Enges Duell in Frankfurt

Santos gegen Trapp: Zeit für den Wechsel im Eintracht-Tor?

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Bei Eintracht Frankfurt herrscht ein erbitterter Wettbewerb auf allen Ebenen. Im Tor gibt es ein Rennen zwischen Kapitän Kevin Trapp und Kaua Santos.

Frankfurt – Es waren Momente, die im Saisonrückblick von Eintracht Frankfurt definitiv auftauchen werden. Am Sonntagabend um 18.13 Uhr warf der VfL Bochum beim Stand von 1:2 alles nach vorne und wagte einen allerletzten Versuch, die Niederlage abzuwenden. Und so kam es zu einer Wahnsinnstat, einem Monsterreflex, einer Weltklasseparade – suchen Sie sich den Begriff gerne aus – von Kaua Santos.

Der Brasilianer stand Aug in Aug mit Dani de Wit und er kratzte den wuchtigen Kopfball aus rund sieben Metern spektakulär von der Linie. Nachdem die Aktion schließlich mit einem Fehlschuss von Moritz Broschinski geendet hatte, konnte Santos seine ganz Freude herausbrüllen. Er hob förmlich ab bei seinem Jubellauf. Seine Glanztat bildete schließlich der Grundstein für die wichtigen drei Punkte im Rennen um die Champions League. Der 21-Jährige rettete dem Klub beim VfL mit vielen spektakulären Paraden den Erfolg.

Kaua Santos und Kevin Trapp haben ein enges Verhältnis.

Trainer Dino Toppmöller wurde somit mit einem Thema konfrontiert, welches eigentlich erst im Sommer richtig Fahrt hätte aufnehmen sollen. Santos aber meldete sich nach seinem desolaten Auftritt gegen Mainz 05 (1:3) mit einer guten Performance in der Europa League gegen Ajax Amsterdam (4:1) und nun eben mit diesem herausragenden Auftritt in Bochum zurück. Der wegen einer Schienbeinverletzung ausfallende Kevin Trapp musste mit ansehen, wie der Herausforderer Pluspunkte sammelte.

Die Frage, die unweigerlich auftaucht: Ist die Zeit für die Wachablösung schon jetzt gekommen? Absolut Fußball, das Fußballportal von Home of Sports, vergleicht die beiden Schlussmänner und beleuchtet fünf zentrale Punkte.

1. Aktuelle Performance im Eintracht-Tor

Trapp spielt mitnichten eine schlechte oder schwache Saison. Der 34-Jährige wehrte 72,6 Prozent der Bälle, die auf sein Tor kamen, ab und wird damit nur von drei Schlussmännern, die mindestens acht Partien absolviert haben, in der Fußball-Bundesliga übertroffen.

Allerdings fällt bei Trapp die große Schwäche bei langen Bällen (29 Prozent kamen an) auf. Santos (32 Prozent) ist zwar auf den ersten Blick bislang nur minimal besser. Doch schon in Bochum wurde er in dieser Disziplin sicherer und brachte 53,33 Prozent (!) seiner 15 langen Pässe beim Mitspieler an. Es ist also eine Frage der Zeit, bis sein Durchschnittswert nach oben schnellt.

Vom Römerberg zum Hauptbahnhof: Ajax-Fans marschieren friedlich durch den Nieselregen

Bei Nieselregen durch das Bahnhofsviertel – am Nachmittag marschierten die Fans von Ajax Amsterdam vom Römerberg zum Frankfurter Hauptbahnhof.
Bei Nieselregen durch das Bahnhofsviertel – am Nachmittag marschierten die Fans von Ajax Amsterdam vom Römerberg zum Frankfurter Hauptbahnhof. © Lukas Scherhag
Bei Nieselregen durch das Bahnhofsviertel – am Nachmittag marschierten die Fans von Ajax Amsterdam vom Römerberg zum Frankfurter Hauptbahnhof.
Bei Nieselregen durch das Bahnhofsviertel – am Nachmittag marschierten die Fans von Ajax Amsterdam vom Römerberg zum Frankfurter Hauptbahnhof. © Lukas Scherhag
Bei Nieselregen durch das Bahnhofsviertel – am Nachmittag marschierten die Fans von Ajax Amsterdam vom Römerberg zum Frankfurter Hauptbahnhof.
Bei Nieselregen durch das Bahnhofsviertel – am Nachmittag marschierten die Fans von Ajax Amsterdam vom Römerberg zum Frankfurter Hauptbahnhof. © Lukas Scherhag
Bei Nieselregen durch das Bahnhofsviertel – am Nachmittag marschierten die Fans von Ajax Amsterdam vom Römerberg zum Frankfurter Hauptbahnhof.
Bei Nieselregen durch das Bahnhofsviertel – am Nachmittag marschierten die Fans von Ajax Amsterdam vom Römerberg zum Frankfurter Hauptbahnhof. © Lukas Scherhag
Bei Nieselregen durch das Bahnhofsviertel – am Nachmittag marschierten die Fans von Ajax Amsterdam vom Römerberg zum Frankfurter Hauptbahnhof.
Bei Nieselregen durch das Bahnhofsviertel – am Nachmittag marschierten die Fans von Ajax Amsterdam vom Römerberg zum Frankfurter Hauptbahnhof. © Lukas Scherhag

