Premier League pumpt halbe Milliarde in Bundesliga – das ist erst der Anfang
VonFlorian Bajus
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Die Premier League gilt durch ihre Finanzstärke als Super League des europäischen Fußballs. In diesem Jahr profitiert die Bundesliga am stärksten.
München – Es war schon aus England herübergeschwappt, doch am 28. August ließ Transfer-Experte Florian Plettenberg um 18.54 Uhr auf dem Kurznachrichtendienst ‚X‘ die Bombe platzen. Nick Woltemade steht vor einem Wechsel zu Newcastle United, als Ablöse winken dem VfB Stuttgart bis zu 90 Millionen Euro.
Nach Stand vom 29. August um 9.22 Uhr haben über 8,3 Millionen Nutzer den Beitrag gesehen. Natürlich war der Überraschungseffekt groß, weil – anders als sonst – nicht minutiös über jeden Verhandlungsschritt des Transfers berichtet wurde. Noch größeres Aufsehen erregte aber die Ablösesumme, mit deren Größenordnung noch vor wenigen Wochen kaum zu rechnen war.
Transfer von Nick Woltemade zeigt Macht der Premier League auf
Woltemade wechselte 2024 ablösefrei von Werder Bremen nach Stuttgart und war vergangene Saison nicht einmal für den Champions-League-Kader nominiert worden. Vor dem Abflug auf die Insel stehen 18 Tore in 36 Pflichtspielen und eine 100-Prozent-Quote im DFB-Pokal zu Buche: In saisonübergreifend sechs Partien erzielte Woltemade jeweils einen Treffer.
Der Star der U21-Europameisterschaft (sechs Tore, drei Vorlagen) hat eine ordentliche Entwicklung durchgemacht. Sind 90 Millionen Euro dennoch gerechtfertigt? Aus Sicht des FC Bayern, der vergeblich um Woltemade gebuhlt hatte, nicht. Den VfB-Verantwortlichen kann diese Diskussion egal sein – denn Geld spielt für die Premier-League-Klubs augenscheinlich keine Rolle mehr.
Coman in guter Gesellschaft – immer mehr Top-Stars im besten Alter zieht es in die Wüste
In dieser Größenordnung wird es selbst für den FC Bayern schwer, Bundesliga-Stars von einem Wechsel an die Säbener Straße zu überzeugen. Umgekehrt dürfen sich die Konkurrenten des deutschen Rekordmeisters über nie dagewesene Einnahmen freuen.
Alleine im bisherigen Transfersommer 2025 haben die finanziellen Schwergewichte der Premier League laut Transfermarkt Ablösesummen über 502,5 Millionen Euro an die Bundesligisten gezahlt. Der Woltemade-Deal und ein möglicher Wechsel von Xavi Simons zu Tottenham Hotspur für 60 Millionen Euro sind da noch nicht eingerechnet. Da beide Transfers über die Bühne gegangen sind, stehen knapp 650 Millionen Euro zu Buche.
Übertroffen wird der 500-Millionen-Euro-Wahnsinn nur von der höchsten englischen Spielkasse selbst. Innerhalb der Premier League sind bereits Transfererlöse in Höhe von 937 Millionen Euro geflossen, an der Spitze steht Bryan Mbeumo, der für 75 Millionen Euro vom FC Brentford zu Manchester United gewechselt ist.
Premier League schüttet Bundesliga mit Geld zu
Demgegenüber zahlte der FC Liverpool 125 Millionen Euro an Bayer Leverkusen für Florian Wirtz und 95 Millionen Euro an Eintracht Frankfurt für Hugo Ekitiké. RB Leipzig kassierte wiederum 76,5 Millionen Euro von Manchester United für Benjamin Šeško und der FC Chelsea zahlte der an der Stamford Bridge gern gesehenen Dortmunder Borussia 56 Millionen Euro für Jamie Gittens.
Dass Kingsley Coman hingegen für 25 Millionen Euro vom FC Bayern zu Al-Nassr gewechselt ist, dürfte den Verantwortlichen des Rekordmeisters wie ein Treppenwitz erscheinen. Lachhaft wirken mittlerweile auch frühere Einnahmen der Bundesligisten durch Verkäufe in die Premier League.
In der gesamten Saison 2024/25 flossen 238 Millionen Euro aus England nach Deutschland, 2023/24 waren es 448 Millionen Euro, 2022/23 betrug die Summe 281,5 Millionen Euro. Selbst vor der Corona-Pandemie kamen „nur“ Einnahmen über 261,3 Millionen Euro in 2018/19 zustande.
Kein Wunder, dass mittlerweile von gesonderten Premier-League-Preisen gesprochen wird, wenn einzelne Spieler ins Rampenlicht rücken. Die englischen Klubs können noch und nöcher investieren, Grenzen sind scheinbar keine gesetzt.
Tim Steidten sieht für die Bundesliga eine Chance
Ketzerisch darf die Frage gestellt werden, wann die Bundesliga nur durch Transfers in die Premier League Erlöse in Höhe von einer Milliarde Euro erreichen wird. Das entspräche in etwa den jährlichen Einnahmen aus den Medienerlösen der Deutschen Fußball Liga (DFL). Ob der englische Spitzenfußball dann einholbar wäre? Daran darf trotzdem gezweifelt werden.
Tim Steidten, der aufgrund seiner Zeit bei Werder Bremen, Bayer Leverkusen und West Ham United beide Seiten des Geschäfts kennt, sieht in diesen Machtverhältnissen aber eine Chance. „Das Kapital, das aus England hierher fließt, sollten wir nutzen, um den Nachwuchs zu stärken. Denn auf der Insel brauchen die meisten Vereine die Nachwuchsarbeit eigentlich gar nicht“, so der 46-Jährige im kicker.
Man müsse die Gelegenheit am Schopfe packen, „eigene Talente auszubilden und Talenten aus dem Ausland die Chance zu geben“, führte Steidten aus. „Das ist unser Weg, und den finde ich nicht verwerflich. Da müssen wir uns auch nicht als Opfer der Engländer sehen.“