Mitspracherecht verkauft

Vogt-Aus im VfB-Aufsichtsrat schreibt nächstes Kapitel im Kampf der Kulturen

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Beim VfB Stuttgart geht der Kampf der Kulturen in die nächste Runde. Eine kommentierende Analyse rund um die Absetzung von Claus Vogt als Aufsichtsratsvorsitzender.

Stuttgart - „Habt ihr uns verkauft?“, so lautete schon die klare Frage der aktiven Fanszene des VfB Stuttgart, die am Rande der Partie gegen den 1. FC Union Berlin ein Banner hisste. Paar Tage später würden die Anhänger diese Frage jedenfalls mit Ja beantworten, denn Claus Vogt, der von den Mitgliedern gewählte und im Amt bestätigte Präsident, wurde als Aufsichtsratsvorsitzender der AG abgesetzt. Das Amt übernimmt ab sofort die ehemalige CDU-Politikerin Tanja Gönner.

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Porsche scheint den Kurs beim VfB Stuttgart vorzugeben

Damit wurde in den Augen vieler Mitglieder ein zentrales Versprechen gebrochen, das ihnen 2017 im Rahmen der Ausgliederung mündlich gegeben worden war: dass der Präsident des e.V. immer auch gleichzeitig den Vorsitz im Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft innehat.

Ein Versprechen, das die Investoren nicht kümmert. Im Gegenteil: VfB-Neuinvestor Porsche, der 41,5 Millionen Euro in den Klub aus Bad Cannstatt pumpen soll, forderte sogar eine Neubesetzung des Vorsitzes. Dabei bekam der Sportwagenbauer Unterstützung von Ankerinvestor Mercedes. Beide Automobilunternehmen haben jeweils zwei Vertreter im VfB-Aufsichtsrat, der insgesamt aus elf Funktionären besteht. Am Ende soll Vogt, dem seit Längerem ein chaotischer Führungsstil vorgeworfen wird, nur noch zwei Verbündete gehabt haben.

Claus Vogt verliert Machtkampf um den Aufsichtsratsvorsitz beim VfB Stuttgart

Zu wenige. Um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, machte Porsche deutlich, zumindest selbst kein Interesse am Chefposten zu hegen und somit kam die als im Streit neutral geltende Gönner ins Spiel. Doch wie kam es überhaupt zu dieser Situation? Längst liegt der Verdacht nahe, dass Vogts Absetzung eine Voraussetzung für den Porsche-Deal gewesen sein könnte.

Ein Porschesprecher teilte der Stuttgarter Zeitung schon am 28. Februar mit: „Nach intensiven Gesprächen mit Claus Vogt und den Mitgliedern des Aufsichtsrates möchte Porsche – wie von Claus Vogt zugesagt – einen Neuanfang im Aufsichtsrat mit einem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden, der idealerweise aus dem Kreis der vom e. V. gestellten Aufsichtsratsmitglieder stammen sollte.“

Hinsichtlich dieser Neuausrichtung soll außerdem von allen Aufsichtsratsmitgliedern eine Absichtserklärung unterschrieben worden sein. Wie der kicker berichtet, soll Vogt seine mit einem Zusatz versehen haben, dass zunächst die Mitglieder befragt werden müssten. Rechtlich bindend war diese Erklärung jedoch nicht und somit ist Vogt seit einer Sitzung des Gremiums am Dienstag (12. März) nicht mehr Vorsitzender, sondern nur noch einfaches Mitglied des Aufsichtsrats.

Claus Vogt (2.v.l.) wurde bei der Mitgliederversammlung 2023 von den VfB-Mitgliedern im Amt des Präsidenten bestätigt.

Mitglieder des VfB Stuttgart wurden geschwächt

Und was ist mit den Mitgliedern des e.V., die mit ihrer Stimme der Ausgliederung der Profiabteilung in eine AG zugestimmt haben und damit den Einstieg von Unternehmensgrößen wie Porsche und Mercedes erst ermöglichten? Deren Meinung spielt faktisch, dies zeigten die Geschehnisse rund um Vogts Absetzung, keine Rolle. Unabhängig vom Machtverhältnis im Aufsichtsrat, das theoretisch zugunsten der e.V.-Vertreter ausfällt, setzen sich, wenn es darauf ankommt, offenbar die Geldgeber durch.

Logisch, könnte man sagen. Schließlich geht es im Fußball vor allem ums Geld. Doch es ist ein weiteres Kapitel im Kampf der Kulturen des Ballsports: Wer hat im Fußball das Sagen? Die Mitglieder oder die Funktionäre? In Stuttgart haben die Mitglieder seit Dienstag jedenfalls an Macht verloren und müssen eine Lehre ziehen: Ist es möglich, werden sie umgangen und eine mündliche Absprache hält Funktionäre davon nicht ab.

Rubriklistenbild: © Hansjürgen Britsch/IMAGO

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