Trotz harter Kritik: ZDF-Pionierin Claudia Neumann findet ihren Weg „traumhaft schön“
VonDaniel Michel
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ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann spricht über die Frauen-EM 2025, Deutschlands Titelchancen und blickt auf ihre Laufbahn im Journalismus zurück.
Mainz – Claudia Neumann gilt als Pionierin des deutschen Sportjournalismus und wird auch bei der Frauen-Europameisterschaft 2025 in der Schweiz als Kommentatorin im Einsatz sein. Die 61-Jährige arbeitet seit über 30 Jahren im Journalismus, zunächst bei RTL und Sat.1, seit 1999 beim ZDF.
Im exklusiven Interview mit Absolut Fussball, dem Fußball-Nachrichtenportal von Home of Sports, spricht Claudia Neumann nun über ihre Erwartungen an das bevorstehende Turnier und die Titel-Chancen der deutschen Nationalmannschaft unter Bundestrainer Christian Wück.
Neumann verrät zudem, auf welcher Position sie einst selbst Fußball gespielt hat – und sie erklärt, warum sie trotz phasenweiser harter Kritik ihren beruflichen Weg als „traumhaft schön“ bewertet.
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Frau Neumann, Sie haben bereits viele Spiele bei großen Turnieren kommentiert. Mit welcher Motivation und Freude gehen Sie nun Ihre Arbeit bei der Frauen-Europameisterschaft 2025 an?
Claudia Neumann: Freude stellt sich automatisch ein, wenn das Turnier wirklich beginnt, weil dann nämlich alle Hausaufgaben erledigt sind. Die Vorbereitung auf ein Turnier ist manchmal zäh und mühselig. Wenn es aber losgeht, sauge ich meine Motivation und meine Leidenschaft einfach aus der Liebe zu diesem Spiel. Ich sitze auf einem schönen Platz im Stadion, von dem aus ich das Spiel sehr gut verfolgen kann, nämlich auf einem Kommentatoren-Platz, und fiebere dem Anpfiff entgegen.
Was erwarten, was erhoffen Sie sich von dieser Europameisterschaft?
Ich erwarte und erhoffe mir, dass es noch mal einen qualitativen Quantensprung geben wird. Ich glaube, diese EM wird das beste Turnier im Frauen-Fußball, das wir je erlebt haben in punkto Tempo und Technik. Auch die kleineren Nationen sind athletisch und taktisch auf der Höhe, haben gute Ideen entwickelt, besonders im Spiel gegen den Ball.
Die großen Teams wiederum haben ihrerseits den nächsten Schritt gemacht, Handlungsschnelligkeit unter massivem Gegnerdruck deutlich verbessert. Heißt, wir werden überwiegend intensive, ereignisdichte Partien erleben, woraus sich auch interessante Dramaturgien entwickeln können. Beispielsweise dann, wenn die vermeintlichen Underdogs in Führung gehen.
Die deutsche Nationalmannschaft geht als Vize-Europameister und Mitfavorit in den Wettbewerb. Klappt es dieses Mal mit dem Titelgewinn?
Ich denke, für die deutsche Nationalmannschaft ist alles möglich, auch der Titel. Wir haben beim DFB-Team in den letzten Spielen vor dem Turnier eine deutliche Qualitätssteigerung festgestellt. Die Mannschaft hat sich nun offenbar gefunden und mit dem neuen Spielsystem von Bundestrainer Christian Wück anfreunden können.
Wichtig wird sein, dass die Mannschaft auch in entscheidenden, in schwierigen Momenten an sich selbst glaubt. Das war bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren, als das Aus schon in der Gruppenphase erfolgte, definitiv nicht der Fall.
In den vergangen Jahren wies die deutsche Nationalmannschaft inkonstante Leistungen auf. Nach dem Erreichen des EM-Finales 2022 folgte bei der WM 2023 der K.o. in der Gruppenphase. Sind es hausgemachte Probleme, die für diese Inkonstanz sorgen? Oder ist dies der Entwicklung im Frauenfußball geschuldet: Zahlreiche Spitzenteams weisen ein ähnlich hohes Niveau auf.
Beide Perspektiven haben ihren Anteil. Keine Mannschaft dieser Welt, auch im Männerfußball, kann permanent und dauerhaft top sein. Auf erfolgreiche Zeiten folgen immer mal schwächere Phasen.
