VonDaniel Michelschließen
Für eine Weile verhielten sich Profifußballer auf dem Spielfeld zurückhaltend. Nun gibt es aber neue Provokateure unter den Superstars.
München – In den vergangenen Jahren ist der Fußball relativ brav geworden. Das hatte seine Gründe. Natürlich spielte die Corona-Zeit eine Rolle. Auch die gesteigerte Feinfühligkeit der Gesellschaft und das Intervenieren über Social Media disziplinierte zahlreiche Profis und Vereine. Emotional über die Stränge zu schlagen oder besonders provokativ aufzutreten, passte nicht in diese Phase.
Trash-Talk kehrt zurück auf Europas Fußballfelder
Doch nun scheint es einen Wandel zu geben. Es kracht wieder auf den Fußballfeldern der Welt. Selbst die Mannschaften auf Topniveau werfen alles in die Waagschale, um zu gewinnen. Dabei geht es eben auch um Emotionen, Provokationen und Trash-Talk. Beispiele gefällig aus den vergangenen Wochen?
Beim Duell Ungarn gegen die Türkei (0:3) gingen beide Teams energisch in die Zweikämpfe. Liverpool-Star Dominik Szoboszlai und Real-Madrid-Talent Arda Güler gerieten dabei mehrfach aneinander. Güler machte unter anderem die „sei-leise-Geste“.
Szoboszlai weist Güler auf geringe Einsatzzeit bei Real Madrid hin
Szoboszlai legte in den sozialen Medien nach und schrieb unter einem Post die Zahl 1088. Das sind die relativ geringen Einsatzminuten von Güler bei Real Madrid, weshalb er womöglich auch die Königlichen auf Leihbasis verlässt.
Güler wiederum reagierte in einer Instagram-Story mit der „Schweige-Geste“ und sagte: „Der Typ ist ein Witz. Sind sechs Tore nicht genug, damit Du den Mund hältst?“ Die Türkei hatte im Gesamtscore Ungarn in der Nations League mit 6:1 besiegt.
Die türkischen Fans liefen dann auf dem Instagram-Account von Szoboszlai Sturm und hinterließen über 35.000 (!) Kommentare.
Yamal veräppelt van der Vaart
Ein weiteres kurioses Duell lieferte sich Spaniens neuer Superstar Lamine Yamal mit TV-Experte Rafael van der Vaart. Spanien hatte im Hinspiel der Nations League erst in der Schlussminute bei den Niederlanden den Ausgleich erzielt.
Für van der Vaart Grund genug, Superstar Yamal zu kritisieren – und zwar nicht nur sportlich. Yamal solle doch seine Hose nicht immer so weit nach unten ziehen, beschwerte sich der frühere Real- und HSV-Star.
Im Rückspiel nun lieferte Yamal ein Traumtor, verschoss einen Elfmeter, gewann aber dennoch im Penalty-Schießen mit Spanien. Beim Torjubel zog Yamal seine Hose nach unten und später postete er Fotos dazu auf Social Media. Van der Vaart lenkte allerdings via Ziggo-Sport humorvoll ein: „Ich würde Lamine Yamal raten, nicht so viel darüber nachzudenken, was ein übergewichtiger Ex-Spieler sagt.“
Martínez nimmt Brasilianer hops
Der Meister der Provokation auf dem Platz ist derzeit Argentiniens Weltmeistertorwart Emiliano Martínez. Der wohl beste Torwart der Welt nutzt seit einigen Jahren das Stilmittel der Provokation für den Erfolg. Kein Schiedsrichter scheint sein Verhalten zu sanktionieren.
Am Dienstag schlug Martínez ein neues Kapitel in Sachen Provokation auf. Als die Argentinier im ewig jungen Duell gegen Brasilien mit 4:1 führten, begann der Keeper im Strafraum mit dem Ball zu jonglieren. Eine subtile Demütigung des Gegners.
No way Emi Martinez is doing this during a match vs Brazil 😭😭😭😭
— Janty (@CFC_Janty) March 26, 2025
pic.twitter.com/fRSy6MCqzy
Dabei muss man wissen: Lange Zeit hatte Argentinien keinen Erfolg bei großen Turnieren. Oftmals versagten Lionel Messi und Co. im Elfmeterschießen. Nicht mal die Copa América konnte gewonnen werden.
Beim Turnier 2021 war dann Martínez Stammkeeper – und er wollte alles dafür tun, um zu gewinnen. So begann er bei Elfmeterschießen in extremer Weise Gegenspieler zu provozieren und zu beleidigen. Die Schiedsrichter ließen Martinez gewähren – Argentinien setzte sich in zwei Shootouts durch und gewann die Copa.
Und weil das so gut funktionierte, wendete Martinez dieselbe Methode bei der WM 2022 an. Ebenfalls wurden zwei Shootouts gewonnen – und der WM-Titel gesichert.
Vinícius Junior ist wieder im Duell mit Atletico-Fans
Die Liste an großen Provokationen zuletzt ließe sich beliebig fortführen. Man denke nur an Vinícius Junior von Real Madrid. Als sich die Königlichen vor zwei Wochen in der Champions League im Elfmeterschießen beim Lokalrivalen Atlético Madrid durchsetzten, ging der Brasilianer zu den Atletico Fans und warf demonstrativ vor ihnen seine Trainingsjacke auf den Rasen. Er deutete mit dem Zeigefinger darauf und signalisierte damit: ‚Hier regiert Real‘.
Man darf gespannt sein, wann das Stilmittel der Provokation auch wieder im deutschen Profifußball Einzug hält.
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