Das Momentum liegt auf Seiten von Santos. Trapp erlebt, auch wegen seiner zuvor schon auftauchenden Probleme am Schienbein, eine schwierige Phase. Er patzte in der Liga in München (0:4) schwer und sah auch im Hinspiel der Europa League bei Ajax (2:1) überhaupt nicht gut aus. Die Schwächen im Spielaufbau fallen dadurch noch gravierender auf. Daher: Punkt für Santos

2. Erfahrung der Frankfurt-Keeper

320 Bundesliga-, 63 Ligue-1-, 44 Europa-League-, 28 DFB-Pokal- und 20 Champions-League-Partien ist der neun-fache Nationaltorhüter Trapp schwer. Er ist Europa-League-Held der Hessen und kennt alle Situationen, seine Fußabwehr im Endspiel gegen die Glasgow Rangers zeugte von großer Nervenstärke. Dieser Erfahrungsschatz kann dann, wenn es hart auf hart kommt, Gold wert sein.

Santos fehlt diese Reife natürlich noch. Er kam vor knapp 20 Monaten aus Brasilien nach Deutschland und stand bisher in allen Wettbewerben neunmal zwischen den Pfosten. Wie geht er damit um, wenn es plötzlich in einem K.o.-Spiel um alles geht und jeder noch so kleine Fehler entscheidend sein kann? Bewahrt Santos dann kühlen Kopf? Punkt für Trapp

3. Binnenklima bei der Eintracht

Trapp ist nicht nur Kapitän der Mannschaft, er wurde seit seiner Rückkehr aus Paris vor knapp sieben Jahren zum Gesicht des Klubs aufgebaut und widerstand auch zwischenzeitlichen finanziell attraktiven Lockrufen von Manchester United. Der gebürtige Saarländer beherrscht sechs Sprachen und kann dadurch mit allen Mitspielern kommunizieren. Eine öffentlich kommunizierte Degradierung kann zu enormen Spannungen führen, sie kann ein hochsensibles Binnenklima erschüttern und den medialen Druck deutlich erhöhen.

Diese emotionale Bindung zur Eintracht kann Santos in dieser kurzen Zeit noch nicht aufgebaut haben. Für den jungen Familienpapa ist der Wechsel nach Frankfurt ein Schritt in ein völlig neues Land, eine ganz andere Kultur gewesen. Santos hat sich inzwischen prima integriert, der Strahlemann ist beliebt im Team.

Der kultige Maskenjubel von Ex-Kollege Omar Marmoush war seine Idee. Doch bei aller Unbekümmertheit kann dieses großes „Juwel“ die Verantwortung, die Trapp trägt, noch gar nicht schultern. Er ist noch „Azubi“ und geht auf höchster Ebene erste Schritte. Punkt für Trapp

4. Stimmung im Umfeld der Eintracht

Die Partie in Bochum war noch keine ganze Halbzeit alt, da skandierte der Fanblock erstmals lautstark „Kaua Santos“! Der 1,96 Meter große Schlussmann, der bei seinen sechs Bundesligaeinsätzen durchschnittlich 4,6 Paraden zu verzeichnen hatte, hat die Herzen des Anhangs im Sturm erobert. Wenn er wie ein „Albatros“, wie ihn der kicker nannte, durch die Lüfte fliegt, halten Zuschauer die Luft an.

Auch in den sozialen Netzwerken ist die Lust auf weitere Auftritte des Talentes groß. Er weckt bei den Fans die Fantasie, dass man einen Torhüter mit Weltklasse-Potenzial in den eigenen Reihen hat. Einem jungen Keeper werden zudem Patzer schneller verziehen.