Die deutsche Frauen-Fußballnationalmannschaft stellte lange Zeit die Benchmark dar mit den zwei Weltmeistertiteln in Folge 2003 und 2007. Die Serie der Europameistertitel zwischen 1995 und 2013 muss ich nicht betonen. Dass es irgendwann mal nicht mehr ganz so flüssig laufen würde, ist logisch.
Allerdings haben die Verantwortlichen versäumt, frühzeitig professionellere Strukturen zu schaffen, um die Entwicklung proaktiv voranzutreiben. Es ist eine Binsenweisheit, dass die meisten Versäumnisse im Erfolg entstehen, das trifft es hier ganz gut.
Die Konkurrenz dagegen hat Gas gegeben. Die Niederlande, England und Spanien gewannen ihre historisch ersten Titel, das hatte sich längst angedeutet. Frankreich wäre übrigens fußballerisch überfällig für den ersten Triumph. Dazu sind die traditionellen Frauenfußball-Nationen, in Europa vor allem Schweden, immer im Dunstkreis der Favoriten.
Das DFB-Team will nun neue Erfolge einfahren. Dazu hat der Verband im vergangenen Jahr Christian Wück zum Bundestrainer befördert. Er hat mit den männlichen Jugendnationalmannschaften den WM- und EM-Titel gewonnen, bei der Frauen-Nationalmannschaft verlief der Start dagegen holprig. Wie schätzen Sie die Situation mit Wück ein: War es ein guter Move des DFB?
Die Entscheidung für Christian Wück als neuen Bundestrainer war eine auf der Hand liegende, wenn man die üblichen Entscheidungsmuster zu Grunde legt. In jedem Fall gibt es beim DFB offensichtlich noch kein dauerhaftes Trainerinnen-Scouting. Allerdings ist der Markt im Frauenfußball auch noch recht überschaubar. Eine zweite Sarina Wiegman muss man erstmal finden und zudem unbedingt mehr Frauen qualifizieren mit den nötigen Zugängen zur professionellen Ausbildung.
Die Erfahrung von Christian Wück im Frauenfußball lag zum Start bei null, aber er hatte offensichtlich große Lust auf die Aufgabe.
Mein Gefühl aus den vergangenen Monaten ist: Er hat sich dieser neuen Aufgabe mit Haut und Haar gewidmet. Das Generationen-übergreifende Trainerinnen-Team ist zudem sehr erfahren und gut zusammengestellt.
Wück hat für die Mannschaft eine klare Spielidee auserkoren, daran hat er auch festgehalten, als es zum Start holprig lief. Dem Risiko dieser offensiven Spielweise mit einer insgesamt sehr hoch aufgerückten Elf waren sich alle bewusst.
Es brauchte Zeit Vertrauen zu entwickeln, aber die Spielerinnen waren von Beginn an von seiner Idee überzeugt. Der Fußball, den das DFB-Team nun bietet, ist sehr attraktiv, auch wenn der Defensive die wahre Prüfung noch bevorsteht. Wück und das Team haben die Kurve rechtzeitig vor der EM bekommen. Auf mich hat jedenfalls zuletzt alles einen schlüssigen Eindruck gemacht. Auch die Personalauswahl im Übrigen.
Wenn Sie auf die individuelle Qualität des DFB-Teams blicken: Wer sind die „Unterschiedsspielerinnen“, die Sie besonders hervorheben würden?
Als besonderes Merkmal der deutschen Mannschaft muss man die Dynamik in der Offensive hervorheben. Tempo, Technik und an guten Tagen auch die entscheidende Portion Kreativität, alles drin im Köcher. Die Offensivspielerinnen können tatsächlich die Unterschiedsspielerinnen sein, insbesondere die Außenstürmerinnen Klara Bühl und Jule Brand. Bühl könnte die ihr vom Trainer schon attestierte Weltklasse belegen, Brand ihren internationalen Durchbruch schaffen. Beide besitzen viel Potenzial, haben es aber noch nicht konstant abgerufen.
Darüber hinaus habe ich noch einen „Geheimtipp“ auf Lager: Linda Dallmann. Sie ist 30 Jahre alt und erlebt in der Nationalmannschaft ihren dritten Frühling. Sie konnte bei den letzten beiden Turnieren verletzungsbedingt nicht dabei sein und besaß lange Zeit keinen klassischen Stammplatz in der Mannschaft. Das neue System, in dem sie hinter der Mittelstürmerin zentral kreative, überraschende Impulse setzt, ist ihren Fähigkeiten auf den Leib geschneidert.
