VonIngo Durstewitzschließen
Die Stärke von Eintracht Frankfurt hängt entscheidend davon ab, ob der Überflieger in der kommenden Saison für die SGE spielt oder nicht.
Frankfurt - Eine Welle der Begeisterung schwappt bereits durch Frankfurt, ohne dass überhaupt nur ein Flachpass halbwegs unfallfrei über den Rasen im Stadtwald gehoppelt ist. „Diva im Aufbruch“, titelt das Fachblatt Kicker am Montag über seiner Eintracht-Story und will eine ganz andere Stimmung ausgemacht haben. Im Verein und um ihn herum herrsche wieder eitel Sonnenschein, Zuversicht und Vorfreude. Der zusammengestellte Kader sei „spannend und vielversprechend“ und in der Konstellation stark genug, um Platz vier anzugreifen. In der Frage der Woche fragt das Magazin seine Leser:innen prompt: „Schafft Eintracht Frankfurt den Sprung zurück in die Champions League?“ Die Stimmverteilung hielt sich auf der Internetseite am Montag so ziemlich die Waage.
Das Internetportal Sport1 geht noch einen Schritt weiter, wertet die jüngsten Verpflichtungen der gestandenen Spieler Robin Koch und Ellyes Skhiri als „Ausrufezeichen“ und beschreibt die Aktivität auf dem Transfermarkt als „Großangriff“. Die Conclusio aus all dem: „Die Champions League ist für Eintracht Frankfurt fast schon Pflicht!“ Das kann man so sehen. Muss man nicht.
Ist die Königsklasse für Eintracht Frankfurt drin?
Fakt ist, dass Sportvorstand Markus Krösche und Sportdirektor Timmo Hardung in der Tat einen „spannenden und vielversprechenden“ Kader gebaut haben. Die größten Schwachpunkte sind erkannt und, bei aller Vorsicht, entsprechend ausgemerzt worden. Es sind kluge Deals getätigt worden. Kein Mensch käme etwa auf die Idee und würde den ablösefreien (natürlich mit einem schönen Handgeld forcierten) Wechsel des Kölners Skhiri nach Frankfurt in Zweifel ziehen.
Der 28-Jährige war der beste Mittelfeldspieler der abgelaufenen Saison, hat eine hervorragende Mentalität und eine tadellose Einstellung. Da kann man nicht viel falsch machen. Auch Ex-Nationalspieler Koch ist ein Transfer, der durchaus Sinn macht. Der 26-Jährige bringt Führungsqualität, Emotionalität und auch eine gewisse Körpergröße (1,91 Meter) mit. Das ist nicht zu unterschätzen, die Eintracht hatte in der vergangenen Saison ein relativ kleines Team beisammen. Eine fast schon beängstigende Anfälligkeit bei Standards war die Folge.
Eintracht Frankfurt ist für viele Profis spannend
Und auch die anderen Transfers sind interessant. Als Ndicka-Ersatz kommt Willian Pacho aus Antwerpen, der 21-Jährige gilt als starker, aber immer noch entwicklungsfähiger Verteidiger. Offensivkraft Omar Marmoush, 24 heuert ablösefrei aus Wolfsburg an, und Schweden-Talent Hugo Larsson gilt mit seinen 19 als Rohdiamant. Schon im Winter kam Paxten Aaronson aus den Staaten, der schon ein halbes Jahr Bundesligaluft schnuppern konnte. Das wird ihm helfen.
Gerade Skhiri und Koch haben sich ganz bewusst gegen besser dotierte Angebote entschieden, weil das Projekt Eintracht spannend ist und aus sich heraus überzeugt, weil ihnen nicht das Blaue vom Himmel erzählt, sondern ihnen glaubhaft Perspektiven aufgezeigt wurden. Jeder weiß und jeder sieht, was möglich ist an diesem Standort und welche Entwicklung der einzelne Spieler und dadurch der Verein nehmen kann.
Die Ansprüche von Eintracht Frankfurt steigen
Koch erhofft sich durch die Eintracht ein Comeback in der Nationalmannschaft, Skhiri sprach davon, dass er gerne um Titel mitspielen möchte. Das sind hohe Ansprüche, die sich mit denen des Klubs decken. Die offensive Postulierung großer Ziele von Sportchef Krösche („Wollen regelmäßig international spielen“) ist vielleicht nicht branchenüblich und nicht alle finden das toll, doch was spricht dagegen?
Die größten Transfer-Flops von Eintracht Frankfurt




Es ist richtig, sich nicht kleiner zu machen als man ist und permanent tiefzustapeln. Die Entwicklung in den vergangenen Jahren, der dramatisch gestiegene Kaderwert, der Lizenzspieleretat und auch die Ausgaben lassen ja eigentlich gar keine anderen Vorgaben zu. Die Verantwortlichen lassen sich daran messen. Das ist gut so. Gleichwohl: Der Druck nimmt dadurch gewiss nicht ab.
Luft nach oben im Kader von Eintracht Frankfurt
Ist diese Mannschaft also stark genug, um sich für die Champions League zu qualifizieren. In der derzeitigen Besetzung ist das keine Utopie, von daher sind die eingangs beschriebenen Einschätzungen sicher nicht falsch oder tollkühn. Gewagt sind sie dennoch. Denn keiner weiß, ob das die Mannschaft sein wird, die auch im September noch zusammen ist.
Zudem hat das Aufgebot auf einigen Positionen Luft nach oben. Die Außenverteidiger Philipp Max und Aurelio Buta sind solide Spieler mit Drive nach vorne. Aber die Sterne haben sie noch nicht vom Himmel gespielt. Top-vier-Niveau sieht anders aus. Und nicht zu vergessen: Die Belegschaft der Offensive wird bis zum Ende der Transferperiode Anlass zu Spekulationen geben. In Daichi Kamada ist ein Spieler weg, der allein in der vergangenen Saison an 23 Pflichtspieltoren beteiligt war. Betrachtet man die letzten vier Spielzeiten, so hat der Japaner seinen Beitrag zu 73 Toren geleistet. Das muss man erst mal ersetzen.
Situation von Eintracht-Star Kolo Muani wie einst bei Jovic und Kostic
Und was wird aus Jesper Lindström, der mit seinem Tempo ein wichtiger Faktor im Angriffsspiel ist? Intern gehen die Verantwortlichen von einem Abgang aus. Der würde immerhin 35 bis 40 Millionen Euro bringen, die dann – zum Teil – klug reinvestiert werden müssten. Das größte Fragezeichen steht hinter Randal Kolo Muani, dem Überflieger aus Frankreich. Mit ihm steht und fällt die Bewertung und die tatsächliche Stärke des Kaders. Der 24-Jährige ist der Unterschiedsspieler. Bleibt er noch ein Jahr in Frankfurt und kommt halbwegs verletzungsfrei durch die Saison, ja, dann ist dem Team vielleicht nicht alles, aber doch sehr, sehr viel zuzutrauen, auch eine Platzierung in den Top-vier. Geht er aber doch, ist die Frage, wann – und wie Sportchef Krösche ihn womöglich auf die Schnelle ersetzen kann. Klar ist: Wenn ein Großklub ernst macht, wird Kolo Muani nicht zu halten sein. Das war bei allen so: Jovic, Haller, Rebic, Silva, Kostic. Und dann? Wären zwar 100 Millionen auf dem Konto, aber mit einem Schlag alles anders. Eben nur nicht besser. (dur)
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