Überraschungen & „Friedhofsstimmung“: Erkenntnisse zum Bayern-Sieg über St. Pauli
VonPeter Grad
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Nach der ersten Saisonpleite beim FC Arsenal mühte sich der FC Bayern zu einem 3:1-Comeback-Sieg über den FC St. Pauli. Dazu ein paar nicht nur neue Erkenntnisse.
München - Nach dem überragenden europäischen Saisonstartrekord mit 16 Pflichtspielsiegen und einem vorläufigen Höhepunkt mit dem 2:1-Auswärtssieg beim Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain befindet sich der FC Bayern gerade in der ersten etwas kritischeren Phase der Spielzeit 2025/26. Auch wenn sich diese Erkenntnis bei 18 Siegen aus 20 Partien fast schon aberwitzig anhört, muss man dennoch quittieren, dass sich der Rekordmeister derzeit in unterschiedlichen Konstellationen spielerisch nicht mehr so leicht tut wie noch vor ein paar Wochen.
Die fast schon unglaubliche Spielfreude scheint ein klein wenig abhandengekommen zu sein. Die Tendenz der letzten Spiele setzte sich auch in der Bundesliga-Heimpartie gegen den abstiegsgefährdeten FC St. Pauli fort. Spieler, die jüngst noch für „Weltklasseleistungen“ gefeiert wurden, haben eine kleine Formdelle.
Formschwache FCB-Leistungsträger, die Mentalität aber stimmt
Harry Kane, der zuletzt in allen Wettbewerben Tore wie am Fließband erzielte, hat derzeit etwas Ladehemmung und auch seine zuletzt so begeisternden Spielmacher-Qualitäten wurden von Kiezkickern über die gesamte Spielzeit äußerst wirkungsvoll eingedämmt. Arbeitsbiene Konrad Laimer wurde jüngst plötzlich ein ungewohnter Star-Status zugesprochen.
Aktuell befindet er sich in einem Formtief. Auch Jungstar Aleksandar Pavlović zeigte sich gegen die Hamburger auffallend fehleranfällig, Josip Stanišić teilweise unkonzentriert, Tom Bischof nicht in der Form, mit der er zuletzt noch begeisterte. War bis einschließlich PSG-Coup Anfang des Monats ein Münchner Spielrückstand fast ausgeschlossen, findet Vincent Kompanys Truppe derzeit nur immer sehr schwer ins Spiel.
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Die Moral, die Mentalität, die Comeback-Qualitäten stimmen also. Auch in London konnte man auch das 0:1 egalisieren, dann in der zweiten Hälfte jedoch nicht mehr mithalten und ergebnistechnisch kontern. Gegen den vor dem Spieltag Tabellen-16. der Bundesliga wurde Abwehrchef Dayot Upamecano aus „Belastungsgründen“ geschont.
Obwohl er bislang in der zweiten Kompany-Saison überragend performt, kamen nach der Arsenal-Niederlage altbekannte Kritiken an ihm auf. Sein Fehlpass vor dem 1:2 wurde teilweise als Rückfall in fehlerhafte Zeiten bewertet. Wie sehr sein glänzender Spielaufbau, aber auch seine hohe Geschwindigkeit im Bayern-Spiel gegen tief stehende Gegner fehlen, wurde beim mühsamen 3:1 eindrucksvoll nachgewiesen.
Wie geht der Weg des FC Bayern weiter?
Positive Erkenntnisse lieferten beim „Abnützungskampf“ gegen die Paulianer als Torschützen zwei Spieler, die medial bereits früh in der Saison als wahrscheinliche Abschiedskandidaten im nächsten Sommer gehandelt werden. Dabei sind die Statistiken von Raphaël Guerreiro und Nicolas Jackson – vor allem gemessen an ihren nicht so üppigen Einsatzzeiten – absolut überzeugend.
Der Leihspieler vom FC Chelsea war bislang in 15 Spielen an sechs Toren beteiligt: Fünf Treffer, ein Assist. Bei lediglich 464 Spielminuten bedeutet dies einen Scorerpunkt alle 77 Minuten. Noch beeindruckender sind aufgrund seiner defensiveren Position die Werte des ehemaligen portugiesischen Nationalspielers: 13 Spiele (516 min.) – drei Tore – drei Assists, eine Torbeteiligung alle 86 Minuten.
Kein positives Highlight lieferte am 12. Spieltag erneut die Fankurve des FC Bayern. Natürlich haben einige der von ihnen vorgebrachten Protestnoten in Form von riesigen Bannern absolute Berichtigung. Die diesbezüglich immer größeren Ausmaße lassen die Südkurve der Allianz Arena aber immer mehr zum Politbüro mutieren, welches seine eigentliche Kernkompetenz, den Support der eigenen Mannschaft, teils erheblich vernachlässigt.
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Dass viele Beschwerden in einem ziemlich beleidigenden Ton verfasst werden, sichert der Süd außerdem keineswegs die Unterstützung der übrigen Stadionfans und ob dies in einer anstehenden politischen Debatte hilfreich sein wird, muss auch bezweifelt werden. Im zweiten Bundesliga-Heimspiel in Folge ist der FCB in der zwölfminütigen Protest-Schweigephase nun in Rückstand geraten.
Diese „Friedhofsstimmung“ lähmte das Team jeweils ziemlich auffällig. Dabei hätte es nach der Londoner Pleite und ihren offensichtlichen Nachwirkungen – mental wie physisch – durchaus von Spielbeginn an einen massiven Fan-Support gebrauchen können. Den Gästen aus Hamburg spielte genau das in die Karten.
Die mitgereisten St.-Pauli-Fans bejubelten übrigens den Führungstreffer ihrer Mannschaft in dieser Phase dennoch frenetisch – und zählten die letzten Sekunden vor Ablauf der zwölf Minuten herunter und waren dann phonetisch sofort für ihr Team auf dem Spielfeld da. Die Südkurve benötigte dagegen satte zwei Minuten, um vom Protest- in den Stimmungs-Modus zurückzufinden.
Und der fiel dieses Mal zudem über fast die gesamte Spielzeit sehr mäßig aus. Dabei ist die Fanszene hinsichtlich ihrer Performance auf den Rängen durchaus selbstkritisch und sie wird wissen, dass diesmal Ihre Leistung – ausgerechnet gegen die Kiez-Freunde – die schwächste der gesamten Saison war. Leistungsfördernd für die Bayern-Profis war das in dieser Partie keineswegs – auch ein Ansatz für kurzfristige erhebliche Verbesserungen.