Sie selbst sind im Sportjournalismus eine Allrounderin, aber sicherlich ist Ihr Steckenpferd das Kommentieren von Top-Spielen im Fußball. Wann entstand Ihr Traum, Kommentatorin zu werden?
Mein Traum war es, Sportreporterin zu werden. Das Kommentieren ist ein Teil dieses Berufsbildes. Zu Beginn meiner Zeit nahm das Kommentieren von Live-Spielen noch keinen großen Raum ein, schließlich gab es nur selten Live-Übertragungen im Fernsehen außerhalb der Turniere.
Erst durch das Pay-TV hat der Bedarf an Fußball-Live-Kommentatoren Ende der 1990er-Jahre zugenommen.
Es ist die Königsdisziplin, ohne Frage, aber es war kein Traum von mir, es hat sich einfach entwickelt. Als einige erfahrene, etablierte Kollegen sich Richtung Ruhestand bewegten, bekamen Jüngere ihre Chance.
In meinem Fall haben Redaktionsleitung und ich gemeinsam entschieden, dass eine Frauenstimme erstmals beim Fußball-Live-Kommentar wohl zunächst smarter im Frauenfußball aufgehoben sei. Natürlich stellte sich die strukturelle Frage, es war eine prägnante Veränderung der Gewohnheit.
Das Feedback war positiv, der Sender wurde für seine Vorreiterrolle in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit gelobt.
Erst viele Jahre später, auf der sehr exponierten Ebene eines öffentlich-rechtlichen Senders mit Millionenpublikum bei einer Männer-EM und mit Einzug der negativen Social-Media-Mechanismen, ist ein anderes Narrativ entstanden. Eines übrigens, das mit mir persönlich rein gar nichts zu tun hat.
Journalistische Meilensteine von Claudia Neumann
1992 Abschluss Magisterstudiengang Germanistik, Pädagogik und Sport
1992 Nach Hospitanz bei RTL Wechsel zu Sat.1 als Redakteurin und Reporterin (u.a. ran)
1999 Wechsel zum ZDF
2011 Erste WM-Live-Kommentatorin im deutschen Fernsehen bei der Frauen-WM in Deutschland
2016 Erste EM-Live-Kommentatorin beim Turnier der Männer
2018 Erste Einsätze als Live-Kommentatorin bei WM und Champions League der Männer
2023 Erste Live-Kommentatorin CL-Finale der Männer
Haben Sie denn auch selbst Fußball gespielt?
Ich bin eine klassische Bolzplatzkickerin. Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen, habe mit ihnen und weiteren Freunden regelmäßig auf dem Bolzplatz Fußball gespielt. Damals, in den 1970er-Jahren, war ich das einzige Mädchen unter vielen Jungs. Ich hatte damals überhaupt nicht vor, irgendwie im Frauenfußball aktiv zu werden, weil ich den überhaupt nicht präsent hatte. Ich wollte einfach Fußball spielen, habe gekickt, den ganzen Tag mit den Jungs. Später ging es an der Uni weiter mit dem Schwerpunktfach Fußball – und lange Zeit habe ich beim wöchentlichen Redaktionskick noch mitgespielt.
Was ist Ihre Stammposition auf dem Feld?
Ich bin die klassische Neun gewesen.
Ein Stürmer ist in der Regel nur zufrieden, wenn er ein Tor erzielt hat. Wie verhält es sich denn bei Ihnen beim Kommentieren: Was macht für Sie einen guten Fußballkommentar aus? Wann sind Sie mit sich selbst zufrieden?
Zufrieden? Ja, dieses Gefühl kommt schon manchmal in mir auf. Wobei ich es da wohl ähnlich halte wie Spieler, Trainer und Schiedsrichter: Es gibt selten eine perfekte Leistung, deshalb bleibt man stets ehrgeizig und schärft die Sinne nach, um es beim nächsten Auftritt noch präziser zu machen. Außerdem ändern sich auch Zeitgeister, die einen dann vor die Frage persönlicher Justierung stellen. Der Kommentar ist überwiegend Geschmacksache. Im Feedback erleben wir sehr unterschiedliche Haltungen der Zuschauenden.
