Titel winkt

Xabi Alonso, der Bessermacher von Leverkusen

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Weist den Weg nach ganz oben: Xabi Alonso.
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Der polyglotte Baske Xabi Alonso hat den hochtalentierten Kader von Bayer Leverkusen mit seinem Wirken veredelt und steht nun unmittelbar vor der Deutschen Meisterschaft.

Es gibt diese kleine Szene aus dem Training von Bayer Leverkusen neben dem windumtosten Autobahnzubringer, in dem Alejandro Grimaldo Freistöße übt, aber die Kugel nicht im Tor unterbringt. Xabi Alonso schlendert hinzu, redet ein paar Worte mit dem feinen Linksfuß, er schießt erneut - und der Ball biegt sich herrlich mit viel Schnitt in den Winkel. Weil Alonso den entscheidenden Tipp gegeben hat? Unfug, sagt der Trainer Xabi Alonso später, er, Grimaldi, benötige seine Tipps nicht: „Er ist ein top, top Spieler.“

Das ist typisch für diesen Xabier Alonso Olano, vor 42 Jahren in Tolosa bei San Sebastian in Nordspanien geboren, er muss nicht öffentlich betonen, wie sehr er diese Spieler, dieses außergewöhnlich gut zusammenkomponierte Ensemble mit dem Bayer-Kreuz geprägt, entwickelt, geformt hat. Jeder, der Augen hat, sieht es, jeder weiß, dass diese erste Deutsche Meisterschaft für die Bayer-Werkself, für die nur ein Sieg am Sonntag zu Hause gegen Werder Bremen nötig ist, einem einzigen Mann zu verdanken ist, eben Xabi Alonso, dem Mastermind, einem Mann, dem es binnen 18 Monaten gelungen ist, einen ganzen Klub zu verändern, indem er dem in der Vergangenheit zu Larmoyanz und Selbstgefälligkeit neigenden Team genau diese Dosis Seriosität, Disziplin und Geduld verordnet hat, die bislang fehlte.

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Der polyglotte Baske hat dem hochtalentierten Kader diesen Hunger eingeimpft, diesen Antrieb, immer gewinnen zu wollen, sei es Finale oder Freundschaftsspiel, niemals nachzulassen. Er hat Bayer ein neues Selbstverständnis vermittelt, eine neue Mentalität, weit weg von „Vizekusen“ und dem Image, wonach keiner grandioser scheitert als Bayer 04. Nur so kann man 42 Pflichtspiele in Folge nicht verlieren. „Wer sich entspannt, wird bestraft“, sagt er.

Er sagt das im Wissen und der Erfahrung eines Profis, der als Spieler alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gab, Welt- und Europameister, Champions League, Uefa-Cup, zahllose Meisterschaften und Pokale in Spanien, England, Deutschland, dazu galt er bei seinen Klubs FC Liverpool, Real Madrid, Bayern München sowie der spanischen Nationalmannschaft als strategischer Kopf: Dieser Mann hat kein Glaubwürdigkeitsproblem, er ist einer, dem man als Spieler alles abnimmt, weil er selbst so viel mehr erreicht hat. Alonso weiß, von was er spricht, und das meiste hat er besser, erfolgreicher gehandelt als es seine Spieler je schaffen werden.

Damit würde er indes nie hausieren gehen. Alonso, der um ein Haar kein Profi geworden wäre, stattdessen sein Studium der Wirtschaftswissenschaften beendet hätte (ein Kurs hat gefehlt), ist kein Poser, Aufschneider, auch kein Feldwebel, ihm reicht seine Aura, seine Persönlichkeit, seine Kompetenz, Karl-Heinz Rummenigge hat ihn mal als „einen der ganz Großen des Weltfußballs“ umschrieben. Alonso füllt den Raum kraft natürlicher Autorität. Er ist geerdet geblieben, normal, kilometerweit entfernt von Überheblichkeit, gar Allüren. Seine Trainerkarriere lernte er von der Pike auf, zuerst leitete er die U14 von Real Madrid an, dann die B-Mannschaft von Real Sociedad San Sebastian, eine vierjährige Lehrzeit. „Ich gehe zur nächsten Stufe erst, wenn ich vorbereitet bin“, sagt er. Auch deshalb bleibt er ein weiteres Jahr bei Bayer,

Xabi Alonso: Alle Spieler im Kader sind wichtig

„Spieler müssen dir folgen. Du musst ihnen helfen, du musst sie füttern“, lautet mit Verweis auf seine Lehrmeister Pep Guardiola, Carlo Ancelotti oder José Mourinho sein Credo. Und dass alle Spieler im Kader wichtig sind, ist bei ihm kein Lippenbekenntnis: Alonso nimmt alle mit, regelmäßig rotiert er, nimmt sechs, sieben Mann aus der Startelf heraus, bringt andere - und niemand merkt es, denn am erfrischenden Spielfluss ändert sich nichts. Alle wissen, was zu tun ist, die Automatismen haben sie verinnerlicht, das Positionsspiel der Bayer-Elf ist phänomenal. Es gibt bei Alonso keine A-, B- oder C-Elf, somit gibt es kein Qualitätsabfall, wenn Leistungsträger pausieren. Er hat ein mit etwa 142 Millionen Euro vom Chemiewerk großzügig gepampertes Ensemble mit ohnehin überragendem Personal noch einmal auf ein höheres Level gehievt.

Vielleicht sollte an dieser Stelle erwähnt sein, wo Bayer vor 18 Monaten stand, als Alonso von Gerardo Seoane übernahm, Anfang Oktober 2022 war das, und Leverkusen taumelte auf Platz 17. Eineinhalb Jahre später hat Alonso in seinen 54 Spielen 121 Punkte geholt, kein anderer Klub war so erfolgreich. Er hat das auf seine ruhige, zurückhaltende Art getan, seiner Sachkenntnis vertraut, er hat überzeugt, natürlich hat er an Stellschrauben gedreht, die Defensive (Tah, Kossounou, Hincapie) ist so stabil wie lange nicht mehr, 19 Gegentore. Er hat erreicht, dass die Mannschaft geduldig bleibt, cool, nie hektisch wird oder die Brechstange herausholt, die vielen Tore oft in der Nachspielzeit sind Ausdruck enormen Selbstbewusstseins - weil sie wissen, über Qualität zu verfügen, eben in 90+7 noch das entscheidende Tor zu machen.

Und was ist das für ein außergewöhnliches Team! Bayer verbindet individuelle Klasse mit mannschaftlicher Harmonie, heraus kommt ein Fußball zum Zunge schnalzen. Feine Füße (Wirtz, Grimaldo), flinke Füße (Frimpong, Adli, Tella) treffen auf erfahrene Köpfe (Xhaka, Hofmann, Hradecky, Andrich), alle gemeinsam kreieren zeitweise Spielzüge wie an der Playstation. Und vorne lauert ein Victor Boniface, der vollendet, und als er sich verletzte, war Patrik Schick wie selbstverständlich zur Stelle. Es gibt im Bayer-Team, das ein Alonso-Team ist, keinen Schwachpunkt.

Baumeister Xavi Alonso hat eine Mannschaft geschmiedet, die in dieser Saison drei Titel gewinnen kann - und auf Sicht die Dauerdominanz der Bayern brechen.

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