nur Torwart Manuel Neuer (39) und Stürmer Harry Kane (31) – Thomas Müller liegt den Einsatzzeiten nach im Bayern-internen Ranking nur auf Platz 16.
Und so sortieren die Bayern mit Müller ihre nächste Identifikationsfigur, ihren nächsten „Opa“ aus, der mit 35 Jahren womöglich noch immer 20, 30 Minuten Top-Fußball abliefern kann.
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Passt Thomas Müller zu Inter Mailand?
Daher hat der ehemalige Co-Trainer des FC Bayern (1994/95), Massimo Morales, auch eine naheliegende Idee. Bei der Sport1-Sendung „Spotlight“ schlug er vor: „Inter ist immer auf der Suche nach ablösefreien, erfahrenen Spielern. Arnautović ist ein Beispiel, Thomas Müller könnte ein Beispiel werden. Warum nicht? Ich habe jetzt nichts gehört, aber das ist meine Idee. Wenn ich einen erfahrenen Spieler für die letzten 20 Minuten brauche, der weiß, worum es geht, dann ist Thomas Müller perfekt.“
Oder zugespitzt formuliert: Müller wäre bei Inter quasi noch ein Jungspund.
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