Ich sehe mich nach wie vor in erster Linie als Journalistin mit gewissen Leitplanken, auch wenn sich vieles – auch zu Recht – in Richtung Unterhaltung bewegt. Letztendlich geht es um eine gesunde Mischung zwischen Analyse, Information und Unterhaltung. Abhängig von Qualität und Wertigkeit des Spiels ebenso wie von Dramaturgie und Atmosphäre im Stadion.
Darstellen was ist, bestenfalls mit Persönlichkeit und Authentizität.
Phasenweise ist auf Sie sehr viel Kritik eingeprasselt. Sie werden immer wieder gefragt, wie Sie diese Phase ausgehalten und überstanden haben. Ist womöglich Authentizität eines Ihrer Erfolgsgeheimnisse?
Ich würde gerne den Terminus Kritik in dem Zusammenhang austauschen wollen. Kritik ist für mich etwas Konstruktives, davon darf nun wirklich nicht die Rede sein, wenn Sie auf Netz-Reaktionen anspielen. Es geht stattdessen um ein Gesellschaftsphänomen, das in jener Zeit, als ich sehr exponiert mit dem Kommentieren von großen Turnieren im Männerfußball startete, gerade zu wachsen begann. Davon sind heute fast alle Menschen betroffen, die in öffentlichen Branchen arbeiten. Frauen zudem in einer abwertenden Art und Weise, die für eine vermeintlich moderne Gesellschaft beschämend ist.
Ich habe kein Problem damit, wenn irgendjemand sagt, die Art des Kommentars oder die Stimme gefällt mir nicht. Ich mag auch das eine lieber, das andere weniger. Allerdings überhöhe ich meine Meinung nicht und gerate schon gar nicht deswegen in unflätige Rage.
Meine Biografie hat deshalb auch weniger mit Durch- und Aushalten zu tun. Alle meine Berufskapitel sind völlig logisch aufeinander aufgebaut. Es gab zudem allzeit kompetente Menschen, die über meinen Werdegang mitentschieden haben. Und ich glaube, dass ich auch über ein gesundes Maß an Selbstreflexion verfüge.
Erhalten Sie noch immer viele hetzerische Kommentare?
Ich kann Ihnen das nicht sagen, weil ich selbst nicht auf Social Media aktiv bin. Ich selber zapfe nie die Primärquelle an. Wenn wir etwas in Social Media recherchieren müssen, dann macht das im ersten Schritt eine Kollegin oder ein Kollege für mich.
Ich habe für mich andere Wege gefunden. Ich bekomme nur Kenntnis davon, wenn es medial gespiegelt wird oder wenn mich Menschen darauf ansprechen.
Zum Abschluss, Frau Neumann: Sie sind nun 61 Jahre alt, haben über 30 Jahre im Journalismus gearbeitet, zunächst bei RTL und Sat.1, ab 1999 dann beim ZDF und gelten als großes Vorbild und Pionierin in Ihrem Metier. Haben Sie sich für die kommenden Jahre beruflich trotzdem noch ein großes Ziel gesetzt?
Nein, beim besten Willen nicht. (lacht) Ich versuche schon länger, mein berufliches Portfolio ein bisschen zu justieren. Ich bin zudem gerne im ehrenamtlichen Bereich tätig, weil mir im Laufe meiner Karriere bestimmte Themen ans Herz gewachsen sind. Hier versuche ich meine Erfahrungen einzubringen, mich auch gelegentlich öffentlich zu engagieren. Speziell innerhalb der Institution „Fußball kann mehr“, in der sich viele kompetente Menschen für mehr Diversität im gesamten Fußball-Business einsetzen.
Und wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Gibt es einen Moment, wo Sie sagen, an diesen erinnere ich mich besonders gerne, weil ich da wusste: Für diesen Moment hat sich der harte Weg nach oben gelohnt?
Der Weg war weitgehend gar nicht hart, er war einfach logisch und bisweilen traumhaft schön! Daran ändern auch fremdgesteuerte Narrative nichts.
Ich durfte in unterschiedlichen Funktionen an so vielen Großereignissen teilnehmen, das ist unvergesslich und ein Privileg für mich: Der WM-Titel 2014 in Brasilien, der Olympiasieg der DFB-Frauen 2016 – ich könnte auch noch weiter zurückblicken: Ich berichtete über die großen Tennis-Turniere, als Boris Becker noch spielte, und ich gehörte dem Reporterteam an, als Jan Ullrich die Tour de France gewann. All das als Journalistin erleben zu dürfen, war und ist maximal erfüllend.