Trapp hat große Verdienste für den Klub. Er kam von Paris Saint-Germain in einer Zeit zurück, als die Frankfurter von der Strahlkraft her noch im Bereich der „grauen Maus“ einzuordnen waren. Der DFB-Pokal-Sieg 2018 sorgte zwar für den ersten Glanz, doch das Standing von heute hatte die Eintracht damals noch nicht. Trapp hatte seinen Anteil an dieser steilen Entwicklung.

Und doch erhält er nicht die uneingeschränkte „Liebe“ aller Fans, wie sie vor ihm Legenden wie Sebastian Rode, Makoto Hasebe, David Abraham oder Alex Meier bekamen. Die Dankbarkeit ist groß, er steht in den Geschichtsbüchern als einer der Europa-League-Helden. Und doch erhält er nicht von allen Seiten die Zuneigung, die seine Vorgänger mit der Binde bekamen.

Sollte sich Toppmöller für eine Wachablösung entscheiden, hielte sich der Aufschrei bei den Fans wohl im Rahmen. Die Anhängerschaft vertraut Santos, die bislang positiven Eindrücke überwiegen die Patzer, die es gab und, bei einem jungen Schlussmann üblich, möglicherweise weiterhin geben wird. Punkt für Santos

5. Eintracht muss die Zukunft im Blick haben

Absolut Fußball hatte zuletzt enthüllt, wie der zukünftige Plan der Eintracht auf der Torhüterposition aussieht. Santos nahm die Rolle als Nummer zwei für diese Saison an, ab Sommer sollte es einen offenen Konkurrenzkampf mit Trapp geben. Doch wird aus dem Schlussmann der Zukunft plötzlich schon der Schlussmann der Gegenwart?

Trapp jedenfalls hat nun die Zeit, sich vollständig auszukurieren. Er hatte sich trotz seiner Verletzung in den Dienst der Mannschaft gestellt, doch dann wurde es Toppmöller doch zu heikel. Der Coach entschied vor dem Rückspiel gegen Ajax daher, Trapp aus dem Tor zu nehmen. Einen halb-fitten Kapitän jedenfalls will Toppmöller nicht mehr ins Gehäuse stellen.

Der bis 2030 gebundene Santos hat die 180 Minuten zur Eigenwerbung genutzt und das Gesicht gezeigt, das die Fußballwelt schon in den Duellen bei Besiktas (3:1) und gegen den FC Bayern (3:3) begeisterte. Klar ist: Santos wird keine weitere Saison auf der Bank Platz nehmen. Sein Potenzial ist gewaltig, etliche Vereine aus der Premier League haben ihn bereits auf ihrem Radar.

Sofern Santos eine faire Chance erhält, will er bleiben und sich in Frankfurt zu einem Top-Torhüter entwickeln. Trapp selbst hat diesen Werdegang bei der Eintracht mitgemacht, als er Urgestein Oka Nikolov im Sommer 2012 verdrängte. Ist nun der Zeitpunkt gekommen, wo es ihm Santos gleichtut? Punkt für Santos

Kaua Santos hat im Tor von Eintracht Frankfurt Argumente gesammelt.

Santos hat die Nase im Eintracht-Vergleich knapp vorne

Auf der Anzeigetafel erscheint somit ein 3:2 für den Herausforderer. Toppmöller steht vor einer richtungsweisenden und schwierigen Entscheidung. Ein Wechsel auf der Torhüterposition ist immer mit Nebengeräuschen verbunden, vor allem dann, wenn es sich um eine Galionsfigur wie Trapp handelt, der den Klub irgendwann durch das große Tor verlassen sollte. Den Kapitän draußen sitzen lassen? Schwierig.

Aber auf allen Positionen gilt das Leistungsprinzip! Trapp hat viele Verdienste für die Eintracht. Allerdings kämpft er in den vergangenen 18 Monaten immer wieder mit körperlichen Problemen, zunächst am Rücken, dann am Oberschenkel und nun am Schienbein. Seiner Topform läuft er schon länger hinterher.

Die Verantwortlichen werden die Länderspielpause nutzen und zunächst einmal genau hinsehen, wie der Genesungsprozess bei Trapp verläuft. Eine überstürzte Entscheidung bei diesem sensiblen Thema hilft niemandem weiter. Denn klar ist auch: Topverdiener Trapp und auch Santos sind für eine ganze Spielzeit auf der Ersatzbank zu teuer. Es droht ein großer Einschnitt auf einer zentralen Position.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Oliver Vogler

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