EM-Kader der DFB-Frauen: 23 Nationalspielerinnen sind 2025 in der Schweiz dabei
VonNiklas Kirk
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Der Kader des DFB-Teams für die Frauen-EM 2025 in der Schweiz: Die 23 nominierten deutschen Spielerinnen – von Giulia Gwinn bis zu Talent Cora Zicai.
Frankfurt - Die Spannung war spürbar, als Christian Wück am 12. Juni zum ersten Mal als Bundestrainer der DFB-Frauen seinen EM-Kader präsentierte. Mit ruhiger Stimme, aber erkennbar bewegt, führte er durch eine Liste, die Kontinuität und Mut zur Veränderung gleichermaßen ausstrahlt – und damit einige Überraschungen bereithielt.
Lena Oberdorfs EM-Aus wurde bereits in der Woche vor der Nominierung kommuniziert, ein paar Tage später folgte der Rücktritt von Sara Doorsoun, die ohnehin nicht zum finalen Kader zählte. Die letzte überraschende Streichung betraf Alara Şehitler, die bereits bei der Nations League aufgrund ihrer Abiturprüfungen passen musste. Hinzu kommt große Konkurrenz auf ihrer Position. Aktuell sieht Trainer Wück sie als ein Versprechen für die Zukunft.
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Während neben Alara auch Felicitas Rauch, Vivien Endemann, Lisanne Gräwe und die verletzte Nicole Anyomi – allesamt bewährtes Personal – außen vor bleiben, erhalten mehrere Youngster die Chance auf eine Bewährungsprobe. Zu ihnen zählen Torhüterin Ena Mahmutovic, Carlotta Wamser, Franziska Kett und die kurz zuvor genesene Cora Zicai.
Frauen-EM 2025: Der DFB-Kader in der Schweiz in der Übersicht
Giulia Gwinn - die Führungsspielerin im deutschen Kader
Im Februar 2025 wurde endgültig bestätigt, was zuvor bereits gemutmaßt wurde: Giulia Gwinn übernimmt offiziell das Kapitänsamt der deutschen Nationalmannschaft.
Der Bundestrainer soll eigens nach München gereist sein, um sich persönlich mit der Spielerin des FC Bayern zu treffen und ein ausführliches Gespräch mit ihr zu führen. „Er hat in erster Linie gefragt, ob ich es mir überhaupt vorstellen könnte. Und hat mir dann die Nachricht überbracht, dass das Trainerteam es gerne hätte, dass ich das Amt weiter ausführe.“ Schon vor dieser offiziellen Ernennung hatte sie das Amt als „Kapitänin auf Widerruf“ übernommen.
Auf die Frage nach ihrem Führungsstil nannte die 25-Jährige einen bekannten Ex-Nationalspieler als Inspiration. Besonders in emotionaler Hinsicht habe sie sich stets an Bastian Schweinsteiger orientiert, „weil er verkörpert, wie es ist, wenn sich jemand zerreißt für die Mannschaft, auch wenn alle Knochen wehtun“.
Auch sie selbst versuche, vor allem bei ruhenden Bällen wie Elfmetern, Verantwortung zu übernehmen. Zudem hob Gwinn hervor, worin sie und ihre Stellvertreterin Janina Minge sich von der früheren Kapitänin unterscheiden: „Wir sind vielleicht nicht die extremen Lautsprecher wie Alex Popp, die auch mal auf dem Platz richtig brüllt.“ Über den Platz hinaus setzt sich die 25-Jährige für die stärkere Sichtbarkeit des Frauen-Fußballs ein und verkörpert seinen inklusiven Charakter.
Ann-Katrin Berger - ein beeindruckender Weg zur Nummer 1
Die aktuelle deutsche Nummer 1 ist eine echte Spätzünderin. Zwar wurde Ann-Katrin Berger auch für ein großes Turnier wie die Europameisterschaft 2022 in England nominiert, blieb hier jedoch während der gesamten Zeit ohne Einsatz. Ein ähnliches Bild ergab sich bei der Weltmeisterschaft 2023 in Australien und Neuseeland, wo sie erneut im Aufgebot stand, jedoch nicht zum Einsatz kam. Deutschland schied überraschend in der Vorrunde aus.
Erst bei den Olympischen Sommerspielen 2024 erfolgte der sportliche Durchbruch: Der neue Bundestrainer Horst Hrubesch machte Berger zur Stammkeeperin. Sie rechtfertigte das Vertrauen mit starken Leistungen – unter anderem parierte sie im Viertelfinale gegen Kanada zwei Elfmeter und verwandelte selbst den entscheidenden Strafstoß. Auch im Spiel um Platz 3 gegen Spanien zeichnete sie sich erneut aus, als sie in der Nachspielzeit einen Elfmeter hielt und so zum Gewinn der Bronzemedaille beitrug.
Für die Europameisterschaft 2025 wurde sie von Bundestrainer Christian Wück als feste Größe im Tor erneut nominiert. Diese Entwicklung ist vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Geschichte besonders bemerkenswert. Bei Berger wurde 2017 erstmals Schilddrüsenkrebs diagnostiziert; sie kehrte nach erfolgreicher Behandlung bereits Anfang 2018 ins Training zurück. 2022 wurde eine erneute Erkrankung bekannt, doch bereits wenige Wochen später stand sie wieder auf dem Platz.
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Die Erfahrenen und die Talente: Viel Hoffnung auf Schüller, Däbritz und Co.
