VonChristopher Michelschließen
Seit dem 1. Januar 2025 ist Jürgen Klopp bei RB Leipzig tätig. Insbesondere seine herausragende Leistung beim FC Liverpool hat ihn bekannt gemacht.
Leipzig - Jürgen Klopp ist das, was in der Regel als „Menschenfänger“ bezeichnet wird. Der neue Fußball-Boss im Red Bull-Kosmos soll den Klubs aus Leipzig, Salzburg, Bragantino, New York, Tokio und Paris neues Leben einhauchen. Doch RB hat sich mitnichten nur einen Typen mit Charisma und taktischem Wissen an Bord geholt. Klopp zeichnet eine ganz besondere und in dem Business immer wichtiger werdende Eigenschaft auf: Offenheit für Daten.
FC Liverpool versauerte 2010 im Mittelfeld der Premier League
2024 erschien das bemerkenswerte Buch „xGenius“ von James Tippett. In Kapitel fünf „The Boardroom“ wird die Arbeit beim FC Liverpool genauestens beschrieben. Als die Reds 2010 sportlich im Niemandsland unterwegs waren, stieg die von John Henry gegründete „Fenway Sports Group“ (FSG) ein. Nach den Trainern Roy Hodgson, Kenny Dalglish und Brendan Rodgers folgte Klopp im Oktober 2015.
Zunächst aber gilt es auf die Arbeit von Rodgers zu blicken. Die FSG legte bei der Kaderzusammenstellung großen Wert auf Daten. Der Coach hingegen ignorierte Spieler, die auf diese Art und Weise nach Liverpool kamen und vertraute nur auf den eigenen Blick. Ein Beispiel: Roberto Firmino sollte laut Datenanalytiker Ian Graham (von 2012 bis 2022 sehr erfolgreich unterwegs) in der Mitte agieren, Rodgers ließ ihn auf dem Flügel versauern.
Mit Klopp kam der Umschwung - basierend auf Datenanalyse
Der Traditionsklub zog daher die Reißleine und installierte mit Klopp einen „progressiven Manager, der sich im datenbasierten Rahmen bewegt“. Er wurde aufgrund einer umfassenden Datenlage geholt. Borussia Dortmund beendete die Saison 2014/15 auf Rang sieben und war zwischenzeitlich absurderweise Kellerkind. Doch Graham fand aufgrund der „Expected Goals“ (xG) heraus, dass der BVB „das zweitunglücklichste Team der vergangenen zehn Bundesliga-Jahre war“. Der Spitzenklub der Bundesliga hätte statistisch gesehen auf einen Champions League-Rang gehört. Eine Tabelle kann manchmal doch lügen...
Zur Erinnerung: xG bewertet die Qualität von Abschlüssen. Ein xG-Modell verwendet historische Informationen aus Tausenden von Schüssen mit ähnlichen Merkmalen, um die Wahrscheinlichkeit eines Tores auf einer Skala zwischen 0 und 1 zu schätzen. Je größer die Trefferwahrscheinlichkeit, desto höher ist der Wert. Bei einem Elfmeter etwa beträgt dieser 0,77. Konkret: Von 100 Strafstößen werden durchschnittlich 77 verwandelt.
Bei Mo Salah setzte sich das Analyseteam durch - mit großem Erfolg
Dortmund verlor Partien trotz drückender Überlegenheit und hoher xG-Werte. Klopp wurde dadurch zu einem „xG-Believer“, wie es in dem Buch heißt. Graham und der damalige Sportdirektor Michael Edwards waren der Schlüssel bei der Langzeitplanung. Klopp konnte sich auf das Tagesgeschäft konzentrieren. Im Jahr 2017 kam es dann zu einer Entscheidung auf dem Transfermarkt, die hinter verschlossenen Türen sicherlich zu Diskussionen geführt hat.
Das Modell von Graham zeigte auf, dass Mo Salah der perfekte Transfer für Liverpool wäre. Der Grund: Firmino kreierte mit seinen Pässen eine hohe Anzahl an xG - und der zu diesem Zeitpunkt bei der AS Rom spielende Ägypter wäre das passende Match. Klopp wollte stattdessen in der Bundesliga wildern und Julian Brandt (der Spieler selbst sagte, er habe abgesagt. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte) von Bayer Leverkusen loseisen. Doch Graham und Edwards setzten sich durch.
RB-Kosmos hat sich große Expertise gesichert
Während Brandt in der Folge für 25 Millionen Euro zu Borussia Dortmund wechselte und dort seit 2019 wechselhafte Jahre erlebte, reifte Salah bei Liverpool zum Gesicht des Klubs und zu einem Weltklasse-Spieler: 375 Pflichtspiele, 231 Treffer, 105 Vorlagen. Die Reds wurden 2020 nach 30 Jahren wieder Premier League-Meister, sie zogen von 2018 bis 2022 dreimal ins Finale der Champions League ein und triumphierten 2019.
Klopp agierte in dieser Zeit als das Gesicht des Vereins, die Datenanalysten konnten ihre Arbeit ganz in Ruhe und unter dem Radar der Öffentlichkeit laufend verrichten. Diesen Erfahrungsschatz von Klopp hat sich der RB-Kosmos für fünf Jahre gesichert. Sein Faible für Daten und seine Fähigkeit, sich in Diskussionen zu öffnen und andere Perspektiven anzunehmen, kann den Vereinen nur helfen. Der Deal von Klopp ist möglicherweise der erhoffte „Gamechanger“ bei RB.
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