Erinnerung an WM 2006 wird wach

Sommermärchen reloaded? Was Füllkrugs Tor vom Neuville-Moment unterscheidet

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Ein Treffer von Niclas Füllkrug gegen die Schweiz rettete dem DFB in der Nachspielzeit den Gruppensieg bei der EM. Erinnerungen an das Sommermärchen 2006 wurden wach.

Frankfurt – Ein Flügelspieler mit dem Vornamen David brachte den Ball ins Zentrum, wo ein eingewechselter Stürmer das richtige Näschen bewies und Deutschland mit einem späten Tor erlöste, nachdem zuvor einige gute Chancen ausgelassen worden waren: Die Parallelen zwischen dem 1:0-Sieg des DFB gegen Polen bei der WM 2006 und dem Remis gegen die Schweiz am Sonntagabend drängen sich auf.

Niclas Füllkrug ist dabei in die Rolle von Oliver Neuville geschlüpft, David Raum mimte den Vorlagengeber nach Vorbild seines Namensvetters David Odonkor. „Die kamen auch beide damals von der Bank und haben das eine entscheidende Ding gemacht“, jubelte Füllkrug nach der Partie in Frankfurt und verteilte das Lob auch artig an die perfekte Hereingabe von Raum.

Die Hoffnung lautet nun, dass die Szene eine ähnliche Initialzündung liefert wie vor 18 Jahren. Allerdings gibt es auch einige eklatante Unterschiede. Drei davon arbeitet fussball.news heraus.

1) Die Ausgangslage der Spiele gegen Polen und die Schweiz

Die Begegnung mit Polen am 14. Juni 2006 stellte das zweite Gruppenspiel der Heim-WM in Deutschland dar. Seinerzeit hatte der DFB das phasenweise wilde Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München für sich entschieden, konnte sich aber des Einzugs ins Achtelfinale noch nicht sicher sein.

Am Sonntag hingegen ging es gegen die Schweiz nur um die Frage, ob Deutschland als Gruppensieger oder als Tabellenzweiter ins Achtelfinale einzieht, da es sich um das abschließende Gruppenspiel handelte. Mithin stand für den DFB und die Fans weniger auf dem Spiel. „Natürlich gehen wir davon aus, dass man als Gruppenerster das vermeintlich leichtere Spiel bekommt. Aber leichte Spiele gibt es ab jetzt sowieso nicht mehr“, sagte Füllkrug.

2) Die Bedeutung der späten Tore von Neuville und Füllkrug

Unter Protagonisten, Experten und Fans herrscht Einigkeit: Ohne den Sieg über Polen wäre Deutschland bei der WM 2006 nicht ins Halbfinale gekommen, selbst wenn die zwei Punkte mehr letztlich nicht den Ausschlag über den Einzug ins Achtelfinale als Gruppensieger gaben. Dabei ist in Erinnerung zu rufen, wie es im Jahr 2006 um die Nationalmannschaft bestellt war.

Noch im März des WM-Jahres wurde der Ruf nach einem Trainerwechsel laut, nachdem die Elf von Teamchef Jürgen Klinsmann einen Test in Florenz gegen den späteren Weltmeister Italien gehörig in den Sand gesetzt hatte (1:4 aus DFB-Sicht). Die Hoffnungen auf eine erfolgreiche Heim-WM waren in der Folge nicht eben allgegenwärtig. Der Sieg über Costa Rica sorgte noch nicht für die absolute Euphorie.

Der Treffer von Oliver Neuville bei der WM 2006 weckte ein ganzes Land auf.

Dafür war der Treffer von Neuville nötig, der Mannschaft und Fans sehr eng miteinander verschweißen konnte. Plötzlich glaubte das ganze Land an die Chance, beim Turnier weit zu kommen.

Bei der Heim-EM 2024 hat bereits der so verheißungsvolle Auftakt gegen Schottland die größten Sorgen der Fans genommen, es folgte ein insgesamt überzeugendes 2:0 über Ungarn. Natürlich ist die Frage berechtigt, ob eine Niederlage gegen die Schweiz einen großen Dämpfer bedeutet hätte. Der Bedarf der ‚Versöhnung‘ der Mannschaft mit ihrem Anhang ist aber kaum mit der Situation im Jahr 2006 zu vergleichen.

3) Die Reaktion auf den Moment der Ekstase

Der Treffer von Oliver Neuville gegen Polen fungierte bei der WM 2006 wie ein Erweckungsmoment für fast ganz Deutschland. Nach dem Sieg über Costa Rica hatte gerade die bisweilen wacklige DFB-Abwehr noch viel Skepsis hervorgerufen. Ein 0:0 gegen Polen wäre ein gewaltiger Dämpfer gewesen. Das späte Tor ließ stattdessen in Dortmund die Tribüne wackeln. Im größten Bundesliga-Tempel herrschte nach dem Treffer der absolute Ausnahmezustand.

Die Reaktion der Fans am Sonntag kann diesem Vergleich kaum standhalten, wenngleich es wohl der lauteste Moment der bisherigen EM war. Das Tor zu einem Unentschieden wird wohl schon automatisch weniger bejubelt als ein später Siegtreffer. Zudem fand das Spiel in Frankfurt statt, einem in der modernen DFB-Geschichte weitaus weniger mystischen Ort für die Nationalmannschaft als Dortmund, wo beispielsweise der Einzug in die WM 2002 in den Playoffs gegen die Ukraine gelang.

Der 14. Juni 2006 war ein Mittwochabend, in vielen deutschen Städten gab es seinerzeit erste Erfahrungen mit Autokorsos und Feierlichkeiten, die sich bis tief in die Nacht zogen. Derartige Szenen haben sich nach dem Unentschieden gegen die Schweiz nur sehr vereinzelt abgespielt.

Rubriklistenbild: © IMAGO / Oliver Hardt

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