Im Kader von Christian Wück findet sich für das anstehende Turnier eine Achse mit geballter Spielerfahrung wieder. Dies beginnt etwa in der Abwehrkette bei Kathrin Hendrich. Die 33-Jährige, die ab kommender Saison nicht mehr für den VfL Wolfsburg, sondern in Chicago die Schuhe schnüren wird, bietet mit 83 Länderspielen eine erfahrene Stütze in der Innenverteidigung.
Diese Routine setzt sich auch im defensiven Mittelfeld fort, wo Sara Däbritz zur Verfügung steht. Bereits 108 Mal lief die 30-Jährige für das DFB-Team auf. Zudem sammelte sie jahrelang Erfahrung in Frankreichs erster Liga, wo sie zunächst mit PSG, später mit Olympique Lyon regelmäßig um den Meistertitel spielte – auch wenn sie zuletzt nicht mehr als unangefochtene Stammspielerin galt. Nach der EM wartet mit Real Madrid die nächste reizvolle Aufgabe.
In der Offensive bringt zudem der Bayern-Block um Klara Bühl, Linda Dallmann und Lea Schüller viel Länderspiel-Expertise mit. Im Falle von Bühl kommt diese trotz ihrer erst 24 Jahre bereits auf 67 Einsätze. Das Zusammenspiel von Bühl und Schüller könnte ein wesentlicher Garant für die Torgefahr werden. Auf der Dallmann-Position kann darüber hinaus auch Laura Freigang mit 39 Länderspielen als feste Größe gehandelt werden.
Die Lasten sollen jedoch nicht allein auf ihren Schultern ruhen. Vor allem in der Offensivabteilung überraschte Wück mit mehreren jungen Spielerinnen, denen möglicherweise bei der EM der Durchbruch winkt. Dazu zählt etwa Carlotta Wamser, die erst bei der Nations League ihr A-Elf-Debüt gab.
Schon deutlich gefestigter – nicht zuletzt aufgrund einer hervorragenden Bundesliga-Saison – ist Selina Cerci. Kurz vor der EM erhält sie im Spiel gegen Österreich, ihrem erst neunten Länderspiel, die Chance, sich festzuspielen. Etwas überraschend ist auch Cora Zicai vom SC Freiburg dabei. Die 20-jährige Stürmerin gab ihr Debüt erst Ende November 2024 beim 6:0-Erfolg gegen EM-Gastgeber Schweiz – damals traf Zicai direkt.
Bundestrainer Wück nominiert Kader für EM 2025: Diese 23 Spielerinnen sind dabei
Bayern-Wolfsburg-Dominanz: viel Qualität für das Turnier, schlechtes Omen für die Bundesliga?
Fluch und Segen zugleich könnte die hohe Konzentration von Nationalspielerinnen auf zwei Vereine darstellen. Der FC Bayern stellt mit sieben Spielerinnen den größten Anteil der 23 nominierten Akteurinnen. Hinzu kommen vier aktuelle Wölfinnen vom VfL Wolfsburg. Während Jule Brand und Kathrin Hendrich nach der Saison ihr Glück im Ausland suchen werden, wechseln mit Stina Johannes und Sophia Kleinherne zwei Frankfurterinnen nach Wolfsburg.
Für das DFB-Team bedeutet diese Konstellation zum einen, dass viele Spielerinnen sich aus dem Bundesliga-Alltag kennen und eingespielte Abläufe erleichtert werden. Zählt man auch die Spielerinnen von Eintracht Frankfurt - bis vor dem Turnier noch Johannes, Kleinherne, Senß, Freigang und Wamser - hinzu, stammen 16 von 23 Kaderspielerinnen von Vereinen, die in der vergangenen Saison zu den Top drei der Bundesliga gehörten.
Diese enge Konzentration offenbart jedoch gleichzeitig strukturelle Schwächen im deutschen Frauenfußball. Während vor allem die Teams aus München und Wolfsburg seit Jahren dominieren und infrastrukturell klare Vorteile gegenüber der Bundesliga-Konkurrenz genießen, fällt es den Vereinen hinter dem Spitzentrio zunehmend schwer, sportlich mitzuhalten. Selbst Mannschaften mit Männermannschaften in der Bundesliga hinken dem FC Bayern sportlich deutlich hinterher.
So lagen zwischen den Münchnerinnen und der TSG Hoffenheim als Tabellensechster bereits 23 Punkte, Werder Bremen auf Platz 7 hatte 30 Punkte Rückstand, und der 1. FC Köln als Zehnter sogar 45 Zähler.
Fußballer, Fußballerinnen und nochmal Fußballer – die Partner unserer DFB-Stars bei der Frauen-EM
Noch immer schreitet die Professionalisierung des Frauenfußballs in Deutschland nicht einheitlich voran. Auch unter den großen Klubs herrscht Uneinigkeit darüber, wie stark und in welcher Form in den Frauenfußball investiert werden soll – etwa in Bezug auf die regelmäßige Nutzung der großen Arenen. Diese Entwicklung spiegelt sich auch bei Eintracht Frankfurt wider, das aktuell einen deutlichen personellen Aderlass verkraften muss.
Die Tendenz, dass ambitionierte deutsche Spielerinnen – sofern sie ausgebildet werden – perspektivisch nur zwischen dem FC Bayern, dem VfL Wolfsburg oder den professionell agierenden Ligen in England und Spanien wählen können, ist eine Entwicklung, die dem DFB langfristig nicht gefallen dürfte. (nki)